Gedüngt wird, um die Pflanzenvielfalt im Heu zu erhalten

Ina, Nils, Michael und Tom Bendl mit Haflinger Mango auf dem Hof bei Niederjosbach. Foto: Beate Schuchard-Palmert

An den Traktor-Konvoi kurz vor Weihnachten durch Eppstein erinnern sich Michael Bendl und Ehefrau Ina sehr gern. Denn selten sehen sie vom Führerhaus ihres Fendt-Traktors aus so viele lächelnde und grüßende Menschen am Wegesrand wie an diesem Abend.

„Das hat richtig gut getan“, erinnert sich Ina Bendl. Damals organisierten Michael Bendl und Bremthals Ortsvorsteher Guido Ernst innerhalb weniger Tage eine weihnachtliche Lichterfahrt durch Eppstein, an der sich spontan über 20 Landwirte aus Eppstein und den Nachbarstädten mit geschmückten Traktoren beteiligten.

Ein wenig Werbung in eigener Sache sollte es auch sein. Denn die Landwirtschaft hat in Deutschland ein ernsthaftes Imageproblem. Während die Kinder von Landwirten andernorts bereits als „Tierschinder“ oder „Tiermörder“ beschimpft werden, nehmen im dicht besiedelten Ballungsraum zwischen Frankfurt und Wiesbaden die Konflikte zwischen Spaziergängern, Hundehaltern und Radfahrern einerseits und den Landwirten auf der anderen Seite zu.

Im Alltag begegnen ihnen die Menschen selten mit einem freundlichen Lächeln, „oft genug werden wir sogar beschimpft“, beobachtet Ina Bendl, dass sich die Konflikte zuspitzen: Dass Heuwiesen bis kurz vor der Mahd zum Fußballspielen oder als Hundeauslauf genutzt werden, ist an der Tagesordnung, ebenso zugeparkte Feldwege und Wegkreuzungen, „sodass wir oft genug mit unseren großen Maschinen gar nicht in einen Weg einbiegen können“, erzählt Michael Bendl. „Wenn ich mit voll beladenem Anhänger nicht in den Straßengraben ausweiche, bekomme ich einen Vogel gezeigt“, schildert Ina Bendl, was sie vor allem während der Erntezeit im Sommer häufig erlebt.

Und immer wieder bekommen sie zu hören, dass Wiesen und Wege öffentlich seien und Teil der Natur, die jedem zur Verfügung stünde. „Die Menschen scheinen zu vergessen, dass wir mit unseren großen Maschinen den Platz brauchen“, sagt Michael Bendl, „und, dass wir die großen, mit modernster Technik ausgestatteten Traktoren nicht zum Spaß fahren, sondern, um die strengen Vorgaben zu erfüllen.“ Per GPS-Steuerung streuen die Maschinen Zentimetergenau aus. Dabei achte er genau auf den richtigen Zeitpunkt bei Vegetation und Witterung, „damit wir nur so viel Dünger einsetzen wie unbedingt notwendig und er möglichst gleich mit dem Regen in den Boden einsickern kann“. Das spare nicht nur Zeit und Geld, sondern sei auch ökologisch sinnvoll. „Aber das bedeutet auch, dass wir an Sonn- und Feiertagen unterwegs sind und Spaziergänger uns das als Schikane vorwerfen. Deshalb fahre er oft nachts, um sich Diskussionen über Düngemittel und Pflanzenschutz zu ersparen.

Die meisten Menschen benutzen die Feldwege so, als wären sie öffentliche Flächen wie Straßen und Bürgersteige. Dabei sind viele Feldwege im Privatbesitz. Verordnungen über die Landwirtschaftswege in Hessen reichen bis weit ins 19. Jahrhundert und in nassauische Gesetzgebung zurück und wurden, glaubt man den Ausführungen von Heimatforscher Hans Jungels über „Felddienstbarkeiten im Herzogtum Nassau“, noch nie überarbeitet. Demnach hat die Landwirtschaft dort immer noch Vorrang, mag es Hundebesitzern oder Radfahrern noch so widerstreben. Abgesehen davon appelliert das Ordnungsamt der Stadt an Hundebesitzer, ihre Tiere grundsätzlich an der Leine zu führen.

Eppsteins landwirtschaftlich genutzte Flächen sind mit rund 200 Hektar ohnehin überschaubar und werden inzwischen nur noch von einer Hand voll Landwirten bewirtschaftet. Der 44-jährige Michael Bendl aus Niederjosbach ist einer von zwei Vollerwerbslandwirten, die Eppstein verblieben sind. Er hat rund 100 Hektar gepachtet für den Anbau von Gerste, Weizen, Raps, Mais und als Weide- und Grasland für seine Galloway-Rinder und ist seit fünf Jahren Ortslandwirt für Niederjosbach und Bremthal. Michael Roth, der Landwirtschaft und Pferdeweiden hat, ist Ortslandwirt für Vockenhausen, Eppstein und Ehlhalten. Beide haben, genau wie die wenigen Nebenerwerbslandwirte in Eppstein, unter der Trockenheit der vergangenen Jahre gelitten und Ernteeinbußen hinnehmen müssen. Nach drei trockenen Jahren in Folge sind die Reserven aufgebraucht. Bendl wartet dringend auf Regen, insbesondere jetzt, während der beginnenden Vegetationszeit.

