Mistgabel als Mordwaffe – Motiv rätselhaft

Die Besucher hatten reges Interesse an Tim Frühlings geschriebenen Werken.          Foto: Ulrich Häfner Fotografie

Die Besucher hatten reges Interesse an Tim Frühlings geschriebenen Werken.          Foto: Ulrich Häfner Fotografie

Haucht der Herbst grauweißen Nebel über die Burgstadt, ist es Zeit für Frühling. Vermutlich begaben sich deshalb vorigen Freitag über 200 Krimibegeisterte zum Bürgerhaus in der Rossertstraße zur Lesung von Tim Frühlings neuestem Kriminalroman.

Im Rahmen von „Leseland Hessen“ präsentiert der Kulturkreis Eppstein dieses Jahr insgesamt vier Veranstaltungen. Autorin Deike Wichmann eröffnete den Reigen bereits Anfang Oktober mit ihrem zweiten Buch „Weil wir gleich sind“.

Tim Frühling ist schon seit seiner ersten Lesung 2022 eine feste Größe in der Eppsteiner Literaturszene. In dem Jahr stellte er „Totgegrillt“ und 2023 den „Kommissar in Wanderschuhen“ vor. Jetzt war Frühling mit dem Krimi „Ploatzlich tot“ zu Gast. Es ist der 6. Teil rund ums Bad Hersfelder Ermittlerduo Daniel Rohde und Brigitte Schilling. Weil der Taunus und einige Randgebiete Frankfurts von Nele Neuhaus bedient werden, ging Tim Frühling mit seiner kreativen Gedankenwelt nach Bad Hersfeld und hob 2015 seinen „Kommissar in Badeshorts“ aus der Wiege.

Der gebürtige Wolfenbütteler, wohnhaft in Frankfurt, kam nach dem Abitur vom Waiblinger Lokalsender RMB-Radio zum Hessischen Rundfunk. Dort moderierte er beim Jugendsender YOU FFM, ist Stimme der Popwelle hr3 und aktuell Gesicht der Wettervorhersage des HR.

Kristine Zabel, im Kulturkreis Mitorganisatorin der Leseland-Reihe, Stadtverordnete und Ortsvorsteherin in Vockenhausen, begrüßte das Publikum. Der Autor freute sich über den Andrang im Saal: „So viele hatten wir die letzten Male nicht.“ Seine Wahrnehmung erwies sich als richtig, noch drei Stuhlreihen mehr und man hätte den Raum baulich erweitern müssen.

Krimis von Tim Frühling sind nicht düster wie die skandinavischen „Nordic Noir“-Romane von Jussi Adler-Olsen oder Henning Mankell. Seine Ermittler benötigen kein Morphium wie Detektiv Sherlock Holmes, um klar im Kopf zu werden, sie haben kein Kindheitstrauma und werden nicht von der Mafia erpresst. Ermittler Daniel Rohde ist vielmehr Frühlings „alter Ego“. Seine Krimis zählen zum Genre „Cosy Crime“, was begrifflich für „Wohlfühlkrimis“ steht. Der Leser sitzt auf der Couch, blättert die Seiten um und wird nicht gleich mit Blut bespritzt, in wilde Verfolgungsjagden einbezogen oder durch Obduktionsberichte abgeschreckt. „Cosy Crime“ arbeitet vielmehr mit Humor und authentischen Figuren. Ein Krimi dieser Art kommt zwar nicht ohne eine Leiche aus, aber auch nicht ohne Augenzwinkern.

Tim Frühling mischt in sein literarisches Erfolgsrezept viel Lokalkolorit. „Ploatzlich tot“, verlegt vom Emons Verlag, ist nicht nur ein Buchtitel, dahinter verbirgt sich ein Wortspiel rund um den Rhöner Ploatz, einen herzhaften Blechkuchen mit Zwiebeln. Ob es besser ist, beim Zwiebelschälen zu weinen oder Tränen zu lachen, klärte Tim Frühling mit sich und dem Eppsteiner Publikum.

„Ploatzlich tot“ braucht dramaturgisch etwas Vorlauf, ehe jemand ungewollt als Mordakte auf dem Schreibtisch von Kommissar Rohde landet. In der Kuppenrhön brodelt es, besonders im fiktiven Ort Obersolzrod. Die malerische Naturlandschaft soll mittels Solarpark aufgewertet werden. Das spaltet die Dorfgemeinschaft. Auf Bürgerversammlungen beschimpft man die Ja-Sager und belächelt die Nein-Sager. Ortsvorsteher Dimmerling spricht ein Machtwort gegen das Wiesengrün und befürwortet die Solarmodule.  Kaum ist seine Entscheidung im Trubel der Bürgerversammlung untergegangen, findet ein atemloser Jogger den Kommunalpolitiker in einem Feldgraben an der Kreisgrenze. Im Rücken Dimmerlings steckt eine Mistgabel. Dass die Leiche zwischen den polizeilichen Zuständigkeitsgebieten Eiterfeld und Schenklengsfeld liegt, verursacht Kompetenzgerangel. Daniel Rohde und Brigitte Schilling übernehmen die Ermittlungen für die Bad Hersfelder Seite. Sie stochern in alten Geschichten und kratzen an politischen Geheimnissen. Alte Rechnungen sind offen. Irgendwer hat mit irgendwem und irgendwie mit allen ein Hühnchen zu rupfen. Diffus ist alles wie der Dampf auf dem Misthaufen, von dem die Gabel stammt.

