Von Zauberwort und Mondnacht – Willkommen in der Romantik

Pianist Rudolf Lutz und Tenor Georg Poplutz verzauberten die Zuhörer mit einem romatischen Musikabend im Konzertsaal der Musikschule.Foto: Ulrich Häfner

Wer in einer Burgenstadt wohnt, müsste von Natur aus romantisch veranlagt sein. So war es nicht verwunderlich, dass am Muttertag viel Publikum zur Musikschule strömte. Der Kulturkreis Eppstein hatte zu einem Liederabend mit dem Tenor Georg Poplutz und dessen Pianisten Rudolf Lutz eingeladen.

Da Romantik die Mutter aller Sehnsüchte ist, schien der Termin bestens geeignet für ein Konzert.

Das Motto „Nur über uns die Linde rauscht“ könnte als Gegenstück zu Schuberts „Winterreise“ gelten. Die Musiker spannten einen dramaturgischen Bogen zwischen Gedichten Joseph von Eichendorffs und kreierten eine Wanderschaft, die in Stationen wie „Gedanken auf der Wanderschaft“ oder „Hörner und Stille“ gegliedert war. Da wurden Liebe, Waldträume, Verführung und Abschied zu Themenkomplexen, denen Werke von Robert Schumann, F. T. Fröhlich, Robert Franz, Mendelssohn Bartholdy und Hugo Wolf zugeordnet waren. In der Auswahl befanden sich auch Kompositionen von Rudolf Lutz selbst.

Joseph von Eichendorff zählt zu den bedeutendsten Lyrikern der Romantik. Seine Gedichte setzen sich mit Erinnerung, Kindheit, Heimkehr und verklärten Landschaften auseinander. Sie gelten als metaphorisch und melancholisch. „Man weiß bei Eichendorff nie, wo der doppelte Boden ist“, bringt es Pianist Rudolf Lutz bei seiner Moderation auf den Punkt. Spätestens hier wäre Bertolt Brecht in der letzten Reihe aufgesprungen und hätte ein Plakat mit der Parole „Glotzt nicht so romantisch“ in die Höhe gehalten. Doch Brecht war nicht da und hätte in Eppstein auch keine Fürsprecher gefunden.

Dafür sorgte der Lied- und Oratorientenor Georg Poplutz. Er gilt als viel gefragter Interpret von Barockmusik. Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn stand ein Lehramtsexamen in Münster und Dortmund. Darauf folgte nach Privatunterricht ein Gesangsstudium in Frankfurt und Köln.

Sein Liedbegleiter Rudolf Lutz stammt aus der Schweiz und ist breit gefächert in der Musikbranche unterwegs. Klassik, Jazz oder Volksmusik sind Teile seines Repertoires. Er arbeitet als Dirigent, Organist und Cembalist. Rudolf Lutz ist zudem Komponist und Dozent. Der Musiker fungiert außerdem als künstlerischer Leiter der J.-S.-Bach-Stiftung in St. Gallen.

Eichendorffs „Wünschelrute“ in einer Vertonung von Rudolf Lutz eröffnete den Reigen und nahm das Publikum mit auf eine Reise ins Innerste der Seele.

Der Sänger Georg Poplutz überreizte die Lieder nicht mit stimmlicher Effekthascherei und übermäßiger Dramatisierung. Die Gedichte profitierten von Poplutz’ exzellenter Diktion. Fast schien es, als hätte er sich zuerst rhetorisch nur auf die Interpretation der Lyrik spezialisiert, um ihr dann einen Mantel aus Tönen zu geben.

Seine Tenorstimme knüpfte schwelgerische Melodiebögen, die er feinsinnig zu Ende spann. Durch eine schlanke Stimmführung bewirkte er Intensität und inspirierte die Phantasie des Publikums. Der Sänger lotete die emotionalen Facetten aus. Behutsam formte er seine Helden, wie den liebesfrustrierten Musikanten, in Werken Hugo Wolfs und Robert Schumanns. Auch dem ahnungslosen Jüngling, der unverhofft von Amors Pfeil niedergestreckt wird, gab der Tenor ein Gesicht. Das Kunststück der wörtlichen Rede innerhalb einer Partitur beherrschte Poplitz gekonnt. Auch sein Pechvogel, der im Wald von der Loreley verhext wird, erntete Schmunzeln.

