Hitze, Trockenheit und karge Böden setzen den Bäumen zu

Das braun gefärbte Laub der Bäume schon im September auf den Kuppen des Staufen ist eine Folge der extremen Dürre. Foto: Klaus Sparwasser

Ein wenig Linderung hat der Regen der vergangenen Wochen der Natur gebracht. Allerdings nur oberflächlich, im wahrsten Sinn des Wortes.

Die gelegentlichen Gewitterschauer in den Sommermonaten und auch die jüngsten Regenfälle reichen bei weitem nicht aus, um auch die tieferen Schichten und die Wurzeln zu erreichen. Der Boden sei inzwischen so verdichtet, dass das Regenwasser gar nicht mehr eindringen könne, sagt Revierförster Peter Lepke. Dazu müsste es in den kommenden Monaten dauerhaft regnen und ein feuchter, möglichst schneereicher Winter folgen.

Schon die vergangenen drei Winter waren zu mild und zu trocken. Dieses Jahr folgte ein heißer Sommer, mit extremen Temperaturen von über 30 Grad Celsius und fast drei Monaten nahezu ohne Niederschläge. Im Laufe des Jahres fielen bisher rund 350 Millimeter Wasser, das entspricht 350 Liter pro Quadratmeter. Voriges Jahr waren es im gleichen Zeitraum rund 200 Millimeter mehr, was auch schon bei weitem nicht ausreichte. Als dritten Faktor führt Lepke die Bodenbeschaffenheit an: Der Eppsteiner Wald wächst auf Taunusfelsen und häufig an steilen Hängen und Höhenlagen, ohne tiefe Erdschichten für die Wurzeln. Dort nimmt der Boden ohnehin weniger Feuchtigkeit auf als die Böden in den Tälern.

Die Folgen sind dramatisch und nicht mehr zu übersehen. Im Stadtwald sind innerhalb von drei Jahren Fichtenbestände auf einer Fläche von rund 10 Hektar abgestorben. Auf den Kuppen rund um Eppstein werfen Eichen und Buchen in diesem Jahr viel zu früh ihr Laub ab. Besonders gut zu sehen am Staufen: Dort, wo die Bäume auf Felsen stehen, sind die Blätter lange vor der Zeit braun.

Der Eppsteiner Naturfilmer Klaus Sparwasser hat uns Drohnen-Fotos geschickt, die den Zustand des Waldes Anfang September zeigen: Was wie eine idyllische Herbstfärbung anmutet, zeigt tatsächlich einen Wald, der massiv und zunehmend unter Dürre und Hitze leidet. „Der von Industrienationen verursachte Klimawandel ist nicht nur ein existenzielles Problem des globalen Südens. Er findet direkt vor unserer Haustür statt“, sagt Sparwasser. Er befürchtet: „Wenn sich die Witterung nicht grundlegend ändert, stirbt ein Großteil der Bäume mittelfristig ab. Die Berghänge um Eppstein dürften sich dann in den nächsten zehn Jahren weitgehend aufgelichtet bis baumfrei präsentieren.“

Das Landesforstamt Hessenforst teilt dazu mit, der spätsommerliche Laubabwurf sei zunächst ein Schutzmechanismus der Laubbäume bei anhaltendem Wassermangel. Damit die Bäume so wenig Wasser wie möglich verdunsten, verschließen sie an heißen Tagen die Spaltöffnungen in ihren Blättern und stoßen sie schließlich ab, um ihre Ressourcen zu schonen. Einen trockenen Sommer überlebe ein Baum deshalb normalerweise ohne Probleme, so die Forstbehörde, mehrere Jahre mit Wassermangel schwäche jedoch seine Vitalität erheblich.

Jetzt werden bei Hessenforst fieberhaft neue Waldentwicklungsziele erarbeitet. In einem Monitoring werden die Bedingungen für unterschiedliche Baumarten untersucht. Auch die Auswirkungen des Wasserdefizits würden berechnet, allerdings mit einem wesentlichen Unsicherheitsfaktor, befürchtet Lepke: „Das derzeit verwendete Programm geht davon aus, dass die Winter auch in Zukunft ausreichend Niederschläge bringen.“ Das sei in den vergangenen drei Jahren nicht der Fall gewesen.

