Krisen des Alltags mit Humor meistern

Der Jugendpreis der Bürgerstiftung ging an zwei Gruppen aus Eppstein und Einzelbewerberin Merit aus Bremthal. Foto: Julia Palmert

Der Jugendpreis der Bürgerstiftung ging an zwei Gruppen aus Eppstein und Einzelbewerberin Merit aus Bremthal. Foto: Julia Palmert

Die Krisen und den Alltag mit Humor nehmen und öfter miteinander lachen, empfahl Stadtverordnetenvorsteherin Andrea Sehr beim Neujahrsempfang der Stadt und griff damit in ihrer Ansprache die heitere und gelöste Stimmung im Bürgersaal auf …

… – übrigens ihre letzte Rede in dieser Funktion, bevor sie am 19. Februar die Nachfolge von Sabine Bergold als Erste Stadträtin antritt.

Sehr warf einen Blick auf die Kommunalwahl am 15. März und auf ihre Zeit als Stadtverordnetenvorsteherin. 31 mal versammelten sich die Stadtverordneten in der aktuellen Wahlperiode. 448 Vorlagen und rund 600 Beratungsgegenstände wurden beraten oder beschlossen.

Bei allen Herausforderungen riet sie: „Nimm‘s mit Humor oder nimm‘s leicht!“ betonte aber: „Nicht leichtfertig, sondern aus einer anderen Perspektive, nicht als Betroffener.“ Dann könne es gelingen, „dass wir gemeinsam und nicht jeder für sich etwas Positives gestalten.“ Lachen sei eine Kraftquelle und koste zudem nichts, gab die künftige Stadtkämmerin den Gästen mit auf den Weg.

Den Ankommenden schüttelten Bürgermeister Alexander Simon und Erste Stadträtin Sabine Ber­gold beim Eintritt in den Saal die Hände. Sie hatten reichlich zu tun. Der Saal füllte sich schnell. Mit einem Glas Sekt oder Orangensaft stießen die Gäste auf das neue Jahr an, freuten sich sichtlich über dieses erste offizielle Wiedersehen 2026 und hatten sich viel zu erzählen, wie das Stimmengewirr verriet.

Andrea Sehr beschwor in ihrer Rede ein Bild von Eppstein, das nicht nur eine Burg habe, sondern auch eine Festung im Ehrenamt sei. Das abwechslungsreiche Programm, das Simon und Bergold zusammengestellt hatten, bewies, das Eppstein eine Vereinsstadt ist und zeigte dennoch nur ein paar Facetten: Burgfräulein Lusie I. und Nachfolgerin Nathalie I. stellten sich in gemütlicher Runde den Fragen des Bürgermeisters.

Eva Waitzendorfer-Braun, neue Vorsitzende der Bürgerstiftung, ehrte im Rahmen des Jugendpreises drei Sieger und überreichte Urkunden und Geldpreise an Merit Schweikart für ihr ausgefallenes Hobby, das Klöppeln (wir berichteten), den Verein Eppsteiner Kids und Freunde für ihren selbst gedrehten Film über „Den Club der drei ???“ und das Geheimnis von Eppstein sowie an die Fair­trade-Gruppe der Freiherr-vom-Stein-Schule, die sich jedes Jahr neue Aktionen für ihre Mitschüler ausdenken.

Der neu gegründete Verein „Wurfkollektiv“ stellte auf der Bühne die Sportart Discgolf vor, die mit Frisbeescheiben ausgeführt wird und wies auf seine beiden neuen Dart-Anlagen mit wettbewerbstauglichen Turnierscheiben hin, eine fest installierte im Alten Rathaus in Bremthal, und eine mobile, die an diesem Tag im Foyer des Bürgerhauses etliche Besucher zum Testwerfen anlockte.

Ehrenurkunden für ihr vielfältiges und langjähriges Engagement erhielten Gisela Rasper, Martin Alberts und Regina Martin sowie der Sängerbund Vockenhausen, der dieses Jahr das 175-jährige Bestehen des Männerchors und 50 Jahre Frauenchor feiert.

Die beiden aktuellen Präsidenten des Lions Club Eppstein, Rouven Höfer und Joachim Haas, gaben einen Überblick über ihre Aktivitäten 2025 mit einer Gesamtspendensumme von über 24 600 Euro.

