Der Wald ist stark geschädigt

Typischer Buchenwald bei Eppstein im Herbst.    EZ-Archiv

Dem hessischen Wald geht es schlecht. Seit 2019 hat sich der Zustand nicht verbessert. Zu diesem Ergebnis kommt der Waldzustandsbericht (WZB) 2021, den das Hessische Umweltministerium in der vergangenen Woche veröffentlicht hat. Er fasst die Entwicklung des Waldes im Vegetationsjahr von Oktober 2020 bis September 2021 zusammen.

Die mittlere Kronenverlichtung – so wird die stichprobenartige Erfassung der Belaubungsdichte und Verzweigungsstruktur der Baumkronen genannt, mit denen der Gesundheitszustand der Bäume jedes Jahr ermittelt wird – bleibt mit einem Durchschnittswert von 26 Prozent bei allen Baumarten auf hohem Niveau. Bei den älteren Bäumen liegt die mittlere Kronenverlichtung bei 31 Prozent. Bei den jüngeren Bäumen hat sie sich leicht von 20 Prozent im vorigen Jahr auf 14 Prozent verbessert.

Am gravierendsten wirkt sich die drei Jahre andauernde Trockenheit bei den älteren Fichten aus. Deren Kronenverlichtung ist von Jahr zu Jahr stärker geworden und wurde 2021 bei 49 Prozent, also fast der Hälfte, aller älteren Fichten beobachtet. Bei älteren Buchen liegt der Wert bei 33 Prozent. Bei älteren Eichen und Kiefern habe sich der Zustand der Kronen weiter verschlechtert, heißt es im Bericht.

Der Anteil der Bäume mit starken Schäden ist auf 8 Prozent gestiegen, das ist fast dreimal so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen 35 Jahre. Sturm, Dürrefolgen und Borkenkäferbefall haben seit drei Jahren zu Ausfallraten von 3 Prozent geführt. Mehr Bäume mussten nur in den Jahren nach den Stürmen „Kyrill“, 2007, und „Vivian“ und „Wiebke“ 1990/1991 außerplanmäßig gefällt werden.

Die Folge sind Freiflächen und Lücken in den Waldbeständen. Deren Aufforstung ist eine Aufgabe der kommenden Jahrzehnte. Auch in Eppstein. Revierförster Peter Lepke folgt dabei dem Wiederaufforstungsplan des Landes, das Temperatur- und Witterungsprognosen bis 2070 zugrunde legt.

Revierförster Lepke wünscht sich einen Winter mit viel Schnee

Im Waldzustandsbericht wird ein Schwerpunkt auf die Naturverjüngung und das Aufforsten mit einheimischen Baumarten gelegt. Genetische Untersuchungen belegen, dass Bäume schon innerhalb einer Population große genetische Vielfalt aufweisen und Resistenzen gegen Schädlinge oder Umweltfaktoren an die nächste Generation weitergeben.

Das gelte für alle Baumarten, sagt Lepke. Er vermutet, dass auch die jungen Fichten, die auf den Brachflächen nachwachsen, besser gegen Schädlinge und Dürre gewappnet sein könnten als ihre Vorfahren. „Die große Frage ist dabei nicht, ob die Bäume sich anpassen können, sondern, wie schnell der Klimawandel voranschreitet und ob die Bäume das Tempo mithalten können“, fasst Lepke das Kernproblem zusammen.

Witterung und Klima

Die unbeständige Witterung 2021 und ausreichend Regen während der Vegetationszeit habe dem Wald gut getan. Vor allem der Baum-Nachwuchs sei gekräftigt worden, sagt Lepke. Die Jahresdurchschnittstemperatur lag mit 9,2 Grad Celsius knapp 1 Grad über dem langjährigen Mittelwert von 8,3 Grad Celsius. Für den kommenden Winter wünscht sich der Förster: „Schnee, der lange liegenbleibt und nur langsam taut“. Das seien die besten Voraussetzungen für Grundwasserausgleich und Baumwachstum.

Bei den Neupflanzungen habe es 2021 nur geringe Ausfälle gegeben. Etwa in der Eichenschonung bei Niederjosbach, die aus der Spendenaktion der Bürgerstiftung im Frühjahr zugunsten des Stadtwaldes angelegt wurde. Im Wald oberhalb der Obergasse können Spaziergänger beobachten, wie die jungen Eichen heranwachsen. Ein Zaun schützt sie in den ersten acht bis zehn Jahren vor Wildverbiss. Ein bis zweimal im Jahr müssen Brombeerranken zurückgeschnitten werden Erst, wenn die jungen Eichen an die zwei Meter hoch sind, wird die „Baum-Kinderstube“ aufgehoben und der Zaun demontiert.

Der Borkenkäfer sei zwar teilweise spürbar eingedämmt, aber noch längst nicht aufgehalten, heißt es im WZB, auch seien komplexe Schäden an den Rotbuchen weit verbreitet. Der Zustand der Buchen bereitet Lepke auch im Eppsteiner Stadtwald große Sorgen: Vor allem in den höheren Lagen weisen sie Schädigungen auf. Die Hitze der vergangenen Jahre und der Wassermangel in Kombination mit dem kargen Taunusboden habe dazu geführt, dass viele von ihnen regelrecht Sonnenbrand erlitten: Die Wachstumsschicht unter der Borke wurde zu heiß und erhielt zu wenig Nahrung.

