Seit 2024 gehört die Eppsteiner Künstlerin Sybille Dömel zum Team und bietet in ihrer Kunstwerkstatt in Alt-Eppstein Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu unterschiedlichsten Techniken an. Erwachsene beschäftigen sich aktuell in ihrer „Experimentellen Druckwerkstatt“ mit ungewöhnlichen Drucktechniken oder lernen „Köpfe zeichnen“. Kinder dürfen in ihrem Atelier „nach Herzenslust malen, zeichnen, töpfern, drucken, schneiden“, heißt es in der Kursbeschreibung im Frühjahrsprogramm des KKE.
So sitzen an einem Freitagnachmittag im März drei von vier Kursteilnehmerinnen, Liann (Name von der Redaktion geändert), Hannah und Florentine, in einem hellen Raum mit hohen Fenstern nicht lange vor weißen Blättern. Jede hat schon eine Idee für ein neues Bild mitgebracht. Mit Bleistift sind die Konturen schnell aufs Papier gezeichnet. Die neunjährige Hannah hat die weiß-graue Kulisse der Alpen vor sich, zu deren Füßen sich eine Blumenwiese erstreckt. Hannah hat das Original, ein Kalenderblatt, abgewandelt, und will statt einer Blumenwiese die Blüten der tränenden Herzen malen – ein Motiv, dass sie im Internet entdeckt habe und das ihr gut gefalle, sagt sie.
Mit einem Spachtel trägt sie ziemlich zügig und sicher, Schicht für Schicht der lösungsmittelfreien und abwaschbaren Gouache-Farbe auf. Deshalb ist es auch kein Problem, die Farbe kurzerhand mit den Fingern zu verteilen. Innerhalb kürzester Zeit entsteht unverkennbar ein trutziges Bergmassiv vor leuchtend grün-blauem Himmel. „Der Himmel sollte eigentliche heller werden“, sagt Hannah nachdenklich, ist aber trotzdem mit ihrem schon im halbfertigen Zustand eindrucksvollen Werk zufrieden: „Mir gefällt es so!“ In der Schule werde meistens mit Wasserfarben gemalt und das Thema vorgegeben, sagt Hannah, in der Kunstwerkstatt dürfe sie, wie zu Hause, malen, wozu sie Lust hat.
„Nur wenn ein Kind so gar keine Idee hat, gebe ich eine Anregung“, sagt Dömel. Liann hat sich für ein farbenfrohes Motiv entschieden: Tulpenfelder, die sich als gelbe, rote und orangefarbene Streifen zum Horizont hin perspektivisch verengen. Zusammen mit Sybille Dömel hat sie einen provisorischen Schwamm als Pinsel konstruiert. So entstehen Tupfer für Tupfer die Blumenfelder.
Die siebenjährige Florentine hat, wie sie selbst sagt, schon öfter Kurse bei Sybille Dömel besucht. Diesmal hat sie ganz puristisch einen Bleistift gewählt, um ihren Traum von einem Wohnmobil detailgetreu zu zeichnen: Vom Fahrersitz bis zum Kühlschrank samt Inhalt hat sie an alles gedacht und setzt auch sofort die Idee einer Dachterrasse mit Liegestuhl, Sonnenschirm und Getränken um.
„Wir experimentieren viel“, erklärt Sybille Dömel ihr Konzept. Wichtiger als fertige Bilder sei ihr, dass die Kinder unterschiedliche Materialien und Techniken ausprobieren und vor allem, „dass sie in sich hineinhören und eher spielerisch die eigenen Ressourcen entdecken“. Sie gebe allenfalls Anregungen und beobachte immer wieder, wie eine Idee allmählich Gestalt annimmt und ein kreativer Prozess entsteht. Drucken gehört zu ihren Lieblingstechniken, „denn dabei hängt vieles vom Zufall ab“, findet Dömel, aber es entstehen auch Bilder, die die Kinder mit ausgerissenenen Papierstreifen oder Schnipseln kleben oder Figuren und kleine Skulpturen aus Ton. Um mit den Kindern wieder mehr mit Ton zu arbeiten sucht sie noch eine Brennmöglichkeit.
