Jugendarbeit in der Corona-Krise – weniger geht eigentlich nicht

Die Arbeit der Jugendarbeiter Denise Gottfried und Sebastian Carls wird durch die Corona-Pandemie erschwert. Foto: bpa

Ob Ausbildungssuche, Konfliktberatung oder Freizeitangebot – die beiden Jugendarbeiter haben es nicht leicht, ihre jungen Ansprechpartner zu erreichen. „Kontakt ist fast nur über soziale Medien möglich“, sagt Denise Gottfried, die für die aufsuchende Jugendarbeit zuständig ist.

Die persönlichen Kontakte fehlen sehr. „Eigentlich wollten wir einige Aktionen während der Sommerferien anbieten“, erzählt ihr Kollege Sebastian Carls, doch dann habe zu Beginn der Vorbereitungsphase die Corona-Pandemie zugeschlagen und alles lag brach. „Wir können nur von Woche zu Woche planen“, sagt Gottfried, größere Aktionen seien damit nicht möglich. Nach den erfolgreichen Selbsthilfekursen für Mädchen im Frühjahr sollte ein mehrtägiges Kampfsportangebot für Jugendliche verschiedener Altersgruppen für den Sommer organisiert werden – „Doch Sportarten mit Vollkontakt können wir derzeit überhaupt nicht anbieten“, bedauern die beiden Sozialarbeiter.

So haben Sie auf Facebook, Twitter und Instagram unter dem Namen Jugendarbeit Eppstein Seiten aufgebaut, über die sie versuchen, die Jugendlichen zu erreichen. „Wir geben Tipps für die Freizeit, vor allem aber zur Berufswahl“, sagt Gottfried. Wegen der Corona-Krise seien viele Schulabgänger unsicher über Bewerbungsverfahren oder Schulwahl, „Da helfen wir gern weiter“, sagen die beiden. Sie raten Jugendlichen, die noch nicht wissen, was sie im Herbst machen wollen: „Kommt auf uns zu und fragt! – Jede Frage ist wichtig“, sind sie überzeugt und bauen auch auf das Netzwerk der Jugendlichen untereinander, was so viel heißt: „Wichtige Informationen geben die Jugendlichen untereinander weiter, das bekommen wir, wenn überhaupt, erst auf Umwegen mit.“

Sie rechnen damit, dass die Auswirkungen der Corona-Krise auch im kommenden Jahr noch zu spüren sind: zum Beispiel durch geringere Ausbildungsplatzangebote. Wichtig ist ihnen auch, die jungen Menschen über ihre Rechte zu informieren: „Soziale Standards, Tarif- und Arbeitsbedingungen oder fairer Lohn stehen bisher bei den jungen Menschen kaum im Fokus“, sagt Carls, der das aber für enorm wichtig hält. Die Jugendarbeiter der Stadt bieten dafür eine niederschwellige Beratung mit einem breiten Netzwerk an: „Vom Psychologen bis zum Schuldnerberater“, sagt Carls.

Problematisch sei die Corona-Krise vor allem für Jugendliche in der Pubertät. „Viele neigen sowieso in diesem Alter zu Depressionen und sind auf sich geworfen, kommen dann noch Schwierigkeiten im Elternhaus hinzu, verstärken sich solche persönlichen Krisen durch die Corona-Krise zusätzlich“, sagt Carls.

Denise Gottfried ist deshalb regelmäßig unterwegs und besucht die wenigen „Hotspots“, an denen sich Jugendliche in Eppstein treffen: Die Skaterbahn am Festplatz in Bremthal, die Bolzplätze in Vockenhausen und Ehlhalten, der neue Spielplatz am Bach In der Müllerwies oder der P+R-Parkplatz in Niederjosbach. Zu den wechselnden Treffpunkten gehören Ruhebänke am Waldrand, der Sparwassertempel im Kriegerwald oder zu Ferienbeginn eine Streuobstwiese im Kohlwaldfeld. Der Treffpunkt im Kohlwaldfeld fiel Nachbarn unangenehm auf. „Die Lautstärke der Partygäste war für die Anwohner der Eberlestraße, Am Kohlwaldfeld, Am Holderbusch und des Lindenweges störend, aber nicht das Hauptproblem“, schilderte eine Anwohnerin, Vielmehr störend sei der Müll, wie leere Bierflaschen und Chipstüten, den die Jugendlichen zurückgelassen haben. Inzwischen habe sich die Lage im Kohlwaldfeld beruhigt, teilte eine Anwohnerin mit.

