GCC-Narren erbeuten Rathausschlüssel und das letzte Hemd

Von pfiffigen Gardetänzerinnen überrumpelt: Bürgermeister Alexander Simon, Erste Stadträtin Sabine Bergold und Ortsvorsteherin Andrea Sehr; Karin Dostal und Jannis Rösner (v.l.) vom GCC Niederjosbach klatschen Beifall. Foto: Uta Kindermann

Eigentlich wollte Eppsteins Bürgermeister Alexander Simon den 12. November in der Besenkammer verbringen. Doch letzten Endes musste er sie räumen und sich dem Narrenmob beim Rathaussturm in Niederjosbach stellen.

Schon gegen 17 Uhr tummeln sich bei etwas Abendsonne und ein wenig Nebel die Mitglieder des Gusbacher Carneval Clubs, die Tanzgarde, die Gesangsformation „Knallbonbons“, Kinder und Eltern, umringt von Neugierigen, vor dem Vereinssaal. Die Fastnachtskapelle „Schlabach-Gebläse“ mit ihren funkelnden Blechblasinstrumenten samt Pauke unter der Leitung von Gunhild Lothschütz spielt sich warm. Auch ohne Heizpilze ist die Stimmung unter dem Narrenvolk aufgeheizt.

Die Hoffnung auf eine prall gefüllte Stadtkasse und der Glaube an die Echtheit des goldenen Schlüssels sowie an den millionenschweren Marktwert des letzten Hemdes eint die Narrenschaft. Als die Glocke 17.11 Uhr schlägt, setzt sich die Menge in Bewegung. Ziel ist das Alte Rathaus in der Kirchgasse. Die Erste Vorsitzende des GCC, Karin Dostal, wird später anmerken, wie froh sie über die Unterstützung der Fastnachtskapelle „Schlabach-Gebläse“ war, sonst hätte der Zug mit Topfdeckeln und Salatschüsseln klappernd zum Rathaussturm marschieren müssen.

Alexander Simon steht schon am Fenster, mit dem goldenen Schlüssel fuchtelnd, wohl kalkulierend, dass dieses Verhalten einen zweiten Goldrausch auslösen könnte. Sitzungspräsident Janis Rösner macht nicht viele Worte: „Gebt uns Kass‘ und Schlüssel her!“ Alexander Simon stört vornehmlich der „Lärm uff de Gass“ und er ist mit dieser Ansicht nicht allein. Eppsteins Kämmerin Sabine Bergold und die Niederjosbacher Ortsvorsteherin Andrea Sehr stehen ihm bei, favorisieren geschlossen die Taktik, sich taub zu stellen und währenddessen Abendbrot zu essen. Als dann noch Andrea Sehr provoziert: „Schickt uns ein Fax, das lesen wir am Aschermittwoch“, brodelt es in der Menge, nicht nur im Glühweintopf.

Sabine Bergold fordert, die närrischen Revoluzzer zu verhaften. Alexander Simon droht sogar mit der Hölle und bringt das Fass der Fastnacht zum Überlaufen. Sitzungspräsident Janis Rösner gibt die Parole aus: „Stürmt das Rathaus, Feuer frei! Jetzt beginnt die Narretei.“ Aber so richtig bewegt sich niemand, außer den Belagerten. Schließlich fassen sich zwei Gardetänzerinnen ein Herz und stürmen im Gleichschritt das Alte Rathaus.

Die sportlichen Tanzgardistinnen leisten ganze Arbeit. Mit einem Tau gefesselt und peinlich berührt, erscheint die bürgerschaftliche Dreifaltigkeit. „Für Gusbach ham wir viel getan.“ Damit versucht Alexander Simon wenigstens den goldenen Schlüssel, der scheinbar nicht diebstahlversichert ist, freizupressen. Doch Obernarr Janis Rösner kontert kurz und knapp: „Schlüssel her, sonst Rübe ab.“

Die drei Überwältigten beugen sich der Narrengewalt und übergeben Stadtkasse, letztes Hemd und goldenen Schlüssel. Das Publikum applaudiert. Die Kinder wühlen fröhlich in der mit bunten Kaubonbons gefüllten Stadtkasse.

Alexander Simon plant dem Vernehmen nach, am 11. November 2023 im Stau bei Ehlhalten zu stehen. Ob ihm das gelingt? Vielleicht lässt sich Hessenmobil etwas dazu einfallen…

Die Fastnachtskapelle spielt. Die Menschen freuen sich, stehen in kleinen Grüppchen mit Glühwein, Limonade oder Bier. Manche wippen im Takt. Einer fehlt im Kreis des GCC: Horst Schlapbach, der im Juli überraschend gestorben ist. Seit 1978 unterstützte er den Verein als Tonmeister, seit 2006 bekleidete er das Amt des Ersten Kassierers.

Rechtzeitig vor Beginn der Kampagne hat der GCC vor wenigen Wochen einen Nachfolger gefunden: Der HNO-Arzt Christoph Striedter wird künftig die Vereinsfinanzen kontrollieren. Beim Rathaussturm dankt GCC-Chefin Karin Dostal Kapelle und Feuerwehr für die Unterstützung. Janis Rösner macht deutlich, dass auch hinter der lachenden Narrenmaske oftmals eine Träne perlt: „Krieg in Europa, das war für uns alle unvorstellbar und trotzdem stehen wir hier, wollen ein Zeichen für Freiheit und Toleranz setzen. Zeigen wir Zusammenhalt, dass das Lachen wieder erschallt.“

Der GCC geht optimistisch in die neue Kampagne. Anders als 2021 ist der Rathaussturm dieses Jahr tatsächlich Auftakt für eine närrische Kampagne mit Veranstaltungen und Sitzungen, wenn auch mit Vorbehalt, dass die Infektionszahlen wieder steigen könnten. „Schoppe-Gucke-Danse“, eine Party mit Musik und einigen Bühnenbeiträgen, ist für Samstag, 4. Februar, geplant, den Senatorenempfang hat der Verein für Ende Januar vorgesehen, Die Jugend steigt am Sonntag, 12. Februar, „in die Bütt“ und zur Prunksitzung lädt der GCC am Sonntag, 19. Februar. Als Vorsitzender des Elferrats wird Janis Rösner wieder die Sitzung leiten und auch beim Fastnachtsumzug am Dienstag, 21. Februar, wird er den Zug ganz vorne im Elferrat mit anführen. uki

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