Waldverjüngung

Als Gegenmaßnahme helfe nur Verjüngung: Junge Buchen wachsen zusammen mit anderen Laubbäumen unter dem Schutz der älteren nach, Nach zehn bis 15 Jahren werden ältere Buchen gefällt, dann schieben sich aus der Masse der Jungbäume die kräftigsten nach oben. Der Waldzustandsbericht kritisiert, dass in der Vergangenheit die vitalsten und konkurrenzstärksten Bäume oft schon entnommen wurden, bevor sie ihre Samen verbreiten konnten. Dadurch komme es zu einem Verlust an genetischer Vielfalt.

Auch bei künstlicher Aufforstung, beispielsweise einer zerstörten Fichtenschonung, sei es wichtig, möglichst unterschiedliches Saatgut und Saatgut aus unterschiedlichen Jahrgängen oder Beständen zu verwenden, um eine möglichst große genetische Vielfalt zu erlangen.

Beim Nachwuchs setzt auch Eppstein auf Naturverjüngung. Ziel ist ein Mischwald mit Laub- und Nadelbäumen. Als besonders anpassungsfähige Baumart gilt die Traubeneiche. Auch bisher eher selten gepflanzte Baumarten wie Elsbeere, Speierling, Vogelkirsche, Wildbirne, Feldulme, Schwarzpappel und Feldahorn seien vergleichsweise tolerant gegen Dürre- und Hitzeperioden – Allerdings gebe es kaum noch Populationen, die groß genug für natürliche Verjüngung sind.

Bei der gezielten Wiederaufforstung spielt auch die Douglasie eine wichtige Rolle. Mit einem Anteil von 3 Prozent am gesamten Baumbestand ist sie dennoch eher unbedeutend.

Die ältesten Douglasienbestände in Eppstein wurden bereits vor rund 120 Jahren gepflanzt. Bislang ohne Ausfälle. Allerdings ist der „Neubürger“ aus Nordamerika auch nie vollständig integriert worden: Rund um Douglasien ist der Anteil an Mikroorganismen im Boden deutlich geringer als unter heimischen Bäumen. Dennoch will Lepke den Neophyt vor allem auf den bisherigen Fichtenflächen als Pionier einsetzen und den Bestand nach und nach verdoppeln.

Die Fichte als Wirtschaftsbaum werde die Douglasie nie ersetzen, betont Lepke. Knapp 20 Prozent betrug deren Anteil im Stadtwald bis 2018. Über 90 Prozent der Fichten sind seitdem Dürre und Borkenkäfern zum Opfer gefallen.

Entlang einer geographischen Linie von Nordhessen bis zum Rhein hat der WZB Prognosen für die vier Hauptbaumarten Eiche, Buche, Fichte und Kiefer im Klimawandel für die Jahre 2000 und 2100 gegenübergestellt und die Entwicklungen in den Hochlagen von Meißner, Vogelsberg, Wetterau und Taunus verglichen. Für Meißner, Vogelsberg und Taunus sehen die Prognosen, verglichen mit dem Jahr 2000, gut aus, während sich die Aussichten in der Wetterau eher verschlechtern. Grundsätzlich sehen die Experten eine Zunahme bei Eichen und Kiefern voraus, während Buche und Fichte auf rund einem Drittel der untersuchten Standorte schlechter wachsen werden.bpa

Die Rotbuche, Baum des Jahres 2022

Zum zweiten Mal wurde die Rotbuche, Fagus sylvatica, nach 1990 zum Baum des Jahres gewählt „Die Buche hat zwei wichtige Botschaften in Zeiten klimatischer Veränderungen und extremer Wetterereignisse – und deshalb haben wir sie ein zweites Mal gewählt“, erklärt Stefan Meier, Präsident der Stiftung Baum des Jahres. „Die letzten Jahre haben allen Wald-, Stadt- und Parkbäumen stark zugesetzt. Auch der Zustand der Altbuchen ist kritisch.“ erklärt Meier bei der Ausrufung des Baum des Jahres 2022. „Dass sogar Buchen so unter den letzten Jahren der Trockenheit und Schäden gelitten haben, schockiert mich als Förster“ sagt Meier, denn eigentlich hat die Buche in Deutschland optimale Wachstumsbedingungen. Sie kann Jahrzehnte im Schatten großer Waldbäume ausharren bevor sie in Führung geht.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht. Hoffnung macht, dass erste Untersuchungen an Jungwüchsen gezeigt haben, dass auch die Buche fähig ist, mit Klimaveränderungen umzugehen. „Die ‚Mutter des Waldes’, wie die Buche im Volksmund auch genannt wird, ist aber mehr als ein Problemfall oder eine Baumart unter vielen im heimischen Wald“, so der wiedergewählte Deutsche Baumkönig, Nikolaus Fröhlich.

Die Buche hat viele Facetten: Erwähnt man sie, tauchen Bilder in den Köpfen auf: Da formieren sich widerstreitende Lager um alte Buchenbestände, Baumartenanteile und wertvolle Biotope. Dem Nächsten kommen Leimbindebalken aus kleinen Buchenstäbchen in den Sinn, einem anderen sauber geschichtete Brennholzstapel – den wenigsten hingegen die im Sommer allgegenwärtigen Eisstiele und all die anderen Alltagsgegenstände die aus dieser vielseitigen Baumart hergestellt sind.

Die Rotbuche verdankt ihren Namen nicht der Färbung ihrer Blätter, sondern dem leicht rötlichen Holz. Sie ist der häufigste Laubbaum im heimischen Wald und erreicht eine Höhe von bis zu 45 Metern.

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