Die mit „Liebe“ betitelten Werke von Robert Schumann und Robert Franz meisterte der Sänger mühelos mit virtuoser Stimmlinie. Er entwarf ein sattes Klanggemälde, profitierte von seiner kultivierten Tiefe und seiner majestätisch-jugendlichen Höhe. Nie unterlag Poplutz der Versuchung, zu plastisch zu werden. Vielmehr baute er auf Klarheit und erfasste so stets den Charakter des Liedes.

Dass Georg Poplutz ein Maler mit der Stimme ist, bewies er in „Abend“, einer Eigenkomposition von Rudolf Lutz. Der Sänger verwob hell-düstere Stimmfäden, die beklommen durch den Raum schwebten. Dabei arbeitete die Melodik mit Akzenten und Versatzstücken, die sich beinahe der Romantik verweigerten und dennoch zu ihr führten.

Schumanns „Auf der Burg“, vom Duo lustvoll und üppig erzählt, könnte zur offiziellen Hymne Eppsteins avancieren. Viel Applaus gab es nach dieser ersten Konzerthälfte. Sänger und Pianist freuten sich über die bewegten Gesichter der Zuhörerschaft. In der Pause genossen die Gäste Knabbereien, Apfelsaftschorle oder Wein. Manche flanierten auf dem Balkon und profitierten von der heimischen romantischen Umgebung: Wald, Fachwerk, Fels standen lebendig vor aller Augen. Das Hochhaus in Plattenbauweise wurde kurzerhand zur Betonschlucht verklärt. Die Künstler mischten sich unter das Publikum und Worte voller Anerkennung waren gebührender Lohn.

An diesem Abend führte Rudolf Lutz als Wanderleiter durch das Programm. Er begeisterte mit souveräner Rhetorik. Der Pianist erwies sich als schauspielerisch begabter Rezitator, trockenem Humor nicht abgeneigt, was beim Publikum sehr gut ankam.

Als Komponist steuerte er mehrere Neuvertonungen von Eichendorff-Gedichten bei. Diese wirkten nie als Fremdkörper. Sie passten sich dem Gesamtklang an und waren dennoch eigenständig. Lutz’ Melodik badete nicht in Pathos. Sie blieb offen für Interpretation und reizte den Sänger, seine Stimmfarbe zu modulieren, was er mit „Waldlust“ bewies.

Georg Poplutz brillierte mit tenoraler Strahlkraft sowie Zartheit in der Kopfstimme. Der Sänger bot Belcanto und Ausdruck. Die Liedbegleitung legte eine eigene Erzählweise vor und vermied es zu kommentieren. In „Vesper“ beschränkte sich der Pianist auf nur wenige, immer wiederkehrende Akkorde. Diese forderten den Tenor mit wechselnden Haltungen und variierenden Passagen heraus.

Als Schumanns „Mondnacht“ dargeboten wurde, seufzte das Publikum hörbar. Die Interpretation von Georg Poplutz berührte sichtlich mit Klangschönheit und tiefem Empfinden.

Schumanns Ballade „In der Fremde“ illustriert die Wehmut eines Heimkehrenden, der erkennen muss, dass keiner ihn hier mehr kennt. Tief ergriffen waren die Eppsteinerinnen und Eppsteiner von all den melodiösen Lippenbekenntnissen. Ohne Zugabe mochte das Publikum die Künstler nicht gehen lassen. Diese verabschiedeten sich mit „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ Selbiges trafen Georg Poplutz und Rudolf Lutz an diesem Abend fulminant.

Wer sich über weitere Veranstaltungen des Kulturkreises Eppstein informieren möchte, findet Informationen auf der Internetseite www.kk-eppstein.de.uki

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