Letztlich gilt für die Jugend 2020, was auch schon für frühere Generationen galt: Sie suchen sich ihre Treffpunkte meist am Rand der Gesellschaft.

Diese Beobachtungen führen schnell zu einem zentralen Thema der Eppsteiner Jugendarbeit: Brauchen Eppsteins Jugendliche ein Jugendzentrum oder ist diese Form der Jugendarbeit überholt? Gibt es neue Trends, die beachtet werden müssen? Das sind nur zwei der Fragen, die sich die Stadtverordneten stellen müssen, wenn sie über das neue Konzept für Eppsteins Jugendarbeit diskutieren.

Als Grundlage hat Sebastian Carls eine fast 400 Seiten starke Sozialraumanalyse samt Konzept für die künftige Jugendarbeit erstellt, die Sozialdezernentin Sabine Bergold vorliegen. Der Magistrat kenne inzwischen die Analyse, das Konzept werde im August nachgereicht, sagte Bergold im Gespräch mit der Eppsteiner Zeitung. Danach beraten die Gremien darüber.

Die Sozialraumanalyse, so Bergold, zeige die Eppsteiner Gesellschaft aus unterschiedlichen Gesichtspunkten. Das Konzept biete keine fertigen Lösungen, sondern verfolge den Ansatz, die Jugendlichen selbst an der Neukonzeption zu beteiligen. Denn Jugendarbeit sei kein Wunschkonzert, sondern solle eher Möglichkeiten bieten, selbst mitzugestalten und Ideen zu entwickeln.

Carls sieht seine Analyse als Grundlage künftiger Jugendarbeit und das noch zu erarbeitende Konzept als Roten Faden. Klar ist aus seiner Sicht: „Weniger als die Stadt derzeit anbietet, geht eigentlich nicht mehr“. Die Corona-Krise habe das nur noch verschärft. „Da wird Aufbauarbeit nötig sein“, sagt der Jugendarbeiter, der gerade sein Psychologie-Studium absolviert.

Die Mädchengruppe in Bremthal oder der selbstverwaltete Jugendclub in Ehlhalten durften sich monatelang nicht treffen. Stadt und Jugendarbeit diskutieren noch über Hygiene-Konzepte für die städtischen Jugendräume. Gottfried und Carls hoffen, dass nach den Sommerferien wieder ein bisschen Normalität einkehrt.

Wichtig für die Zukunft sei psychosoziale Arbeit, Prävention von Gewalt und Drogenmissbrauch. Explizit gewünscht werden von den Jugendlichen feste Ansprechpartner für Konfliktsituationen, stellt Carls fest. Aufsuchende Jugendarbeit sei ein wichtiger Eckpfeiler für diese Zielsetzung, ebenso die Netzwerkarbeit zwischen den Gruppen, die mit Jugendlichen arbeiten. Die Gliederung der Stadt in fünf Stadtteile gebe das auch vor, so Carls, zumal ein zentraler Treffpunkt für alle Jugendlichen fehle. Auch wenn es kein Geld für große Projekte gebe, so gebe es doch Möglichkeiten über Mitbestimmungsmodelle die Jugendlichen zu beteiligen.

Wichtig sei den Jugendlichen, so eine von Carls Erkenntnissen aus einer Umfrage unter Eppsteiner Jugendlichen, dass sie als eigene soziale Gruppe und auch mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden. bpa

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
9 + 6 =
Lösen Sie diese einfache mathematische Aufgabe und geben das Ergebnis ein. z.B. Geben Sie für 1+3 eine 4 ein.

Neueste Kommentare

Kommentiert am 08.04.2020
IHH, „Eppsteiner Macher“ und Stadt bieten Rat und …
Kommentiert am 04.04.2020
Wiederaufforstung ist eine Aufgabe für …
Kommentiert am 30.03.2020
Wiederaufforstung ist eine Aufgabe für …
Kommentiert am 30.03.2020
Wiederaufforstung ist eine Aufgabe für …
Kommentiert am 27.03.2020
IHH-Chef fordert Klarheit für Mittelstand


X