Cavaris King mit Mode im Stil der 50er Jahre zurück zu den Wurzeln

Cavaris King präsentiert die jüngste Kollektion im Flur ihres Hauses in Vockenhausen.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Ob Global Player wie Ruco oder Eppstein Foils, das Lokal um die Ecke, produzierendes Gewerbe oder Dienstleister – Auch die Eppsteiner Unternehmen leiden unter den Folgen der Corona-Pandemie, sei es, dass Kunden ausbleiben oder Material und Rohstoffe.

Wir haben uns bei den Kleinstunternehmern umgesehen und fragen, wie gewerbliche Einzelkämpfer ihre Kunden bei der Stange halten oder neue akquirieren und mit welchen Ideen sie durch die Krise zu kommen versuchen.

Bei Cavaris King bewirkte die Corona-Pandemie vor allem, dass sie sich in ihre kleine Nähwerkstatt im Souterrain des Einfamilienhauses in Vockenhausen zurückzog, um an einer neuen Kollektion für ihre Online-Boutique sewglowboutique.com zu arbeiten. Die gebürtige US-Amerikanerin lebt seit gut drei Jahren mit Mann und drei Kindern in Eppstein. Nach der Geburt des jüngsten Kindes gab sie ihren Job bei der US-Armee auf und widmete sich zunächst der Familie und suchte zum Wiedereinstieg in den Beruf einen Bürojob. „Eigentlich nähte ich mir nur einen neuen Rock für das Vorstellungsgespräch“, erinnert sich die 38-Jährige. Er war aus einem farbenfrohen Stoff mit einem typischen afrikanischen Muster in leuchtenden Farben. „Darüber trug ich einen dunklen Blazer und eine schlichte Bluse, aber das Nähen gefiel mir so gut, dass ich den Job abgelehnt und beschlossen habe: „Ich möchte etwas Kreatives tun. Ich will nähen!“

Es folgten Nähkurse, zunächst über Youtube, aber auch bei der Volkshochschule. Das Nadelkissen in Patchwork-Technik, das heute noch neben ihrer Nähmaschine steht, ist eine ihrer ersten selbstgenähten Arbeiten.

Viele Stunden folgten, in denen sie eigene Entwürfe umzusetzen versuchte und vor allem Erfahrungen sammelte, „zum Beispiel müssen Stoffe, Faden, aber auch Nähmaschine und Nadeln von bester Qualität sein, sonst lohnt sich die Arbeit nicht“, meint sie lachend. Außer einer Profinähmaschine vertraut sie ihrer alten Pfaff von 1960, die immer noch akurater näht als viele jüngere Nähmaschinenmodelle.

Auch bei den Schnitten macht sie keine Kompromisse und näht jedes Modell so lange, bis jede Falte, jeder Verschluss so sitzt, dass er gut aussieht und auch für die Trägerin bequem ist. Einige Grundlagen habe sie in Nähkursen gelernt, die meisten Techniken hat sie sich jedoch selbst beigebracht und dabei ihren ganz eigenen Stil entwickelt: Afrikanische Muster, farbenfrohe Stoffe und Kombinationen von unifarbenen und gemusterten Stoffen verarbeitet sie zu Röcken und Kleidern, zu denen sie die Mode der 1950er Jahre inspiriert haben: Weite Röcke und schmale Oberteile, kurze, boleroartige Jacken. Vorbilder findet sie in alten amerikanischen TV-Serien, aber auch in der Kunst. Zum Beispiel bei Karikaturist Al Hirschfeld, dessen Zeichnungen sie früher in der New York Times betrachtet hat: „Ich liebe seine wunderbaren Details bei Stoffen, Accessoires und Möbeln.“