Auf die Finanzen der Stadt kam Bürgermeister Alexander Simon in seiner Neujahrsansprache ohne Umschweife zu sprechen: „Es steht ernst um die kommunalen Finanzen.“

Steigende Kosten für Versicherungen, Strom, Gas oder Wartungsarbeiten bekomme die Stadt genauso zu spüren wie Privathaushalte. Die Grundsteuererhöhung auf 1450 Prozent sei klar kommuniziert und nun mit breiter Mehrheit beschlossen worden. Die Frage, ob die Erhöhung vermeidbar war, beantwortete er sibyllinisch: „Ja und nein. Das galt es abzuwägen“, sagte er und zählte auf, wie viele freiwilligen Leistungen entfallen würden ohne eine Grundsteuererhöhung: Vereinsförderung, Unterstützung für die Musikschule, des Kulturkreises oder kulturelle Veranstaltungen. „Burgfestspiele, Adventsfenster, Weihnachtsmarkt. Alles fällt aus“, zählte Simon auf. Der Colibri als Bürgerbus-Nachfolger würde eingestellt, Geburtstagsgratulationen, Seniorenberatung und Jugendarbeit eingeschränkt.

Beim Neujahrsempfang präsentiert sich Eppstein als Ehrenamtsstadt

Blumenschmuck im Stadtgebiet und auch den Neujahrsempfang oder die Sportlerehrung gäbe es nicht mehr. Und trotzdem würden die Streichung aller freiwilligen Leistungen im Gesamthaushalt von rund 45 Millionen Euro noch nicht einmal eine Millionen Euro ausmachen – umgerechnet 200 Punkte Grundsteuer, rechnete Simon vor. „Dafür hätten wir alles aufgegeben, was unsere Stadt so lebens- und liebenswert macht.“

Eppstein stehe mit dieser Problematik nicht allein. Vier von fünf Kommunen in Hessen machen Defizite. Inzwischen stecken, so Simon, „wirklich alle Kommunen und Landkreise in einem finanziellen Dilemma“. Manche könnten ihre Defizite noch aus Rücklagen ausgleichen, wo das nicht mehr gelinge, sei mancherorts die Diskussion zur Grundsteuer schon jenseits der 2000er Marke eröffnet.

In Eppstein kenne man Sparhaushalte bereits seit vielen Jahren, sagte Simon. Mit Sofortprogrammen habe man entgegengewirkt und eine breite politische Mehrheit für weitere Prüfungen und Konsolidierungen erhalten. Gelungen sei das auch dank eines guten Teams an Mitarbeitern, mit gutem Fachwissen. Sie müssten viel einstecken, würden täglich beleidigt, angeschrien, bloßgestellt – im direkten Gespräch und in digitalen Netzen. Das sei ein unhaltbarer Zustand, so Simon, den er nicht verschweigen wolle.

Trotz aller Hindernisse sei 2025 viel umgesetzt worden: Der Wechsel vom Bürgerbus zum Colibri sei hervorragend gelungen. Der im Frühjahr begonnene neue Kindergartenbau wurde schon im November bezogen. Als erste Kommune im Kreis sei Eppstein an der Entwicklung eines Windparks beteiligt.

Viele ehrenamtliche Helfer hätten dazu beigetragen, dass zwei Wahlen reibungslos funktionierten, sagte Simon und bedankte sich für seine Wiederwahl.

Weitere Themen waren Starkregenschutz, Hochwasserschutz und der Start fürs neue Klimaschutzkonzept. Energieberatung, eine neue Ladestation für Elektroautos, das neue Parkraumkonzept für die Altstadt, die Sanierung der Waschräume im Kindergarten in Bremthal, neue Straßendecken, der Ausbaubeginn im Feuerwehrhaus Ehlhalten, der Einbau einer Akustikdecke in der Dattenbachhalle. Zwei neue Regiomaten wurden aufgestellt, die rund 2000mal pro Monat genutzt werden. Mit einem Eisautomat bieten sie neue Einkaufsmöglichkeiten im Ort. Die Planung für zwei neue Radwege gehe voran.

Für 2026 kündigte Simon den Beginn der Großbaustelle auf der Umgehungsstraße B455 an und die Erweiterung der Burg-Schule mit einer modernen Mensa, Klassen- und Nebenräumen. Eppstein sei eine Familienstadt, betonte Simon, und die Zahl der Kinder in der Vergangenheit gestiegen.

Er dankte Eppsteins Bürgerschaft für die Unterstützung zahlreicher Projekte der Vereine, Kirchengemeinden und der Stiftungen. Das vielfältige und reiche Angebot, das Eppstein, so Simon, „zur Vereinshauptstadt im Main-Taunus-Kreis“ mache, könne nur mit anhaltendem, herausragendem ehrenamtlichen Engagement von Menschen gelingen, die sich für andere einsetzen.

Den musikalischen Rahmen gestaltete der Jubiläumsverein Sängerbund. Von Smetana bis Udo Jürgens und Vangelis reichte ihr Repertoire. Als Hommage an Eppstein sangen sie zum Abschluss des Neujahrsempfangs Felix Mendelssohn Bartholdys „O Täler weit, o Höhen“, von dem die Eppsteiner behaupten, dass der Komponist dazu in den Wäldern am Staufen inspiriert worden sei.bpa

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