Heike Schuffenhauer: Ein großer Schatz, mit Menschen vertraut zu werden

Heike Schuffenhauer im Talar vor der Talkirche – am Samstag, 27. Juni, wird die Pfarrerin dort verabschiedet.Foto: Julia Palmert

Heike Schuffenhauer im Talar vor der Talkirche – am Samstag, 27. Juni, wird die Pfarrerin dort verabschiedet.Foto: Julia Palmert

Noch hängen im Büro von Heike Schuffenhauer im Pfarrhaus der evangelischen Talkirchengemeinde die großen Fotoplakate von den Klavierfesten der vergangenen Jahre –…

… Initiatorin Anna Victoria Tyshayeva machte für jedes der bislang 16 Klavierfeste ein Plakat mit aktuellen Fotos für Schuffenhauer. Spätestens Ende des Monats räumt die Pfarrerin das Büro in der Rossertstraße für Nachfolger Peter Rindermann. Nach über 33 Jahren in der Talkirchengemeinde geht Heike Schuffenhauer in Ruhestand. Am kommenden Sonntag feiert sie beim ökumenischen Jubiläumsgottesdienst zum 175-jährigen Bestehen des Gesangvereins Sängerbund in St. Jakobus ihren letzten Gottesdienst als amtierende Pfarrerin. Am Samstag, 27. Juni, um 16 Uhr wird sie feierlich in der Talkirche in den Ruhestand verabschiedet.

Bleibend ist aus ihrer Sicht zum Beispiel die Erfolgsgeschichte des Klavierfestes. Es steht für sie nicht nur für hochkarätige Konzerte, sondern auch für etwas, das sie während ihrer gesamten Laufbahn als Pfarrerin immer wieder erlebt habe: „Im richtigen Augenblick den richtigen Menschen zu treffen – und dann im richtigen Moment zuzupacken“, sagt Schuffenhauer.

Die Begegnung mit der Pianistin Anna Victoria Tyshayeva sei so ein Moment gewesen. Eigentlich bewarb sich die junge Musikerin als Vertretung des Organisten. Zu Buß- und Bettag 2010 holte sie sie wegen einer Vakanz nach Eppstein, vor allem, „weil das Empfehlungsschreiben so herzlich war“, erinnert sich Schuffenhauer. Die beiden Frauen waren sich sofort sympathisch und Tyshayeva von der Akustik der Talkirche begeistert. So entstand vor fast 16 Jahren die Idee für das erste Klavierkonzert im Januar 2011 und schließlich für ein zweiwöchiges Festival.

Ähnlich zufällig habe sich ihre Idee für die Talkirchenstiftung entwickelt. Anfangs sei es schwierig gewesen, die Menschen dafür zu begeistern, denn 2008 stand die Talkirchengemeinde finanziell recht solide da. Dennoch fing Schuffenhauer an, Geld zu sammeln. „ich putzte regelrecht Klinken und stellte fest: Es gibt in Eppstein Menschen, die mehr bewegen wollen als nur Geld zu geben.“ So holte sie einige Eppsteiner und Eppsteinerinnen in den Stiftungsrat, unter ihnen auch Bauinvestor Matthias Werner, der ganz konkrete Projekte umsetzen wollte: Die Wohnanlage „Domizil am Dattenbach“ in Vockenhausen sollte dauerhaft Mieteinnahmen für die Stiftung generieren, ebenso der Wohnkomplex in der Müllerwies, beides barrierefreie Gebäude – in Eppstein immer noch eine Seltenheit. Schuffenhauer ist stolz darauf, dass die Talkirchengemeinde dabei eine Vorreiterrolle spielt. Auch die Krippe in der Rossertstraße wurde mit Hilfe der Stiftung gebaut.

Immer wieder sei sie im Laufe ihrer Pfarrer-Laufbahn Menschen begegnet, die sie motivieren und für die Gemeinde gewinnen konnte. „Sie sind eine Menschenfischerin“, habe einmal jemand zu ihr gesagt. „Vielleicht“, so Schuffenhauer nachdenklich, „ist das eines meiner Talente“ – wie vermutlich von vielen Pfarrern und Pfarrerinnen, die auf ein lebendiges Gemeindeleben blicken.

Dabei ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer alles glatt gelaufen. Nicht jeder Eppsteiner ließ sich von neuen Ideen überzeugen. Manches Herzensprojekt musste Schuffenhauer auch aufgeben. Die 2003 initiierte Idee einer neue Gedenkstätte für Kriegsopfer, stieß auf ungeahnten Widerstand: Der düstere Ritter in einem der Fensterbögen im Talkirchenchor sollte abgehängt und statt dessen zur Erinnerung an die Opfer der Weltkriege in Eppstein eine neue, leichte Installation aus Plexiglas in der Kirche installiert werden.

