„Stadtwache“ zwischen Phantasie und historischen Quellen

Auftakt zum 54. Burgfest war der Vortrag „Stadtwache Eppstein – Phantasie und Wirklichkeit“.Foto: Walter Adler

Auftakt zum 54. Burgfest war der Vortrag „Stadtwache Eppstein – Phantasie und Wirklichkeit“.Foto: Walter Adler

Gab es die Stadtwache wirklich? Die historischen Quellen sagen nein, jedenfalls nicht in der Form, wie die Eppsteiner sie in den vergangenen Jahren kennen und schätzen gelernt haben.

Unterhaltsam, historisch korrekt und mit einer wehmütig nostalgischen Note beleuchteten der ehemalige Stadtarchivar Bertold Picard und der letzte Hauptmann der Stadtwache Klaus Wilke am Freitagabend in der Kemenate auf Burg Eppstein ganz unterschiedliche Facetten der Wache.

Selbstverständlich gab es die Stadtwache! Sie war lebendiger Teil von Eppstein, wie die zahlreich eingeworfenen Anekdoten der Gäste in der voll besetzten Kemenate eindrucksvoll bezeugten. Denn auch ohne direktes, historisches Vorbild prägte die Stadtwache fast sechs Jahrzehnte lang das Bild von Burg und der Stadt Eppstein im In- und Ausland. Sie repräsentierte Eppstein bei den Hessentags-Umzügen, nahm an der Steuben Parade in New York teil, war Teil des Neujahrs-Empfangs der Stadt, feierte legendäre Feste, packte auf der Burg handwerklich geschickt an und bewirtete bei vielen Gelegenheiten.

Sie eroberte Herzen beispielsweise das von Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen von April 1999 bis August 2010. Er kam gerne auf die Burg und wurde ihr Unterstützer. Mit ihrem Vereinsleben war die Stadtwache ein quicklebendiger Teil dieser Stadt und damit auch ihrer Geschichte. Nur eben in einem anderen Jahrhundert.

Ihr historisches Pendant waren „die Schützen“, deren Aufgabe es war, die Stadtbefestigung zu schützen. Von ihnen ist nur wenig überliefert. Aber die Quellen belegen, dass diese jungen Männer im Jahr 1520 über 20 Armbrüste mit Winden zum Spannen, vier Handbüchsen vom Kaliber 1 Zentimeter und 14 Stellbüchsen mit 2 Zentimeter Kaliber verfügten. Das 15. und 16. Jahrhundert waren unruhige Zeiten mit vielen Fehden. Militärische Bedeutung hatten die Schützen nie wirklich. Die Burgherren hatten das Sagen, der politische Einfluss der Stadt ging gegen null.

Als 1967 Ludwig Löber, der ehemalige Verleger der Eppsteiner Zeitung die Idee zur Stadtwache entwickelte, hatten sich die Machtverhältnisse längst gedreht. 1968 verwandelte Heinz Oppermann, damaliger Spielführer der „Alten Herren“ der Handball-Abteilung der TSG Eppstein Ludwig Löbers Idee in Realität. Herbert Frank, das letzte noch lebende Gründungsmitglied hatte vergangenen Freitag den Weg auf die Burg gewagt und schwelgte in Erinnerungen. „Unser Herbert war ein ganz wichtiges, großartiges Mitglied“, würdigte ihn Klaus Wilke. Ihren ersten, fulminanten Auftritt hatte die neu gegründete Stadtwache im Rahmen der 650-Jahr-Feier der Stadt Eppstein 1968. Mit geliehenen Kostümen sorgten sie für Ruhe und Ordnung oder wohl eher für grandiosen Spaß und Gaudi in der Stadt. Kaum waren die damals elf Männer und drei Marketenderinnen durch den noch jungen Bürgermeister „Schultheiß“ Richard Hofmann vereidigt worden, bezogen sie ein Biwak auf dem Wernerplatz, fanden festes Quartier in einem baufälligen alten Haus unterhalb der Burg, über dem heutigen Gottfriedplatz, und die Party begann.

„Wir haben gefeiert, dass die Stadt gebebt hat. Das Haus war immer voll, die Stimmung riesig und aus den Flirts entstanden später sogar zwei Ehen“, erinnerte sich Wilke begeistert. Heinz Reinisch beispielsweise feierte seinen Polterabend im Quartier der Stadtwache. Zur Erinnerungsparty am vergangenen Freitag hatte er leckere Serano-Schinken-Schnittchen gespendet. Vor rund 60 Jahren hielt Liesel Oppermann die Party am Laufen und sah nach dem Rechten, wenn halb Eppstein einfiel. „Wir Kinder haben die Stadtwache für diese Hausbesetzung gehasst“, warf Peter Ungeheuer ein. Denn plötzlich stand ihr Abenteuerspielplatz nicht mehr zur Verfügung. Dafür wurde es bunt in der Stadt. Die Stadtwache besetzte die Tore, zelebrierte ihre Wachablösung mit Trommeln und Geleit und erhob Pflasterzoll an den Toren.

