Vor knapp 20 Jahren gab es eine Anregung, damals von der SPD, Eppstein müsse für die Opfer der Judenverfolgung die sogenannten „Stolpersteine“ setzen lassen. Diese Idee setzte sich nicht durch.
2008 ließ die Stadt zum Stadtteil-Jubiläum für Vockenhausen eine Infotafel über die Geschichte von Hof Häusel und seiner Bewohner aufstellen.
2022, 100 Jahre nach dem Bau des Wohnhauses, enthüllte die Missionsgesellschaft WEC International auf Hof Häusel, am Hoftor der ehemaligen Villa, eine Bronzetafel zur Erinnerung an die jüdische Familie Paderstein, die ihren Hof 1938 unter Zwang verkaufen musste und der es danach gelang, nach Südamerika auszuwandern.
Seit wenigen Tagen hängt nun auch eine Gedenktafel an der Villa Mathilde in der Staufenstraße. Sie erinnert an die Geschichte des um 1890 errichteten Gebäudes und das tragische Schicksal des Ehepaars Bäck.
Seine ersten Erkenntnisse über dieses Ehepaar veröffentlichte Bertold Picard schon 1988 in seinem Nachwort zu Emmy Meixner-Wülkers Buch „Zwiespalt“. Darin beschreibt die Tochter des regimekritischen Fotografen Paul Schiemann ihre Kindheit und Jugend in der Burgstadt.
Picards Nachfolgerin Monika Rohde-Reith setzte die Nachforschungen über jüdisches Leben in Eppstein fort und veröffentlichte Aufsätze über das Schicksal von Juden in Eppstein.
Tafel erinnert an Villa Mathilde und ihre Bewohner
Jetzt fasste Rohde-Reith im Auftrag der heutigen Besitzer der Villa Mathilde, Stefan Gelhaar und Ehefrau Juliane Rödl, die Geschichte des Hauses in kurzen Sätzen für eine Gedenktafel an einer Stützmauer zusammen.
Die Anregung zu dieser neuen Infotafel kam von dem inzwischen 94-jährigen Idsteiner Adolf Lang, der als Pflegekind in Eppstein aufwuchs und Jahrzehnte später das Haus suchte, in dem damals sein Kindergarten untergebracht war. Die Diskrepanz zwischen seinen schönen Erinnerungen an das großzügig gebaute Haus mit dem wunderschönen Abenteuergarten und dem Schicksal seiner früheren Bewohner blieb dem Idsteiner sein Leben lang im Gedächtnis. Der Zufall und ein wenig auch die Recherche der Eppsteiner Zeitung brachte ihn mit den heutigen Besitzern zusammen. Die Idee für eine Gedenktafel wurde aufgegriffen und jetzt, dank eines großzügigen Zuschusses des Verschönerungsvereins, verwirklicht.
Der Frankfurter Kaufmann Moritz Bäck wohnte seit 1932 mit seiner nichtjüdischen Ehefrau Johanna in der Villa Mathilde in der Staufenstraße, damals Haus Nummer 6, heute 14. Zu ihrer Geschichte liegt schon lange eine ausführliche Dokumentation vor. Die evangelische Talkirchengemeinde plante 2005 eine neue Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus in Eppstein und wollte die Namen dieser beiden Opfer und des bis heute ebenfalls nahezu unbeachteten Regime-Kritikers Paul Schiemann neu aufnehmen. Das Projekt scheiterte am heftigen Widerstand etlicher Gemeindemitglieder.
Bäck, der 1897 in Ungarn geboren wurde, nahm später die evangelische Konfession an und kam 1907 über Zürich nach Frankfurt, wo er zunächst als Bücherrevisor arbeitete und sich später als Kaufmann selbstständig machte. 1909 heiratete er die evangelische Johanna Maria Neudel. Das Ehepaar führte zunächst ein Geschäft in der Goethestraße und eröffnete 1930 das „Chinahaus“ in der Kaiserstraße.
Noch im Frühjahr 1938 plante Bäck, eine neue Heizungsanlage in das Haus einbauen zu lassen. Im November 1938 floh Bäck, laut Picard vermutlich unter dem Eindruck der Reichspogromnacht gegen jüdische Geschäfte in ganz Deutschland, ins tschechische Mährisch Ostrau. Dort wurde die Ehe für geschieden erklärt. Johanna Bäck führte das Geschäft allein weiter. Kinder hatte das Paar nicht. Bäck versuchte 1939 über Polen nach England zu fliehen. Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 verhinderte seine Flucht. Er blieb in Kelce und wurde 1942 nach Treblinka deportiert und dort 1943 ermordet. Johanna Bäck nahm sich schon 1940 das Leben. Moritz Bäck erfuhr im Exil von ihrem Selbstmord.
Die Villa Mathilde war zunächst Soldatenheim und NS-Kindergarten. 1952 erbte Moritz Bäcks Neffe Georg Wilhelm Bäck aus Mährisch Ostrau das Gebäude und verkaufte es 1960. Heute ist es zum Mehrfamilienhaus umgebaut, der Schriftzug „Villa Mathilde“ am Giebel längst verblasst und unter einer neuen Putzschicht verschwunden.bpa




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