Naturfilmer und Förster zur Zukunft des Waldes

Panorama-Ansicht des Laubwaldes um den Ortskern von Eppstein aus diesem Sommer. In den bewusst übersättigten Bildern lassen sich Verfärbungen im Grün, die auf geschädigte Bäume hinweisen, leicht ausmachen. Foto: Klaus Sparwasser

Der Eppsteiner Dokumentarfilmer Klaus Sparwasser war in den vergangenen 15 Jahren auf allen Kontinenten unterwegs und hat dort Entdeckungen, aktuelle Forschungsprojekte und das Spannungsfeld von Mensch und Natur für zahlreiche TV-Sender dokumentiert.

Sein neuestes Projekt führt ihn in den heimischen Wald. Noch ist er auf der Suche nach einem Sender für seine Filmidee über Wald und Klima und deren gesellschaftspolitische Relevanz. Schon jetzt sei absehbar, dass der Waldzustandsbericht 2021 alarmierend ausfällt. Er will mit seinem Film die Konsequenzen einer Ökonomie zeigen, die weiterhin auf unendliches Wachstum setzt, und unterschiedliche Konzepte und Ideen für Nachhaltigkeit am Beispiel des Waldes darstellen.

Sparwasser hat sich für sein neues Filmprojekt vor einigen Tagen mit Eppsteins Revierförster Peter Lepke in der Enklave „die Mark“ getroffen. Einig sind sich beide, dass schnelles Aufforsten keinen Sinn macht. Schon jetzt sehe man an vielen Freiflächen, dass sich die Natur selbst zu helfen weiß: Auf einer gerodeten Fläche bei Niederjosbach schieben sich schon nach wenigen Jahren kleine Bäumchen durch das Dickicht von Brombeeren, Sträuchern und Holzresten. Unterschiedliche Arten entwickeln sich der natürlichen Auslese entsprechend, sobald sie genügend Raum und Licht finden.

Anders als der Biologe Sparwasser will der Förster dennoch an einigen Stellen lenkend eingreifen und beispielsweise zwischen die natürlich wachsenden Bäume auf der Freifläche in Niederjosbach im Frühjahr 6000 junge Eichen setzen. Für den Nonnenwald bei Ehlhalten will er die in der Region selten gewordene Bergulme wiederansiedeln.

Für beide Projekte hat er Sponsoren: Die Eichenpflanzung finanzieren Eppsteiner Bürger mit ihrer Spende für die Aktion der Bürgerstiftung „1000 Bäume für den Stadtwald“. Die Ulmenpflanzung will der Lions Club finanzieren.

In den vergangenen Wochen hat Naturfilmer Sparwasser sich intensiv mit der Entwicklung vom ehemaligen Urwald zum modernen Wirtschaftswald beschäftigt. Vor 8000 Jahren bedeckten Bäume Europa flächendeckend von Lissabon bis Moskau. Seitdem ist mehr als die Hälfte der Waldgebiete verschwunden. In Deutschland, so Sparwasser, ist noch etwa ein Drittel der früheren Bewaldung übrig.

Die jetzt vom Absterben besonders stark betroffenen Nadelwälder in Deutschland sind oft erst vor 50 bis 100 Jahren gepflanzt worden. Meist mit Fichte und Douglasie, die beide nicht zu den heimischen Baumarten zählen. Fast 50 Prozent des deutschen Waldes bestehen aus Nadelwald, viele als Monokulturen angelegt und weit davon entfernt, das ökologische Gleichgewicht zu wahren. Das rächt sich jetzt, darin sind sich viele Experten einig.

Obwohl in Eppstein der Nadelholzanteil mit 25 Prozent vergleichsweise gering ist und davon nur etwa 14 Prozent Fichten sind, zeigt sich angesichts der lang anhaltenden Trockenheit, drei heißen Sommern in Folge und einer Borkenkäfermassenvermehrung, dass die Schäden in den Fichtenbeständen besonders groß sind. Aber auch Kiefern und sogar die Buche leiden zunehmend unter der Klimaveränderung. Heftige Stürme haben den bereits angeschlagenen Bäumen außerdem zugesetzt.

Die Trockenheit ist inzwischen schon seit Mai 2018 dauerhaft. Das Wasserdefizit im Boden wird von Jahr zu Jahr größer. Nicht nur die oberflächennahen Böden sind betroffen, sondern auch im unteren Waldboden herrscht nahezu landesweit dramatischer Wassermangel.