In historischen Zeiten erhoben keineswegs „die Schützen“ den Wegezoll. Vielmehr wurde das Zollrecht meistbietend versteigert und die Bürger selbst trieben gegen Gebühr die Maut ein. Für sie war es ein lukratives Geschäft mit den durchreisenden Viehhirten, Kaufleuten und Reisenden, die eine Quittung angeheftet bekamen. Wer als Nicht-Zahler von den Bürgern aufgegriffen wurde, zahlte als Strafe das 60-fache des Pflasterzolls, 50 Prozent davon wanderten in die Tasche des aufmerksamen Mitmenschen.

Wirtschaftlich brachten die Mauteinnahmen für die Stadt allerdings nichts, nur rund ein bis zwei Prozent der städtischen Einnahmen. Sie schürten aber den Zorn der Nachbargemeinden gegen die „Pflasterschisser“, wie die Eppsteiner spottend genannt wurden. 1837 endete der Spuk als Nassau für den Chaussee-Neubau das Chausseegeld erhob und den Pflasterzoll verbot. Die Abneigung der Nachbargemeinden hingegen hielt sich hartnäckig bis in die Neuzeit. Friedensstiftend wirkte die Stadtwache in Bremthal.

Auf Einladung des ehemaligen Bürgermeisters Ralf Wolter bereicherten sie ein Fest in diesem Stadtteil. Mit ihrem Auftritt versöhnten die Recken die Bremthaler ein Stück weit mit ihrem historisch ungeliebten Nachbarn Eppstein. „Danach kamen die ersten Brem­thaler auch zu Eppsteiner Festen“, erinnerte sich Wilke. In ihrem Gründungsjahr nahm die noch junge Truppe ihre Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, sehr ernst: Sie begleiteten den Nachtwächter durch die Straßen und verhafteten „straffällig“ gewordene Bürger. Das waren in erster Linie die damals noch zahlreich vorhandenen Geschäftsleute, Bäcker, Metzger, Handwerker. Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith zeigte Bilder des munteren Treibens. „Es war schon fast ehrenrührig, wenn man nicht verhaftet wurde“ erzählte Wilke. Ein Teil dieser Tradition lebte später beim Prangerfest auf der Burg weiter.

Die Gefangenen der Stadtwache endeten im Karzer, einem Verschlag in der festen Unterkunft. Mit viel Gaudi wurden Ausbruchsversuche mit Wasser abgewehrt, Delinquenten versorgt und freigekauft. So fröhlich ging es in vormaligen Jahrhunderten hingegen nicht zu. Der Bürgerturm in der Untergasse diente als städtisches Gefängnis. Ein nasses Loch, das bei Hochwasser überflutet wurde. Raufende Kerle landeten im Gefängnis oder wurden mit Halseisen am Rathaus dem Spott ihrer Mitmenschen ausgesetzt. Ein hartes Los für Vergehen wie Gotteslästerung, Körperverletzung, Grenzsteinverrückung oder Beleidigung.

Nicht weniger hart waren die „Ehrenstrafen“ für Frauen, wie der Schnabel, einer Schandmaske. Mit ihr wurden „zänkische Weiber“ bestraft, die die nichtsnutzige Männerwelt mit „Faulenzer“ und „Stinkböcke“ tituliert hatten. Der Kuh- und Schweinehirt arbeitete gleichzeitig als Nachtwächter, sieben Schöffen und der Schultheiß bildeten das Untere Ortsgericht und ein Büttel brachte die Angeklagten zu ihnen. Aufgaben wie Nachtwache, Recht und Ordnung sowie Pflasterzoll verteilten sich auf viele Schultern und lagen keineswegs in den Händen der „Schützen“.

Dazu im Gegensatz schulterte die phantasievolle Stadtwache aus der aktuellen Zeit alle diese Tätigkeiten und engagierte sich darüber hinaus auf sozialen Feldern. Ihre Einnahmen aus den Festen gingen in soziale Projekte, das Lösegeld vom Pranger wurde aus der Vereinskasse verdoppelt und gespendet. Doch fehlender Nachwuchs und die strengen Maßnahmen der Corona-Pandemie versetzten der munteren Truppe den Todesstoß. Am 14. Mai 2026 nahm Bürgermeister „Schultheiß“ Alexander Simon, wie berichtet, sie feierlich mit einem Festakt außer Diensten. Die Stadtwache hat Spuren hinterlassen. Dazu zählen nicht nur die sichtbaren, handwerklichen Leistungen an und in der Burg, sondern vor allem die hellwachen Erinnerungen in den Herzen der Menschen. ffg

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