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Die Vielfalt des Akkordeons

Drei Akkordeon-Orchester begeisterten die Zuhörer im Burghof.Foto: Frauke Frerichs-Gundt

Akkordeon, das oft als „Schifferklavier“

verkannte Instrument, stand vergangenen Samstag auf der Burg beim Konzert dreier Akkordeon-Orchester im Rampenlicht und zeigte, welch grandioses Potenzial in ihm steckt. In den richtigen Händen und vereint in einer Orchesterbesetzung lassen sich alle Musikrichtungen konzertant präsentieren, egal ob Rock, Pop, klassische Werke, moderne Unterhaltungs- oder Filmmusik. Es traten nacheinander das Akkordeon-Orchester Harmonia Tornesch aus dem Großraum Hamburg, das Akkordeon-Orchester des H.H.C. Waldhausen aus dem Ostalbkreis bei Stuttgart und das gastgebende Orchester Main-Accordion-Youth (MAY) aus dem Rhein-Main-Gebiet auf. Der Vorsitzende von MAY, Marcel Nees, blickt von seinem Balkon in Bremthal auf Burg Eppstein. Dort entstand vor einem Jahr die Idee zum großen Konzert auf der Burg. „So ein Auftritt ist die beste Motivation für unsere sehr jungen Spieler”, weiß Nees. Die Stadt Eppstein gab grünes Licht und so stellten die Veranstalter ihr Konzert unter das Motto „drei Vereine, drei Ideen, eine Burg“ und bereiteten das Programm entsprechend vor.

Harmonia Tornesch startete unter der musikalischen Leitung von Leonid Klimaschewski mit Tänzen aus Osteuropa, darunter auch dem ungarischen Tanz Nr. 4 von Johannes Brahms. Wer sich bei der Mazury Rhapsody von Alfred Bösendorfer auf Phantasie-Reise begab, konnte bei den feurigen Passagen die wilden Reiterhorden über die Tundra toben sehen. Mit dem Russischen Tanz aus der Nussknacker-Suite von Tschaikowski verabschiedete sich das Orchester und machte die Bühne frei für den H.H.C. Waldhausen, der sich musikalisch auf die Reise in ferne Länder begab.

Drei Akkordeon-Orchester beweisen musikalische Bandbreite

Unter der Leitung von Lydia Lick startete die Reise in Venedig mit „Welcome to Venice”, führte nach Peru mit dem Evergreen „El Condor Pasa” und weiter zu „Der einsame Hirte” von James Last. Es endete mit der Zugabe „Africa” von Toto. Die feinen Panflöten-Klänge von Carmen Bischof wurden dabei stets sanft und mit viel Gefühl von den viel kräftigeren Akkordeonklänge begleitet.

Von der Burg hatte sich das Orchester MAY unter der musikalischen Leitung von Birgit Heyne inspirieren lassen. „Stellen Sie sich Ritter Eppo vor, der Gefahren besteht und als Held seine Berta von Bremthal rettet“, moderierte Beate Rettig-Horch die fiktive Filmmusik „Adventure” von Markus Götz an. Für Ritter Eppos Berta folgte die Romanze von Dobler und bei den fünf Kontretänzen von Mozart wurden die Zuhörer in höfische Zeiten versetzt. Die roten Rosen an der Ecke der Kemenate passten hervorragend zum Dornröschenwalzer von Peter Tschaikowski, so Rettig-Horch.

Zur Zugabe versammelten sich alle drei Orchester auf und vor der Bühne. Sie sind besetzt mit Hobbymusikern, die auf Profi-Niveau mit viel Leidenschaft schon seit vielen Jahren ihre Instrumente spielen. Wegen des am späten Nachmittag niedergangenen Gewitterregens habe man nicht gemeinsam proben können, so Rettig-Horch. Doch es wurde kein „Waterloo“, auch wenn dieses Abba-Lied als erste Zugabe erklang. Mit „Thank you for the Music”, ebenfalls Abba, verabschiedeten sich die rund 60 Musiker und Musikerinnen von einem begeisterten Publikum, das den Burghof und die Empore über dem Mainzer Keller gut gefüllt hatte. Die Zuhörer erlebten einen großartigen musikalischen Abend und lernten viel über das Akkordeon, seine Orchesterstruktur, Stilrichtungen und Klangfärbung.

Bleibt zu hoffen, dass die wetterfühligen Instrumente ihren Freiluftauftritt gut überstanden haben. Denn der unbehandelte Federstahl der Stimmzungen rostet bei Feuchtigkeit, das Wachs, in dem die Zungen gelagert sind, schmilzt bei hohen Temperaturen, die Holz und Papierteile vertragen hohe Feuchtigkeit ebenfalls nicht gut. All dies konnten die Besucher vor dem Konzert erfahren, denn die drei Orchester versorgten Neugierige mit Informationen rund um das Akkordeon.

