Rita Quack schenkt der Stadt ihr künstlerisches Lebenswerk

Rita Quack (l.) und Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith am neuen Regal mit den gebündelten Kunstwerken, im Hintergrund Jochen Quack und Sabine Bergold. Fotos: Beate Schuchard-Palmert

Mit dem Titel „Alles nur Schein: Rita Quack macht Papiergeld zu Kunst“ berichteten wir in einer der ersten Online-Ausgaben der Eppsteiner Zeitung im Jahr 2003, zu welchen Objekten zerschredderte Banknoten die Bremthaler Künstlerin Rita Quack inspirierten.

Auch damals war Rita Quack längst eine Institution in Eppstein: Zum Beispiel als Kursleiterin von Sommermalkursen im Freien und mit Ausstellungen. Im Laufe der Jahre kamen viele weitere Berichte über Kunstprojekte hinzu.

Jetzt hat die Künstlerin, die seit 1978 mit ihrem Mann Jochen in Bremthal wohnt, ihr Lebenswerk der Stadt vermacht: Knapp 1000 Originale – „alle, die nach den Verkäufen übrig geblieben sind“, so die Künstlerin bei der feierlichen Übergabe – wurden, wie berichtet, dem Stadtarchiv gespendet. Darunter auch zwei hauchfeine Schalen aus Japanpapier und zerschredderten Mark-Scheinen aus oben angeführter Ausstellung. Als die Schalen 2003 entstanden, keine zwei Jahre nach der Währungsumstellung, haftete den, so Quack damals, „Wertlosen“ und „Wortlosen“ Objekten noch etwas Subversives an, ein Hauch von Dekadenz. Mit dem zeitlichen Abstand betrachtet beeindrucken die zeitlose Schönheit der klaren Formen, die Leichtigkeit und die zarten Farben.

Seit 1980 war Quack im Kulturkreis (KKE) aktiv. Damals entstand auch in einem der ersten Kurse des KKE der Freundschafts-Quilt mit den fünf Wappen der Stadtteile, der heute im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Die Künstlerin, die in Göttingen Deutsch und Englisch studierte, lernte als Stipendiatin in Santa Barbara in Kalifornien ihren Mann kennen. Die beiden heirateten, ihre Tochter wurde noch in den USA geboren. Anfang der 1970er Jahre zog die Familie ins Rhein-Main-Gebiet, weil Jochen Quack als Chemiker bei der Hoechst AG arbeitete, und baute 1978 in Bremthal. Dreimal wurden ihre Arbeiten beim Künstlerwettbewerb von Stadt und Kulturkreis prämiert.

1996 gründete die Künstlerin ihre eigene Werkstatt in der Waldallee und lud von Zeit zu Zeit zu Ausstellungen im Atelier, im eigenen Haus oder in der Region ein. Vor einigen Jahren hat sie ihr Atelier aufgelöst, „die Kraft reichte nicht mehr aus“, sagt die an Parkinson erkrankte Künstlerin. Damals versammelte sie in mehreren Abschiedsausstellungen „alles was noch übrig war“: Zeichnungen, Aquarelle, Acrylmalerei, Druckgrafik und Fotografie, Fotobücher und Arbeiten auf und mit Papier.

Die Auseinandersetzung mit japanischer Zen-Tuschemalerei auf einer Japanreise 1992 habe ihre Arbeit sehr geprägt, sagte die Künstlerin. Jede neue Technik wecke in ihr den Wunsch, einen Widerstand zu überwinden, erklärte sie eine ihrer wichtigsten Antriebskräfte, sich neue Arbeitsmethoden zu erschließen. Das entspricht auch Rita Quacks Lebensmotto „Try again. Fail again. Fail better. Fail worse – Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern. Schlimmer Scheitern“. Es stammt von Samuel Becket, den sie wegen seines sprachlichen Minimalismus sehr schätzt und dem sie vor über 20 Jahren einen Bilderzyklus widmete. Oft greift sie alltägliche Dinge auf: Von ihren zahlreichen Reisen brachte sie gezeichnete Fundstücke mit, ein Schweinekopf vom Schlachter regte sie zu einem Zeichenzyklus unter dem Titel „Schwein gehabt“ an. Ausrangierte Stühle, die sie im Sperrmüll gefunden hat, werden zu „Vertretern der Sesshaftigkeit“. Als Gegenentwurf bemalt sie Stühle aus Massenproduktionen mit phantasievollen, individuellen Mustern. Und manchmal laden einfach nur „Leere Seiten“ – ein Objekt aus alten Trockenrahmen und Papier – zum Lesen der witzig-skurrilen Randbemerkungen über „Blancs“ und „White“ ein, da das Papier selbst zu schön sei, um beschrieben zu werden.