„Wir hatten nach langen Diskussionen einen Kompromiss mit Befürwortern und Gegnern gefunden, doch was nach der Veröffentlichung der Idee an Gegenwind aufkam, grenzte an Mobbing und Sippenhaft für den damaligen Kirchenvorstand und mich“, erinnert sie sich. Dennoch habe sie damals nicht daran gedacht, zu gehen, sondern beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. „Zum Glück bin ich nicht nachtragend“, sagt sie lachend und fügt nachdenklich hinzu: „Flucht wäre nicht infrage gekommen für mich, aber es gab Momente, in denen ich über andere Möglichkeiten nachdachte. Das waren aber eher Momente, in denen alles gut war und ich überlegte: „Eigentlich habe ich alles erreicht.“

Aber es blieb bei halbherzigen Überlegungen, „denn ich bin ja gern in Eppstein.“ Auch ihren Ruhestand will sie in ihrer Gemeinde verbringen und ist schon mit Ehefrau Martina in eine Wohnung im „Domizil Dattenbach“ in Vockenhausen umgezogen.

Etliche Menschen ihrer Gemeinde kennt sie seit ihrer Taufe oder der Konfirmation, viele Familien hat sie bei Hochzeiten und auch bei Beerdigungen begleitet. Sie gibt der Kirche am Ort ein Gesicht. „In meinem Beruf ist es ein großer Schatz, dass man mit Menschen sehr vertraut wird. Ich durfte teilhaben am Leben und an der Geschichte von vielen Menschen – so nah, wie sonst kaum ein anderer Außenstehender“, fasst sie zusammen, was für sie persönlich das Wichtigste an ihrem Beruf ist. Gerade bei Trauerfeiern, so belastend sie oft sind, erfahre sie, dass Menschen sich öffnen und trösten lassen.

Andererseits könne so emotionale Nähe auch belastend sein. Das beobachte sie manchmal, vor allem bei jungen Kollegen oder Kolleginnen. Deshalb sei die persönliche Resilienz wichtig – und die gemeinsamen Rituale in der Gemeinde, die durchs Kirchenjahr führen. „Rituale, die durchs Leben begleiten, schaffen Gemeinschaft“, sagt Schuffenhauer.

Burnout und andere Arbeitsüberlastung sind, so Schuffenhauer, eine große Gefahr in sozialen Berufen. Ihr helfe bei Stress und Belastung, dass sie eine robuste Konstitution habe, physisch und psychisch – und eine Frau, die sie stärke und ihr den Rücken freihalte. Außerdem sei ihr Stress oft genug auch selbst gewählt gewesen, zum Beispiel, wenn sie für manche Projekte wie die Stiftungsgründung stundenlang am Computer gesessen habe.

Eine gesunde Selbstfürsorge sei wichtig, daran werde sie immer wieder von Ehefrau Martina erinnert. Martina Ochs kenne sie seit einem Gemeindefest der Pfarrei in Kronberg im Juni 1989. „Wir saßen nebeneinander und waren uns sofort sympathisch“, erinnert sich Schuffenhauer. Zusammen mit einer Freundin gründeten sie zunächst eine Wohngemeinschaft zu dritt. Daraus wurde bald eine Lebensgemeinschaft zu zweit. Seit 1995 leben die beiden als Paar zusammen und schlossen, sobald das gesetzlich möglich war, eine eingetragene Lebenspartnerschaft und ließen sich in der Kirche segnen. Später heirateten sie offiziell in der Talkirche. Bis zu Martinas Rentenbeginn vor einigen Jahren hielten sie ihre Beziehung bedeckt, da Martina Ochs bei einem katholischen kirchlichen Träger arbeitete.

In der Talkirchengemeinde, beispielsweise im Posaunenchor, ist Martina ebenfalls aktiv. „Allerdings hat sie nur wegen mir Posaunespielen gelernt“, verrät Schuffenhauer. Martina Ochs Kreativität liegt eher in der Malerei: Sie ist eine der Gründerinnen des Künstlerstammtischs Eppstein, gehört zur Gruppe der Künstler, die Stromkästen in Eppstein bemalten und hatte eine zeitlang ein Atelier in der Burgstraße. Ihre Hühnergemälde sind in Eppstein längst Kult.

Als großes Privileg empfindet Schuffenhauer, dass sie mit einer vollen Pfarrerstelle immer für eine Gemeinde da sein durfte und bei ihrem Engagement nicht nur seelsorgerisch wirkte, sondern auch ihr persönliches Steckenpferd, die Musik, ausleben durfte. Neben Konzertveranstaltungen, die sie initiierte, wie die Abendmusiken jeden ersten Samstag im Monat war sie auch beim Posaunenchor Eppstein-Hofheim, dem Chor Vox Vallis oder dem früheren Blockflötenensemble treibende Kraft.

Posaune spielt sie seit ihrer Konfirmandenzeit und war schon in ihrer Heimatgemeinde Dietzenbach-Steinberg in der Kirchengemeinde aktiv. Dort ist sie aufgewachsen und entdeckte während der Konfirmationszeit ihre Religiosität. Sie blieb im Blockflötenkreis, gestaltete Jugendgottesdienste und genoss viele Freiheiten, die ihr der damalige Pfarrer ermöglichte. Diese Zeit, so Schuffenhauer, habe in ihr den Wunsch geweckt, selbst Pfarrerin zu werden.

