Befragt von Moritz Mittag und Philipp Heinz sprach der Mäzen über das Thema: „Gutes tun zum Wohle der Gemeinschaft – Wozu wird man Stifter?“
Fährt man an der Musikschule von Eppstein vorbei, mag man sich fragen, wer dieses Gebäude erbauen ließ. Es war Reinhard Ernst mit seiner „Reinhard und Sonja Ernst Stiftung“ – und zwar genau vor zehn Jahren. Die Musikschule feiert dieses Ereignis am 1. November.
Seit dem Jahr 2000 lebt Reinhard Ernst mit seiner Frau Sonja in Wiesbaden. Doch seit seiner frühen Kindheit hat der heute 81-jährige hauptsächlich in Bremthal gewohnt. Wobei ihm vor allem seine Großmutter „Werte und Grundhaltung“ beigebracht habe. Sie habe zu ihm gesagt: „Denk daran, du bist nicht allein unterwegs.“
Dieser schlichte, doch umso gewichtigere Satz sollte von zentraler Bedeutung für Reinhard Ernst werden. Schließlich war er prägend für sein Leben, über das er berichtete. Wortgewandt, mit Witz und Tiefgang – doch vor allem: spannend. Als Unternehmer habe er „die besten Leute“ bekommen. „Offen sein, sagen wo es lang geht – das hat geholfen.“ Und auch nach dem Verkauf seiner Unternehmen, vor etwa zehn Jahren, halte er zu seinen ehemaligen Mitarbeitern Kontakt.
Dennoch, dass der gelernte Speditionskaufmann einmal sein eigenes Museum für abstrakte Kunst in Wiesbaden bauen lassen würde, hätten selbst langjährige Weggefährten kaum erwartet. Begann sich Reinhard Ernst doch erst im Alter von 40 Jahren und nach dem Besuch des Picasso-Museums in Paris für Kunst zu interessieren. Wobei sein Interesse an abstrakter Kunst mit den Jahren wuchs. „Abstrakte Kunst ist das Einfachste. Abstraktion heißt: Man darf sehen, was man will“, bringt es Reinhard Ernst auf den Punkt. Und dies mit einer Selbstverständlichkeit, die nur ein Mensch haben kann, der viel über abstrakte Kunst weiß und verstanden hat.
„Wie sind Sie zum Kunstsammler geworden?“ Dies will Moritz Mittag von seinem Gast erfahren. „Irgendwann hat man mehr Bilder, als man Wände hat“, antwortet Reinhard Ernst, der „vielleicht fünf Sekunden“ braucht, bis er weiß, ob ihm ein Bild gefällt. So umfasst seine Sammlung mittlerweile etwa 1000 Werke. Dazu sagt Ernst: „meine Sammlung ist nicht abgeschlossen. Ich habe Gespräche mit jungen Künstlern.“
Wobei dieser Kunstsammler während seiner Kindheit und Jugend von niemandem an Kunst herangeführt wurde. Deshalb sei es dem Mäzen besonders wichtig, dass Kinder ins Museum kommen. Dieser schöne Wunsch wird ihm erfüllt: Die Führungen für Schulklassen seien bis Februar 2027 ausgebucht. Die enorme Energie, die Reinhard Ernst in sein Museum investiert hat, trägt also Früchte. Um allein schon den Museumsbau besonders reizvoll zu gestalten, habe er mit dem Architekten Fumihiko Maki innerhalb von drei Jahren 211 Museen besucht. Zur Inspiration. Während der fünf Jahre andauernden Bauphase sei er jeden Tag vor Ort gewesen. So entstand ein faszinierendes Museumsgebäude mit neun unterschiedlich großen und hohen Räumen, in denen Werke aus der Sammlung im Abstand von sechs Monaten im Wechsel miteinander ausgestellt werden. Zudem gibt es Sonderausstellungen.
Trotz des enormen Zuspruchs der Besucher – darunter rund 23 Prozent internationales Publikum –, bleibe das „Museum Reinhard Ernst“ ein „Zuschussbetrieb“, der von seiner Stiftung getragen wird. Damit wird nur zu deutlich, dass Reinhard Ernst sich der weitreichenden Verantwortung bewusst ist, die er mit seinem Museum übernommen hat. „Wohlhabende tun viel zu wenig für die Allgemeinheit. Wie viele Menschen opfern ihre Zeit in Vereinen oder in der Kommunalpolitik? Andere sind zu bequem!“
Reinhard Ernst plädiert für eine „Verantwortung für das Wir“. Und zum Abschluss eines überaus reizvollen Abends gibt der Charismatiker seinem begeisterten Publikum seine schlussfolgernde Erkenntnis mit auf den Weg: „Ein gelungenes Leben – man hat das nicht allein geschafft.“ tu


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