Ihre Flexibilität ermöglicht es der Künstlerin bis heute künstlerisch aktiv zu sein. In ihrem laufenden Projekt „Wort Art“ setzt Quack Fragmente aus Zeitungsüberschriften in neue Sinnzusammenhänge. So entstehen seit 2015 eigenwillige Tagebücher, die manchmal Persönliches, manchmal Tages- oder Weltpolitisches in völlig neue Sinn- und Unsinnszusammenhänge setzt.

Sie spielt gern mit Sprache und Formulierungen, oder reduziert sie auf einzelne Buchstaben und nutzt sie als Medium und Motiv. Deshalb wundert es nicht, dass Anagramme ein weiteres Hobby der Sprachliebhaberin sind.

Weithin sichtbar machte sie diese Leidenschaft in den ersten Adventsfenstern, die 2006 in der Nordwand der Burg aufleuchteten: Mit vier Begriffen, die in farbiges Glas eingebettet waren, stiftete sie die Betrachter an, die einzelnen Buchstaben zu neuen „Leuchtbilderfabeln“ zusammenzufügen. Viele ihrer Arbeiten spielen mit einzelnen Worten oder Texten, deren Bedeutung und Mehrdeutigkeit, sich oft erst nach längerer Betrachtung erschließen. In ihren „Asphalt-Stücken“ dokumentiert sie in abstrakten Zeichnungen Risse im Asphalt vor ihrer Haustür in Bremthal. Sie sind „Zeichen der Menschen, die dort waren“, sagt die Künstlerin und kommt immer wieder auf den Roten Faden zurück, der ihre gesamte Arbeit durchziehe: die Zeit und die Spuren, die sie hinterlässt.

Im Alter von 74 Jahren wollte sie ihre gesammelten Kunstwerke an einem guten Ort wissen und fragte deshalb bei Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith an. Als die auf ihre vorsichtige Anfrage, wie viele Arbeiten sie denn haben wolle, begeistert „Alle!“ antwortete, sei die Sache schnell entschieden gewesen, meinte Quack und packte zusammen mit ihrem Mann die nach Themen, Ausstellungen und Projekten nummerierten, sortierten und beschriebenen rund 970 Originale ein.

„Bei Bedarf muss ich noch nicht einmal lange suchen“, lobte Rohde-Reith, dass die Arbeiten systematisch geordnet und katalogisiert seien. Bei einem ersten Besuch im Stadtarchiv stellten Rita und Jochen Quack fest, dass der Ablageplatz dort nicht ausreichen würde und spendeten auch ein stabiles Regal.

Dort lagert nun, abgesehen von einigen Ausnahmen, das Lebenswerk, das in rund 50 Jahren entstand. Eine solche Schenkung sei etwas ganz Besonderes, sagte Erste Stadträtin und Kulturdezernentin Sabine Bergold, die Sammlung stelle einen Wert dar, nicht nur ideell, den sie noch gar nicht abschätzen könne.

Rita Quack verbindet mit dem Abschied von ihren Kunstwerken die Hoffnung, dass ihr Werk eine Spur hinterlässt von ihr als Mensch – und den Wunsch, als Künstlerin etwas zum Image der Stadt beizutragen. Im Archiv „werden besondere Zeit-Zeugnisse verwahrt, gesucht und gefunden“, sagt Quack und hofft deshalb, dass sich „vielleicht irgendwann die Gelegenheit zu einer kleinen Dokumentation“ ergebe. bpa

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