Viele der einstigen Schützlinge sind inzwischen selbstständig

Knapp 1000 Gramm wog das Schokoladenhuhn, das Cäcilie Daus-Speicher und ihr Mann Michael Speicher für die Kinder in den beiden Bremthaler Flüchtlingswohnanlagen mitgebracht haben. Der sechsjährige Aba und sein achtjähriger Bruder Mohammad nahmen es vor dem Haus in der Robert-Koch-Straße stellvertretend für die anderen Kinder entgegen. Mutter Rana Mutallinova absolviert gerade eine Ausbildung zur Altenpflegerin und freut sich auf die eigene Wohnung, in die die Familie im März ziehen will. „Wir sind froh, dass wir in Bremthal bleiben, denn hier fühlen wir uns sehr wohl“, sagt die gebürtige Aserbeidschanerin, die mit Mann und Kindern vor zwei Jahren nach Deutschland kam, in sehr gutem Deutsch. Foto: bpa

Nach fast sieben Jahren Flüchtlingshilfe gibt es inzwischen noch drei Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge in Eppstein. Eine davon liegt in einer Doppelhaushälfte mit fünf Zimmern und einer kleinen Einliegerwohnung im Souterrain in der Robert-Koch-Straße in Bremthal.

Von Anfang an engagieren sich dort Michael Speicher und Ehefrau Cäcilie Daus-Speicher als Hausverantwortliche für die jeweils fünf Familien. Momentan teilen sich 14 Menschen diese Räume – in Spitzenzeiten waren es 21. Bald kommt ein neuer Bewohner hinzu, weil ein Baby erwartet wird. Es ist dann das vierte Neugeborene, dass die beiden Bremthaler in dieser Flüchtlingsunterkunft willkommen heißen.

Für Menschen aus neun Nationen war das Haus in der Robert-Koch-Straße bislang Heimat. Syrer, Äthiopier, Albaner, Pakistani, Afghanen, Iraner, Kurden, Aserbaidschaner und Russen lebten und leben dort friedlich Tür an Tür. Im Laufe der Jahre betreute das Ehepaar insgesamt 15 Familien und begleitete sieben Familien auch als Paten, da die anderen Paten sich auf die zahlreichen Bewohner in den großen Unterkünfte im „Schützenhof“ und über dem „Rewe“ konzentrierten. „Es war wirklich eine Herkulesaufgabe, die täglich ein paar Stunden in Anspruch nahm“, erinnert sich Michael Speicher. Sehr froh und dankbar waren beide, als 2018 weitere Paten halfen.

„Im Rückblick war es eine gleichermaßen bereichernde wie anstrengende ehrenamtliche Tätigkeit“, sagt Speicher, „neben den rein organisatorischen Belangen mit Sozialamt, Ausländerbehörde und Jobcenter, die uns oftmals an der deutschen Bürokratie verzweifeln ließen, ging es in der Robert-Koch-Straße vorrangig um familiäre Angelegenheiten“: Arzttermine, Schwangerschaftsberatungen, Besichtigung von Entbindungsstationen, Hebammensuche, Vorsorgeuntersuchungen, Kindergartenplatzsuche, Einschulung, Suche nach weiterführenden Schulen einschließlich Förderschule, sowie unzählige Gespräche mit Ärzten in verschiedenen Kliniken im Main-Taunus-Kreis, aber auch mit der Charité in Berlin.

Dort wurde ein schwer krankes neugeborenes Mädchen operiert. Dieses Mädchen, das am 30. November seinen fünften Geburtstagfeierte, verdankt sein Leben seiner Hebamme, einem Mitarbeiter des Main-Taunus-Kreises und den beiden Helfern des Asylkreises, die nicht locker ließen, bis eine Lösung gefunden war. Die Hebamme stellte bei der ersten Untersuchung des Säuglings zum Entsetzen aller fest, dass mit dem Kind etwas Grundsätzliches nicht stimme. Sie ordnete sofort den Transport des Säuglings nach Höchst an. Es folgten einige Wochen intensivmedizinischer Versorgung. Parallel dazu begann die Suche der Höchster Ärzte nach Spezialisten, die fähig waren, das Neugeborene zu operieren. Dies dauerte Wochen, weil acht Spezialisten hinzugezogen werden mussten.