Das gastgebende Orchester Main-Accordion-Youth MAY brachte den Instrumentenbauer Thomas Hofmann aus Dietzenbach mit, damit er die inneren Geheimnisse des Akkordeons lüfte. Dazu öffnete Hofmann ein mitgebrachtes Instrument und zerlegte es Stück für Stück, erklärte dabei Aufbau und Funktion der gesamten Mechanik, die für die Klangerzeugung zuständig ist. Manche Instrumente besitzen statt des klavierähnlichen Tastenfeldes nur ein Knopffeld und der Laie fragt sich: Wie findet der Spieler hier seine Töne? Ein markierter Knopf gibt zunächst Orientierung für die Finger. Dann liegen auf der Melodieseite die Töne in Dreier-Reihen angeordnet, sortiert in ihrer chromatischen Tonleiter untereinander. Auf der Klaviertastatur sind im Gegensatz dazu die aufeinanderfolgenden Töne als weiße und schwarzen Tasten in einer Reihe nebeneinander angeordnet.

Für den Klang sei der Aufbau der Tastatur ohne Belang, die Vorliebe des Spielers entscheidet über die eine oder andere Variante. Die sechs Knopfreihen auf der linken Seite des Instruments teilen sich auf in zwei Reihen Bass und vier Reihen vorgefertigte Akkorde, vorausgesetzt es handelt sich um ein Akkord- und nicht um ein Einzelton-Instrument. Wie eine Orgel besitzt auch ein Akkordeon Register. Ein Register besteht aus mehreren, über den gesamten Tonumfang reichenden Reihen von Tonlöchern gleicher Klangfarbe, die als Einheit ein- oder ausgeschaltet werden können. Das Instrument „atmet“ mit seinem Blasebalg ein und aus, für beide Bewegungen ist eine eigene, tongebende Mechanik vorhanden. Bei einer Gitarre oder Geige entsteht der Ton durch die schwingende Saite, bei einem Blasinstrument durch die schwingende Luftsäule, die der Bläser zunächst aufgebaut hat. Ganz anders verhält es sich beim Akkordeon. Seine Stimmzungen selbst geben keinen nennenswerten Ton von sich, sie werden lediglich durch die strömende Luft in eine Position vorgespannt. Gibt eine gedrückte Taste ein Tonloch frei, schnellt die passende Stimmzunge zurück, schwingt dabei durch ihre Stimmplatte hindurch und zerhackt mit ihrem Hin- und Herpendeln die strömende Luft in der tontypischen Frequenz, beispielsweise 440 mal pro Sekunde beim Kammerton A. Diese Art der Tonerzeugung macht den Charakter des Akkordeonklanges aus.

Das Akkordeon-Orchester Harmonia Tornesch erklärte, wie die vier Stimmen sowie Bass, Elektronium – ein elektronisches Akkordeon ähnlich einem Keyboard –, Schlagzeug und Dirigent platziert sind. Dabei entspricht die erste Stimme der ersten Geige eines Symphonieorchesters und die zweite Stimme der zweiten Geige. Die dritte Stimme spiele Kontrapunkte zur ersten, ähnlich wie die Bratsche im Symphonieorchester. Die vierte Stimme sei wie das Cello für Rhythmuspunkte und Akkorde zuständig. Dann folge links daneben der Bass, und das Elektronium bilde als MIDI-Instrument Blechbläser, Flöte und Klavier nach.

Auf der Burg stand das Schlagzeug ortsbedingt auf der falschen, nämlich der rechten Seite. Der H.H.C. Waldhausen aus dem Ostalbkreis präsentierte Praxisbeispiele zu Stilrichtungen und Klangvielfalt. Timothy Harrison und Timo Majer ließen zusammen mit ihrem Lehrer Anatoli Lick russische Volksmusik von der Wolga, schmachtende Klänge eines argentischen Tangos und eine französische Musette als Beispiele erklingen. Doch der Abend selbst war der beste Beweis für die großartige Vielseitigkeit des Akkordeons, das als vollwertiges, ernstzunehmendes Instrument so viel mehr zu bieten hat als Bierzeltmusik und Seemannslieder. ffg

Der Verein ist offen für Neuzugänge. Wer Lust bekommen hat, bei Main-Accordion-Youth mitzumachen, meldet sich per E-Mail unter info[at]may-accordion[dot]com.

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