Auf der Bühne des Eppsteiner Gemeindehauses stand ein Tisch mit einem Strauß getrockneter Lampionblumen, die wie blutige Tropfen herabhingen. Die Lampionblume gilt als gering giftig. Für den Umgang mit der Pflanze werden in Gartenratgebern Handschuhe empfohlen, wie auch angehenden Kriminaltechnikern bei ihrer Arbeit am Tatort. Keine florale Dekoration scheint also besser für eine Krimilesung geeignet. So bahnten hier die Lampionblumen den Weg in die Geschichte von Kommissar Rohde.

Dessen Schöpfer verwandelte sein farbenfrohes Lesepodium in eine Theaterbühne. Er verlieh den verschiedenen Charakteren Mimik, Gestik und Stimme. Ob drohender Wutbürger, larmoyante Dame oder hessisches Original, Tim Frühling erweckte die Figuren zum Leben. Seine Blicke tauchten ins Buch, schwenkten in den Saal, er las die Worte ab oder reflektierte Inhalte direkt mit dem Publikum. Die Zuhörerschaft quittierte dieses Konzept mit Dauerkichern, Zwischenrufen oder Applaus. Mittendrin im Geschehen saß auch der Eppsteiner Thomas Göb. Keine Lesung von Tim Frühling lässt er sich entgehen. Sein Nachttisch biegt sich wahrscheinlich schon durch, so viele Teile der Buchserie befinden sich darauf. Göbs Zwerchfell kam an diesem Abend nicht zur Ruhe, entweder lächelte er amüsiert oder seine Brille beschlug von Lachtränen. Der Eppsteiner verriet, wie er die Zeit, in der kein neuer Frühling-Roman veröffentlicht wurde, überbrückt hat. „Ich hab‘ etwas anderes gelesen.“ Dass das eine Notlösung war, davon erzählten die Bücher, die er sich gerade beim Autor persönlich gekauft hatte. Krimis und Reiseführer stapelten sich neben Göb auf dem Stuhl.

Von Krimifans erwartet man, dass sie beim Lesen Zigarre rauchen, geheimnisvolle Musik hören oder heiße Schokolade schlürfen. Thomas Göb versicherte: „Ich bin nicht der Typ, neben sich das Weinglas oder die Teetasse, damit ich beim Lesen ganz in der Welt des Autors versinke. Ich lese Bücher vor dem Schlafengehen, um den Kopf freizukriegen.“

Am Bücherstand versammelten sich in der Pause viele Interessierte, denen es wohl genauso ging wie Thomas Göb. Jasmin Gethöffer von der Niedernhausener „Büchereule“ hatte eine breitgefächerte Auswahl an literarischen Werken Tim Frühlings mitgebracht. Freundlich signierte der Autor, wechselte Worte oder bedankte sich für lobende Worte. Es gibt Studien, die besagen, dass der Leseranteil bei Krimis rund 60 bis 80 Prozent weiblich ist. Dieser Eindruck schien sich am Bücherstand zu bestätigen.

Anders an den Bistrotischen, dort plauderten Damen und Herren prozentual ausgewogen bei prickelndem Mineralwasser, gekühltem Apfelsaft oder gepflegtem Weißwein.

Auch nach der Pause wurde Tim Frühling mit herzlichem Applaus begrüßt. „Ich habe doch noch gar nichts gemacht“, entschuldigte er sich verschmitzt. Dann machte er doch was, und zwar weiter mit seiner unterhaltsamen, facettenreichen Lesung. Wird Kommissar Rohde den Fall in der Kuppenrhön aufklären? Wird dem „aufgemistgabelten“ Opfer Gerechtigkeit widerfahren? „Kaufen Sie sich ein Buch. Morgen soll es regnen, da werden Sie noch froh sein, eins in der Hand zu haben“, verabschiedete sich Tim Frühling von seiner enthusiastischen Fangemeinde in Eppstein.

Am morgigen Freitag, 23. Oktober, stellt die Filmemacherin und Autorin Julia Finkernagel ihr Buch „Reisefieber – Finger auf den Globus legen, dann die Welt entdecken und sich selbst gleich mit“ vor.  Die Veranstaltung findet wieder im Bürgerhaus statt. Den Abschluss von „Leseland Hessen“ in Eppstein bildet Karin Seemayers Roman „Sommerwind in der Toskana“. Die Autorin liest am Samstag, 31. Oktober, im Blauen Saal im Rathaus I in Vockenhausen, quasi vor heimischem Publikum, denn sie wohnt in Vockenhausen. Beide  Lesungen beginnen um 19.30 Uhr.

Uta Kindermann

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