Schließlich wurde das Baby per Hubschrauber nach Berlin verlegt – alleine, ohne seine Eltern. Ein Drama für das afrikanische Ehepaar. Die damals noch sehr dürftigen Deutsch- und Englischkenntnisse der Eltern stellten ein Sicherheitsrisiko für den Helikopterflug dar. „Trost konnten wir in dieser traumatischen Situation nicht spenden, nur die nackte Angst und die Ohnmacht gemeinsam mit ihnen aushalten“, erinnert sich das Ehepaar Speicher. Bei einer Tasse Kaffee im Krankenhaus-Bistro musste mit „Händen und Füßen“ und den wenigen Brocken Englisch, die der Vater verstand, die Bahnfahrt der Eltern nach Berlin geplant werden.

Von ihrem Wohnzimmer aus leiteten die Speichers später die jungen Eltern vom Hauptbahnhof in Berlin per U- und S-Bahn oder Bus zur Charité – und durch das weitläufige Klinikgelände. „Google Maps von Berlin vor Augen lotsten wir die Eltern schließlich per Telefon bis ans Krankenbett ihres Babys“, erzählt Speicher.

Täglich standen die Hausverantwortlichen mit einem der behandelnden Ärzte in telefonischem Kontakt, der sie über den Gesundheitszustand des Säuglings informierte. Zudem mussten sie jeden Tag aufs Neue eine bezahlbare und vom Landratsamt zu genehmigende Übernachtungsmöglichkeit für den Vater finden. Die Mutter war im Krankenzimmer ihres Babys untergebracht. „Nach gelungener Operation konnten wir zehn Tage später die Familie am Frankfurter Hauptbahnhof glücklich in Empfang nehmen“, erinnern sich die Speichers.

Die vielen Ereignisse und Schicksale hätten sie ein wenig bescheidener, dankbarer und auch demütiger gemacht, sagen die beiden.

Im Laufe der Jahre haben einige Familien eine Wohnung gefunden, zwei Familien mussten zurück in ihre Heimat Albanien. Vier Personen konnten zu ihren Familien nach Dortmund und Köln ziehen, zwei absolvieren eine Ausbildung, zwei andere fanden eine feste Arbeit. Drei syrische Jugendliche besuchen das Gymnasium, zwei stehen kurz vor dem Abitur, andere sind Fachschüler, ein Viertklässler wird im Sommer aufs Gymnasium wechseln, eine chronisch erkrankte Jugendliche entwickelt sich prächtig auf der Förderschule in Hochheim.

„Unsere einstigen Schützlinge stehen alle auf eigenen Füßen und haben sich weitgehend in die Gesellschaft integriert“, ziehen Cäcilie Daus-Speicher und Michael Speicher Bilanz. Sie regeln ihre Angelegenheiten selbstständig und benötigen nur noch in sehr wenigen Fällen Unterstützung. Mit der Feststellung „das war das Ziel und dies erfüllt uns mit Freude“, beenden die beiden ihren Bericht.EZ

Flüchtlinge aktuell in Eppstein

Im Januar wohnten 76 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften (GU) in Eppstein, darunter sind 17 anerkannte Flüchtlinge. 13 Asylbewerber leben in Privatwohnungen. Darüber, wie viele anerkannte Flüchtlinge in Privatwohnungen wohnen, führt der Main-Taunus-Kreis keine Statistik. Anerkannte Flüchtlinge, die nicht auf staatliche Hilfeleistungen angewiesen sind, werden nicht in der Statistik des Sozialamtes geführt.

Außerdem leben in Eppstein 35 unbegleitete minderjährige Ausländer, in Jugendhilfeeinrichtungen wie der Villa Anna im Bergpark, dem ehemaligen Hotel Bienberg in der Cuntzstraße und einem Haus Auf dem Wingertsberg.

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