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Zeitzeugen von Kindheit in Krieg und Nachkriegszeit

Zeitzeugen v.l.n.r. vorne: Walter Schneider aus Langenhain, Günther Schmitz aus Zeltingen an der Mosel, Gisela Rasper und Waltram Ebmeyer aus Eppstein, hinten: Klaus Gereit aus Berlin, Liv Speike aus Hofheim, Gertrud Löns aus Eppstein und Initiatorin Anja Alwan.Foto: Simone Pawlitzky

Als am 7. Mai 1945 Generaloberst Alfred Jodl die bedingungslose Kapitulation aller deutscher Truppen in Reims unterzeichnete und der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 in Europa endete, waren mehr als 60 Millionen Menschen tot.

Sie waren an der Front gefallen, in Konzentrationslagern ermordet worden, in Kriegsgefangenschaft oder an Hunger, Kälte und Gewalt auf der Flucht gestorben.

73 Jahre danach, am 9. Mai 2018, erinnerten sieben Zeitzeugen in der Aula der Freiherr-vom Stein-Schule an diese Zeit und erzählten den Jugendlichen der 9. und 10. Klassen von ihrer Kindheit oder Jugend im Krieg und in der Nachkriegszeit.

„Nutzt die Chance, um viele Fragen zu stellen“, gab Anja Alwan den Schülern aus allen Schulzweigen mit. „Wir haben heute eine richtig große Runde.“ Im Rahmen des Geschichtsunterrichts organisierte die Lehrerin zum wiederholten Mal die Gespräche. „Wir wissen hier nicht, wie es ist, im Krieg aufzuwachsen, seine Meinung nicht frei äußern zu können und Hunger zu haben.“ Um so wichtiger sei es, so lange es noch möglich ist, sich mit der Geschichte in persönlichen Gesprächen auseinanderzusetzen und sie nicht zu vergessen.

Zwischen 1930 und 1940 geboren, wuchsen die sieben Zeitzeugen an den verschiedensten Orten Deutschlands auf und reisten teilweise von weither an. In der Aula stellten sie sich allen Schülern vor, bevor sie sich mit ihnen zu weiteren Gesprächen in umliegende Klassenräume verteilten.

Walter Schneider aus Langenhain und Gertrud Löns erlebten die Kriegszeit im Taunus. Luftangriffe gab es zunehmend in den letzten beiden Kriegsjahren über Frankfurt und Wiesbaden, erzählte die Ur-Eppsteinerin. „Unser Haus war voll“, erinnerte sie sich, denn die Menschen flohen aus den Großstädten und suchten Zuflucht unter anderem in Eppstein. Waltram Ebmeyer wuchs in der weitgehend von Luftangriffen verschonten Lazarett-Stadt Bad Salzuflen auf.

Gisela Rasper wohnt seit 50 Jahren in Eppstein. Geboren wurde sie in Persien, ihre Eltern kamen aus dem Kaukasus. Zum Gespräch mit den Schülern brachte sie eine Puppe mit und erzählte von Weihnachten 1944, an dem sie mit neun Jahren eine ähnliche Puppe geschenkt bekam.

Im Januar 1945 war es bitterkalt beschrieb Gisela Rasper die Situation. Der Schnee lag einen Meter hoch, als Flüchtlinge aus Ostpreußen durch Warthegau zogen. Als die Russen dann acht Kilometer vor Landsberg waren, musste auch sie mit ihrer Familie flüchten. Mit dem Lastwagen nahmen Offiziere ihre Mutter mit drei Kindern mit. Ihre Mutter war bereits im Lastwagen, Gisela Rasper stand noch draußen, als ihr ein Offizier mit der Begründung, es sei kein Platz, die Puppe wegnahm und sie wegwarf. In den überfüllten Zügen lagen die Kinder in den Gepäckablagen. So kamen sie über Berlin nach Bayern. „Wir waren immer auf der Flucht“, erzählte sie.

Gisela Raspers Vater war nicht im Krieg, beantwortete sie die Frage einer Schülerin. Er arbeitete in Persien, kam dann in Moskau ins Gefängnis. Er sollte für den KGB spionieren. Obwohl man sogar mit Fotos von seiner Familie, seiner Frau und seinen Kindern Druck auf ihn ausübte, lehnte er es ab und wurde zu zweimal 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach zwölf Jahren kam er frei. Von 65 Männern kehrten nur zwei zurück. Als ihr Vater wiederkam, war Gisela Rasper 18 Jahre alt.

Von der Mosel aus Zeltingen reiste Günther Schmitz an, Klaus Gereit aus Berlin. Beide haben Enkelkinder, die die Freiherr-vom-Stein-Schule besuchen, erzählten sie. Zu Kriegsende war Klaus Gereit sechs Jahre alt. 1943 wurden er und seine Familie evakuiert, da Berlin stark bombardiert wurde und bei Kriegsende zu 40 Prozent zerstört war. „Unsere Wohnung war nach dem Krieg nicht zerstört“, erzählte der Berliner.

„West-Berlin war eine Insel im roten Bereich“, berichtete er den Schülern und erklärte ihnen die einzelnen Sektoren. Viele Spannungen habe es gegeben. Als die Russen die Grenzen dicht machten, waren 2,4 Millionen Menschen eingesperrt. Da sie sich in der abgeschnittenen Großstadt nicht alleine ernähren konnten, starteten die Amerikaner eine Luftbrücke. „Rosinenbomber nannten wir die vielen Flugzeuge“, die Nahrungsmittel, Kohle und Baumaterial einflogen. Die Berliner halfen sich aber auch selbst: „Jeder Garten und Balkon wurde zum Gemüsegarten“. Ein Jahr hielten die Menschen durch, „wir haben gelebt und gehungert“, bis Güterzüge wieder nach Berlin fahren durften.

45 Schüler waren sie nach dem Krieg in einer Klasse, erinnerte sich Klaus Gereit. Viele Lehrer waren traumatisiert. Da sein Vater unter Hitler keiner Partei angehörte, gab es für ihn kein berufliches Weiterkommen, erzählte er weiter. Als Charlottenburg nach Kriegsende zum britischen Sektor gehörte, wurde das Olympia-Stadion beschlagnahmt. Seinem Vater gelang es aber, „es für deutsche Nutzung freizubekommen.“ Von 1949 bis 1972 leitete sein Vater das Stadion und organisierte 900 Veranstaltungen mit rund 17 Millionen Besuchern.pw

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