Nach dem Abitur 1981 studierte sie in Frankfurt, Heidelberg und Erlangen. Seit 1987 ist sie im Dekanat Kronberg beschäftigt, machte ihr Vikariat in der Stephanus-Gemeinde Kelkheim – die Kontakte bestehen bis heute – und ein Spezialvikariat in der ökumenischen Centrale in Frankfurt, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland. 1989 kam sie zur Johannesgemeinde in Kronberg und wurde 1993 in Eppstein zur Pfarrerin ordiniert.

Ihren Einführungsgottesdienst feierte sie allerdings in der katholischen St. Laurentius-Kirche, weil der Wernerplatz vor der Talkirche damals eine riesige Baustelle war. „So hatten wir von Anfang an ein gutes Verhältnis zu den Eppsteiner Katholiken“, erinnert sie sich und berichtet von Fronleichnamsumzügen, die der Posaunenchor auch heute noch begleitet, ebenso wie den jährlichen Martinszug. Auch an etliche Sanierungsarbeiten erinnert sie sich noch: Die Fassade der Talkirche und der Innenraum wurden saniert, später das Dach und der Turmhelm – „Es gab immer eine Baustelle“, sagt sie und nennt das als einen Grund, warum sie die Stiftungsgründung so vorantrieb. Sie wollte für die Talkirchengemeinde ein finanzielles Polster schaffen.

Das Familienzentrum betrachtet sie als Erfolgsgeschichte, das als Idee von der Talkirchengemeinde initiiert wurde, sich aber inzwischen als Anlaufstelle und Gemeinschaftszentrum für Eppsteiner aller Altersstufen sehr gut etabliert habe.

Überhaupt sei es ihr wichtig, so Schuffenhauer, dass die Kirche zu den Menschen kommt und sie mitnimmt. So habe sie ihre Gottesdienste schon an den unterschiedlichsten Orten gefeiert: Im Schafstall in Vockenhausen und auf der Wiese auf Hof Häusel. Während der Corona-Pandemie „feierten wir Weihnachten unter freiem Himmel auf dem Glaskopf. Das Klavierfest verlegten wir dank Leiter Bruno Domes auf die Wiese am BG-Heim in der Mendelssohn-Straße, das Jubiläum der Burgschauspieler feierten wir auf der Burg und hielten dort auch eine ökumenische Andacht zum Fest der Vereine“, zählt sie einige Orte auf.

Nach einigen Krisen sei auch das Team im Kindergarten der Gemeinde in der Rossertstraße inzwischen wieder gut aufgestellt. Als Pfarrerin sei sie dort regelmäßig zu Gast gewesen. Ein großes Plakat mit vielen Kindergesichtern, ein Geschenk zum 20-jährigen Kita-Bestehen, hängt in ihrem Büro. Religionspädagogik in Kita und Grundschule sei ihr immer wichtig gewesen. Im geplanten Wechsel der Trägerschaft der Kindertagesstätte „Unterm Regenbogen“ vom Vorstand der Talkirchengemeinde in die gemeindeübergreifende Trägerschaft (GüT) unterm Dach des Dekanats sieht sie eine wesentliche Entlastung für den Kirchenvorstand.

Das Gebäude selbst bleibe, wie auch das Pfarrhaus im Besitz der Gemeinde. Beide wurden in der jüngsten Sondersynode als Gebäude eingestuft, die künftig von der Gemeinde allein getragen werden müssen. Nur die Talkirche wird weiterhin von der Landeskirche unterhalten. Im Pfarrhaus seien umfassende Sanierungsarbeiten geplant. Die Wohnung im Ersten Stock will anschließend der neue Pfarrer übernehmen. Auch das Pfarrbüro bleibe vorerst im alten Pfarrhaus.

In den vergangenen Jahren habe sie zunehmend Verantwortung an den Kirchenvorstand abgegeben, der vieles selbstständig erledigt, sagt Schuffenhauer. Allerdings sei Ehrenamt eine große Herausforderung.

Die Verantwortung für ihre Gemeinde gibt Schuffenhauer nun ab. Offziell verabschiedet wird sie in einem Gottesdienst am Samstag, 27. Juni, um 16 Uhr in der Talkirche. Als Geschenk wünscht sich die langjährige Pfarrerin von ihren Wegbegleitern Grüße, ein paar persönliche Worte, vielleicht auch ein Foto auf einem DIN A4-Blatt, das sie später zu einem Buch zusammenfassen will.

Auch Spenden zugunsten des Familienzentrums sind erwünscht unter dem Stichwort „Abschied Schuffi“ auf das Konto der Ev. Talkirchengemeinde Eppstein, IBAN: DE 8151 0500 1502 2502 2224) oder an die Christoffel-Blindenmission (CBM, IBAN: DE 4637 0205 0000 0000 2020). bpa

Kommentare

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben


X