Der Klimawandel wird sichtbar

Die Grundwasserspiegel sinken überall. Deshalb trifft der Dürrestress Bäume in höheren Lagen besonders. Davon sind auch Eppsteins Höhenzüge betroffen, wie Sparwasser mit Panoramafotos von Eppstein anschaulich macht (sie sind diesem Bericht auf unserer Webseite angefügt). Wenn es dann einmal regnet, nimmt der trockene Boden die Wassermenge nicht mehr auf. Es läuft ab, ohne die Wurzeln der Bäume zu erreichen. Hinzu kommt der steigende Trinkwasserverbrauch, insbesondere im Sommer. Sparwasser hat recherchiert, dass das Geo-Forschungsinstitut in Potsdamm für 2019 ein Wasserdefizit für Deutschland von 43,7 Milliarden Tonnen ermittelt hat. 2020 fehlen immer noch 34,7 Milliarden Tonnen Wasser.

Eppsteins Wald ist noch vergleichsweise intakt. So sind etwa 40 bis 45 Hektar der insgesamt rund 600 Hektar Waldfläche um Eppstein schwer betroffen. Aber selbst die mit 20 Hektar größte Einzelfläche auf der Eppsteiner Enklave „die Mark“ bei Oberjosbach, ist zumindest nicht der Erosion ausgesetzt.

Sparwassers Empfehlung, die Freifläche einfach der Natur zu überlassen, hält Lepke an dieser Stelle dennoch nicht für sinnvoll. Bereits im Frühjahr hat er rund 2000 Douglasien dort pflanzen lassen, wohl wissend, dass viele der jungen Schößlinge die ersten Jahre nicht überstehen werden. Ökologisch hält er den ursprünglich aus Amerika stammenden Baum, anders als Sparwasser nicht für bedenklich. „Er bietet schon in wenigen Jahren langsam wachsenden Baumarten notwendigen Schatten“, ist Lepke überzeugt und für die spätere Vermarktung sei Nadelholz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Bau- und Möbelholz werde auch in Zukunft benötigt, betont Lepke. Schon jetzt verbraucht Deutschland mehr Holzprodukte als Holz produziert wird. Lepke führt als Beispiel den Raubbau in osteuropäischen Urwäldern an: „Wenn wir es nicht hier unter streng kontrollierten Bedingungen wachsen lassen, werden anderswo Wälder ausgebeutet.“

Deshalb will er den Douglasienanteil im Eppsteiner Wald in den kommenden Jahren sukzessive auf sechs bis acht Prozent erhöhen, nicht als Monokultur, sondern als eine Nadelbaumart in einem Mischwald mit heimischen Arten wie Eichen, Buchen, Lärchen, Linden, Ahorn und Ulme. Auch auf einige der gut 200 Jahre alten Fichten auf der Mark setzt Lepke Hoffnungen. Sie haben Borkenkäferbefall und Dürre bislang überstanden.

Auch er ist überzeugt davon, dass der Wald in Zukunft ein völlig anderes Bild bieten wird. Die Fichte wird es auf Dauer nicht mehr geben. Viele Bäume, auch Laubbäume, werden den Trockenstress nicht überstehen. Umso wichtiger ist es, den Umbau des Waldes zunächst der Natur zu überlassen, zu beobachten und zu lernen, ist Sparwasser überzeugt: „Stabilität entsteht durch Vielfalt und natürlich gewachsene Strukturen.“

„Frühestens in zehn Jahren sollten wir damit beginnen, den natürlichen Nachwuchs behutsam auszudünnen“, sagt auch Lepke. Er hofft, dass die Forschung, beispielsweise an der Universität Frankfurt, bis dahin neue Baumarten untersucht hat, die die Klimaerwärmung besser ertragen und gleichzeitig die gleichen ökologischen Aufgaben übernehmen. Die südeuropäische Flaum-Eiche beispielsweise ist ein aussichtsreicher Kandidat als Ersatz für die heimische Stileiche. bpa

Weitere Artikelbilder:

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
7 + 0 =
Lösen Sie diese einfache mathematische Aufgabe und geben das Ergebnis ein. z.B. Geben Sie für 1+3 eine 4 ein.

Neueste Kommentare

Kommentiert am 23.09.2020
Sportfreunde: "Abtreten des Parkstreifens …
Kommentiert am 21.09.2020
Sportfreunde: "Abtreten des Parkstreifens …
Kommentiert am 18.09.2020
Sportfreunde: "Abtreten des Parkstreifens …
Kommentiert am 14.09.2020
Hauptstraße Tempo 30
Kommentiert am 14.09.2020
Standortsuche für den neuen Kindergarten


X