Neben der Tür hängt ein Mobile – „Sowas haben wir auch schon mit Sybille gebastelt“, erzählt Hannah, die sich mit einer Runde Seifenblasen vom Malen erholt. Seifenblasen mit Kreidefarben auf schwarzem Tonpapier will Florentine als nächstes zeichnen. Die Idee dazu, sagt Dömel, habe Hannah in den Kurs gebracht.
Bis vor zwei Jahren unterrichtete Dömel in der Elisabethen-Schule in Hofheim Kunst, immerhin 22 Jahre lang. Seitdem arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und hat an Ausstellungen im Main-Taunus-Kreis, aber auch in Gimbsheim und Bad Zwischenahn teilgenommen und beteiligt sich als nächstes an einer Gruppenausstellung in Erkrath. Auch am Künstlerwettbewerb in Eppstein hat sie schon dreimal teilgenommen. In Planung ist eine Ausstellung in Frankfurt mit ehemaligen Kommilitonen aus Offenbach.
Ein Lehrauftrag an einem Privatgymnasium in Heidelberg, das einen Unterrichtsschwerpunkt in Kunst hat, schränke sie terminlich ein. Deshalb bietet sie nur an einem Wochentag fortlaufende Kurse beim Kulturkreis an. Mit Kunstkursen, im Sommer im Garten, bei schlechtem Wetter im Haus, habe sie während der Corona-Pandemie begonnen, zunächst als Ferienworkshop, inzwischen als wöchentliche Angebote zwischen den Ferien.
Kunst habe in ihrer Familie immer eine Rolle gespielt, sagt Dömel, die in Hofheim aufgewachsen ist. Deshalb habe es keine Einwände der Eltern gegeben, als sie sich als junge Frau für das Studium an der Schule für Gestaltung in Offenbach bewarb. Zuvor studierte sie ein Jahr in Kassel visuelle Kommunikation. Dort habe sie verschiedene Drucktechniken kennengelernt, was ihre Arbeiten bis heute beeinflusse.
Als sie vor 19 Jahren mit ihrem Partner, dem Musiker Stefan Varga nach Eppstein zog, war sie begeistert, als sie den Grafiker und Maler Peter Lörincz kennenlernte: „Vom Drucken war ich schon immer fasziniert“, sagt sie. Ihr Domizil, eine alte Villa in der Staufenstraße, sei ideal: viel Licht zum Arbeiten und große Räume für Proben, auch mit mehreren Musikern. Nur für die klassische Radierung mit ätzenden Chemikalien fehle ihr dort der Platz.
Ein wiederkehrendes Element in ihren Arbeiten sei das Wasser: „Das fasziniert mich immer wieder und ist für mich existenziell.“ Ebenso ziehe sie der Wald an – „mein Sehnsuchtsort“, sagt sie. Deshalb genieße sie es, direkt am Waldrand zu wohnen mit wildem Bärlauch im Garten und einer kleinen Eberesche, die der Wind ausgesät hat. Mit ihrer Kunst will sie die Menschen auch auf diesen Schatz vor ihrer Tür aufmerksam machen: „Wasser und Wald, das sind doch zwei Dinge, die uns tragen und die wir nicht oft genug bewusst wahrnehmen können“.
Inzwischen leben auf dem Grundstück außer den beiden Künstlern zwei Katzen, ein Schwarm Goldfische in einem Gartenteich und etliche Vögel, die sich frei zwischen Bäumen und Büschen tummeln. Die Fische habe sie gerettet, als der Schulteich an der Elisabethen-Schule geleert werden sollte. Für die Kinder der Malkurse sind die Tiere das Highlight jeder Sitzung: Zum Abschluss dürfen sie den Katzen und den Fischen Futter geben.
bpa

Kommentare