„Die Böden in den höheren Taunuslagen sind leider nicht gut genug für biologische Landwirtschaft“, bedauert er. Deshalb setze er dem eher mageren Boden Nährstoffe wie Stickstoff, Schwefel, Phosphat und Kali zu, Mineralien, die die Pflanzen zum Wachsen brauchen. Dabei werden zunächst Bodenproben entnommen und der Dünger individuell zusammengestellt, damit nicht mehr Mineralien als unbedingt notwendig aufgebracht werden. „Wir düngen den Boden, um ihn zu verbessern und für unsere Nachkommen zu erhalten, nicht um Raubbau zu betreiben“, betont Bendl.

Seine Rinder brauchen möglichst viele unterschiedliche Kräuter, um optimal zu wachsen. Auf ungedüngten und dadurch ausgedünnten Wiesen, verdrängen seiner Beobachtung nach häufig einzelne Pflanzen nach und nach die anderen Kräuter. Solche dominanten Kräuter sind beispielsweise die für Rinder giftige Herbstzeitlose und das Jakobskreuzkraut. Etliche seiner Wiesen in Naturschutzgebieten, beispielsweise im Daisbachtal, könne er deshalb schon nicht mehr mähen. In seiner Kindheit gab es noch acht Bauern in Niederjosbach, erinnert sich Bendl. Er selbst stammt nicht von Landwirten ab, kam aber schon als Junge nahezu täglich auf den Aussiedlerhof bei Niederjosbach, um mitzuhelfen. Später machte er eine Ausbildung zum Landmaschinenschlosser und übernahm 1998 den Hof als Pächter im Nebenerwerb. Er begann bald darauf mit einer Kuh und einem Kalb seine Gallowayzucht und pachtete und kaufte nach und nach Land dazu und baute einen Vollerwerbsbetrieb auf. Mit der gelernten Tischlerin Ina Maul fand er eine Partnerin, die sich genauso leidenschaftlich für die Landwirtschaft interessierte und zog 2009 mit ihr und den beiden Söhnen Nils (13) und Tom (15) auf den Hof. Landwirtschaft sei eine Lebenseinstellung, sagen die beiden. Man lebe mit der Natur, von der Aussaat bis zur Ernte und mit dem Tagesablauf der Tiere.

2014 kam die ziemlich sanierungsbedürftige Hundepension auf dem Hofgrund dazu. Gemeinsam erneuerten sie Hundehaus und Auslauf. Ina Bendl absolvierte eine Schulung an einer Hundeakademie und betreut heute im Nebenerwerb bis zu 20 Hunde im „Dogs Inn Taunus“. Auch die beiden Söhne, sind in den Tagesablauf integriert: Sie kümmern sich beispielsweise um die drei Pferde .

Seine rund 60 Galloway Rinder füttert Bendl nur mit eigenem Heu und eigener Silage. Die alte, ursprünglich in Schottland beheimatete Rinderrasse zeichnet sich durch ihre Genügsamkeit aus: Sie bildet ausschließlich mit Grasfutter hochwertiges Fleisch aus und benötigt, anders als moderne Zuchtrinder kein Kraftfutter. Dafür wachsen die Tiere langsamer: Bis Bendl ein Rind schlachten kann, steht es 24 bis 30 Monate auf der Weide oder, im Winter, in einem offenen Laufstall, berichtet Michael Bendl. Umso mehr trifft es ihn, wenn das Heu durch Hundekot verunreinigt ist: Hundekot im Heu kann nachweislich Totgeburten bei Rindern verursachen. „Wir produzieren hier Lebensmittel auf höchstem EU-Standard“, betont Bendl und ärgert sich darüber, dass viele Menschen das einfach ignorieren. Wer dann noch Hackfleisch für zwei Euro im Discounter kaufe, das von Tieren stamme, die mit Kraftfutter aus Sojabohnen-Monokulturen gemästet würden, könne wohl selbst kaum von Tierwohl und Naturschutz sprechen, ärgert er sich.

Ein Lichtschimmer und Anerkennung ist deshalb für die beiden die steigende Nachfrage nach ihrem Rindfleisch, auch wenn es teurer ist als das Angebot im Supermarkt. Seit 2007 sind die Bendls auf dem Eppsteiner Weihnachtsmarkt mit einem Stand vertreten und verkaufen Galloway-Bratwürste und Weihnachtsbäume und werben für Fleisch und Wurst aus eigener Produktion. Das war ein Herzenswunsch von Ina, die aus Eppstein stammt und sich deshalb auf das jährliche Treffen mit Freunden auf dem Markt freut.

Weil der Weihnachtsmarkt im vorigen Jahr ausfiel, luden sie erstmals zum Weihnachtsbaumverkauf auf den eigenen Hof ein. Im kommenden Herbst wollen sie einen eigenen Verkaufsraum samt Zerlegeraum einweihen. bpa

Weitere Artikelbilder:

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
8 + 4 =
Lösen Sie diese einfache mathematische Aufgabe und geben das Ergebnis ein. z.B. Geben Sie für 1+3 eine 4 ein.

Neueste Kommentare

Kommentiert am 12.04.2021
Eppstein will Testzentrum in Dattenbachhalle …
Kommentiert am 08.04.2021
Online-„Impfbrücke“ für übriggebliebenen Impfstoff
Kommentiert am 06.04.2021
Online-„Impfbrücke“ für übriggebliebenen Impfstoff
Kommentiert am 17.03.2021
Carsharing per App: Elektroautos jetzt auch am …
Kommentiert am 12.03.2021
Eppsteiner Arzt startet Petition


X