Aufgewachsen ist Cavaris King im Bundesstaat North Carolina. Das Interesse für die Geschichte ihrer Vorfahren hat sie von ihrer Großmutter übernommen, die vor vielen Jahren nach Ghana reiste, um mehr über die Herkunft der Familie zu erfahren und von dort der Enkelin ein afrikanisches Kleid mitbrachte. Das war ein Schlüsselerlebnis. „Ich fand das Kleid toll, getraute mich aber nicht, es in der Schule zu tragen, weil es so ungewöhnlich war“, erinnert sich Cavaris King. Heute sehe sie das ganz anders. Bei den Festen an der International School ihrer Kinder betreut sie jedes Jahr den afrikanischen Tisch und trägt dann eines ihrer eigenen Modelle – auch um neue Kundinnen zu gewinnen, wie sie freimütig einräumt. Denn trotz Internet-Shop gewinnt sie viele neue Kundinnen durch Mundpropaganda.

Die von ihr entworfene Mode versteht sie als eine Symbiose der unterschiedlichen Wurzeln der US-Amerikaner: „In unserem Blut tragen wir Spuren unserer afrikanischen, amerikanischen und europäischen, manchmal auch asiatischen Vorfahren.“ In der Kleidung der 1950er Jahre findet sie die perfekte Verkörperung der europäisch-amerikanischen Wurzeln und in den farbigen Stoffen das afrikanische Erbe. Deshalb geht sie bei der Auswahl der Stoffe besonders gründlich vor und war zunächst enttäuscht, dass fast alle Stoffe mit afrikanischen Motiven, Mustern und Farben in Holland, auf Java oder auch in China bedruckt werden, sogar viele Stoffe für den afrikanischen Markt. Ein schwacher Trost sei, dass andere Designer offensichtlich die gleichen Quellen nutzen wie sie: Die afro-französische Modedesignerin Amivi Gunn aus Offenbach beispielsweise verwendet für ihre Mode die gleichen Stoffe – „aber mit ganz anderen Schnitten und ganz anderer Wirkung“, sagt King.

„In den regulären Stoffmärkten und bei den Großhändlern habe ich bisher noch keine original afrikanischen Stoffe gefunden“, sagt sie enttäuscht. Und wenn ein Stoff sich gut verkaufte, war es oft schwierig, ihn nachzubestellen. Als Beispiel zieht sie einen Stoff mit schwarz-weißem großblumigem Muster hervor. Die Kombination sei bei ihren Kundinnen besonders beliebt, ist aber nicht mehr lieferbar.

Deshalb hat sie inzwischen begonnen, mit Hilfe einer nigerianischen Stoffdesignerin eigene Muster zu entwerfen. Kommuniziert wird übers Internet. Dazu hat sie sich mit unterschiedlichen Farbskalen beschäftigt und hat in Berlin eine Druckerei entdeckt, die auch kleinere Mengen Stoff mit individuellen Mustern und nach Bedarf bedruckt. Zu dieser Firma, sagt sie, werde eine ihrer nächsten Geschäftsreisen führen. Für ein Kleid benötigt sie je nach Größe und Rockweite sechs bis acht Meter Stoff. Deshalb sei Stoffdruck nach Bedarf allemal billiger als 1000 Meter Stoff günstig in China drucken zu lassen, den sie weder lagern noch verarbeiten könne.

An einer neuen Kollektion arbeitet sie etwa vier Monate, sagt King. Derzeit bereitet sie ihre Herbstkollektion vor. Für zwei Kleider benötigt sie etwa zwei Wochen, in der gleichen Zeit näht sie drei Röcke. Individuell maßgeschneiderte Kleidung dauert etwas länger.

Um ihren Traum von afrikanisch-amerikanischer Mode aus afrikanisch designten Stoffen weiter zu verwirklichen, hat sie sich noch einiges vorgenommen: zum Beispiel einen Kurs in Modedesign, damit ihr die nächste Kollektion noch leichter von der Hand geht.

Kleidung von Cavaris King gibt es auf ihrer Homepage www.sewglowboutique.com.bpa

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