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Pfarrer trotz Missbrauchsverdacht nach Eppstein versetzt?

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und im Bistum – hier der Limburger Dom –, beschäftigt jetzt auch die Eppsteiner Katholiken.Foto: pixabay.com

Immer neue Nachrichten über mögliche Missbrauchsfälle durch Geistliche an Minderjährigen haben in den vergangenen Monaten das Bistum Limburg erschüttert.

Katholiken im Bistum seien „schockiert, wütend und fassungslos“, beschreibt Ingeborg Schillai, die Präsidentin der Diözesanversammlung des Bistums in einer Stellungnahme auf der Internetseite des Bistums die Stimmung.

Im Januar gab es erste konkrete Hinweise darauf, dass ein ehemaliger Pfarrer aus dem Raum Marburg unter Verdacht steht, einen minderjährigen Jungen mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Der Geistliche war mehrere Jahrzehnte in der Seelsorge tätig und ist seit 2011 in Ruhestand. Schon damals ahnten einige Eppsteiner, dass es sich um ihren langjährigen Pfarrer handeln könnte. Jetzt ist es Gewissheit, dass die Staatsanwaltschaft Marburg im Januar gegen den heute 72-jährigen B., Pfarrer i. R., die Ermittlungen aufnahm.

Er soll zwischen 1986 und 1993 einen jungen Verwandten über Jahre hinweg sexuell missbraucht haben. Der damals minderjährige Waise lebte als Pflegekind im Haushalt des Priesters. Während der mutmaßlichen Tatzeit und noch bis zu seinem Wechsel nach Eppstein 1999 war der Beschuldigte Pfarrer in Biedenkopf.

Der heute erwachsene Verwandte wandte sich erst im vergangenen Dezember an den Missbrauchsbeauftragten des Bistums Bamberg, wo der mögliche Täter heute seinen Ruhestand verbringt. Das Opfer sagte aus, dass die damals Verantwortlichen des Bistums Limburg Kenntnisse über den Missbrauch gehabt hätten. Die FAZ berichtete in der Woche vor Ostern, dass auch leitende Mitarbeiter des Bistums Limburg 1997 von dem Missbrauch erfahren hätten und nennt explizit den damaligen Personalchef und Domkapitular Helmut Wanka und den damaligen Bischof Franz Kamphaus (1982-2009).

Der heute 87-jährige Kamphaus soll nach Presseberichten im Februar eingeräumt haben, aus heutiger Sicht Fehler im Umgang mit Fällen von Missbrauch gemacht zu haben.

Im Fall B. wurde damals weder eine Strafanzeige erstattet oder ein kircheninternes Verfahren eingeleitet, noch findet sich ein Eintrag in der Personalakte.

Stattdessen wurde der betroffene Pfarrer 1999 für eine neue Pfarrstelle weit weg von Biedenkopf vorgeschlagen: Er kam nach Eppstein und übernahm die damals vier katholischen Pfarreien der Stadt, bis er 2010 vorzeitig in den Ruhestand ging.

Von dem Verdacht gegen den Pfarrer erfuhren weder Pfarrgemeinderat noch die kirchlichen Mitarbeiter.

Ausschlaggebend für die Aussage des Missbrauchsopfers nach so vielen Jahren war offenbar die Berichterstattung im vergangenen Herbst über die MHG-Studie zu sexuellem Missbrauch von Minderjährigen in der katholischen Kirche. In Auftrag gegeben wurde diese Studie von der Deutschen Bischofskonferenz. Kritiker bemängeln, dass es trotz der Studie noch immer kein gemeinsames Vorgehen der Bischöfe bei der Aufklärung kirchlicher Missbrauchsfälle gebe und die Bistümer die potenziellen Täterkreise offensichtlich sehr unterschiedlich definierten.

Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen den früheren Eppsteiner Pfarrer wurde inzwischen eingestellt, da die möglichen Taten von damals verjährt seien. Die kirchenstrafrechtliche Untersuchung läuft noch. Dem Beschuldigten wurde außerdem die Ausübung jeglicher priesterlichen Dienste untersagt.

Auch viele Katholiken in Eppstein sind empört. Vor allem, weil der Vorwurf im Raum steht, das Bistum habe damals einen Seelsorger nach Eppstein geschickt, „dem solche Dinge nachgesagt wurden“, beschreibt die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Dagmar Hirtz-Weiser, was viele Eppsteiner empfinden, denn dann hätte Limburg die Menschen der Pfarrei „einer gewissen Gefährdungssituation ausgesetzt“, sagt sie.

Sie hoffe und bete, dass es in der Kirchengemeinde keinen Missbrauchsfall gegeben habe. Bisher gebe es keine Anhaltspunkte dafür. Auch aus dem früheren Wirkungskreis des Pfarrers in Biedenkopf sei bisher kein weiterer Vorwurf gegen B. bekannt.

Hirtz-Weiser, von Beruf Richterin, betont deshalb, dass bei laufenden Verfahren die Unschuldsvermutung gelte. Als Vorsitzende des Pfarrgemeinderats der damaligen St. Jakobus-Gemeinde Vockenhausen habe sie rund zehn Jahre an der Seite des beschuldigten Pfarrers gearbeitet und habe ihn als zurückhaltenden und zuverlässigen Menschen kennengelernt.

Noch vor Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den ehemaligen Pfarrer ist die Gemeinde aktiv geworden. Pastoralreferent Johannes Edelmann ist seit gut einem Jahr Beauftragter der Kirchengemeinde für Prävention. In den Gottesdiensten an Gründonnerstag und Karfreitag informierte er die Gemeinde über die neuen Missbrauchsvorwürfe im Bistum.

In der vergangenen Woche traf sich der Pfarrgemeinderat zu einer außerordentlichen Sitzung mit einem Vertreter des Bistums, der auf das noch laufende Verfahren hinwies, das vom ehemaligen Präsidenten des Landgerichts Limburg, Ralph Gatzka, geleitet wird.

Dennoch will die Gemeinde offen mit dem Thema umgehen. Tragisch sei, so Hirtz-Weiser, dass die Tat, wenn sie tatsächlich begangen wurde, aus juristischer Sicht längst verjährt ist, weil das Opfer, wie in so in vielen Fällen dieser Art, viele Jahre Zeit brauchte, um darüber sprechen zu können. bpa

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Kommentare

Pfarrer trotz Missbrauchsverdacht

Marx-Ackermann-Kamphaus

Die Luft für den hohen Klerus wird immer dünner !

Es ist nicht nachvollziehbar, warum sich die katholische Kirche immer noch außerhalb unseres Rechtsstaates stellen darf.

Statt die strikte Aufklärung im Zusammenhang mit den Missbrauchsüberlebenden zu fordern,
verdeutlicht Frau Hirtz-Weiser aus meiner Sicht die völlige Hilflosigkeit, indem sie "betet und hofft........

Vermutlich geht es ihr wie den o.g. Herren darum, dass der Ruf der Kirche möglichst wenig Schaden nimmt !!

Besonders eifrig in dieser Angelegenheit ist der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, unterwegs (siehe Prof. Ch. Pfeiffer)

Mit freundlichen Grüßen,
S.Bachert
Eppstein-Vockenhausen

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