Der Wald werde sich auf die Veränderung einstellen, ist Lepke dennoch überzeugt. Dabei setzt der Förster auch auf die natürliche Anpassungsfähigkeit von Bäumen. So geben beispielsweise die hiesigen Eichen ihre Anpassungsfähigkeit im Erbgut weiter. Deshalb sieht Lepke die Pflanzung von nicht heimischen, aber trockenheitsresistenten Arten wie Zerreiche oder Ungarische Eiche bislang nicht für sinnvoll an.

Neben der Naturverjüngung, setzen die Förster bei der Neupflanzung auf Mischwald mit verschiedenen Baumarten, die auch mit weniger Wasser zurecht kommen: Neben Eichen sind das Ahorn, Eschen, Linden, Kiefern und als nicht heimische Art, Douglasien. Auf der Liste der alternativen Arten werde auch die Esskastanie aufgeführt, die sich beispielsweise auf dem Staufen recht gut entwickelt habe.

Die große Frage sei, so Lepke, welche Baumarten den Wandel überstehen. Seit Jahrhunderten prägt der artenarme „Hainsimsen-Buchenwald“, mit dem unscheinbaren weiß blühenden Sauergras und Buchen als prägenden Arten, das Bild vom „deutschen Wald“. Während Eichen und andere Baumarten sich möglicherweise auf die extremen Bedingungen einstellen, befürchtet Lepke, dass ausgerechnet die Buche, die heimische Baumart schlechthin, keine Chance hat, wenn alle drei Faktoren, Trockenheit, Hitze und fehlende Wasserhaltekraft der Böden, zusammenkommen.

Und es trifft junge Bäume ebenso wie alte, tief verwurzelte. Schon jetzt gebe es etliche mindestens 140 Jahre alte Buchen, die in den nächsten Jahren absterben werden: Auf den Kuppen rund um Alt-Eppstein, am Spitze Berg bei Ehlhalten oder im Nonnenwald, zählt der Förster einige Standorte mit gefährdeten Buchen auf. Die meisten lässt er als Habitatbäume stehen, damit sie anderen Lebewesen Nahrung und Nistmöglichkeiten bieten. Allerdings gibt es auch Stellen, etwa am Theodor-Fliedner-Weg, wo im Winter die Forstarbeiter anrücken, damit die Wege begehbar bleiben. Die Stadt ist verpflichtet, Wege, Straßenränder und Parkplätze zu sichern. So werden am Waldlehrpfad über 200 Jahre alte Eichen gefällt, die innerhalb kurzer Zeit abgestorben sind.

Die Schäden im Wald wirken sich auch auf die Wirtschaftlichkeit aus. Nach etlichen Jahren mit schwarzen Zahlen aus den Verkäufen der Baumernte, könnte sich das schon bald ändern: Die Preise für Holz schwanken stark. Eigentlich erwartete die Stadt schon für 2021 Verluste in Höhe von 46 000 Euro. Dank der gestiegenen Preise und der zwangsweisen Räumung großer Fichtenbestände, die dem Borkenkäfer zum Opfer fielen, verbuchte die Stadt am Ende doch einen Gewinn von 185 000 Euro. Doch das ist ein einmaliger Effekt, keine nachhaltige Entwicklung: Die Prognosen für dieses Jahr fallen schon deutlich niedriger aus: Am Ende könnte ein knappes Plus von 6000 Euro aus dem Holzverkauf übrig bleiben. In den kommenden Jahren werden eher die Ausgaben, etwa zur Sicherung der Wege und für Neuanpflanzungen, steigen.

Dank der „Extremwetterrichtlinien“ erstattet das Landes Hessen 80 Prozent der Kosten für die Wiederaufforstung. Das hält das Haushaltsdefizit bisher in Grenzen. „Wenn dieser Topf versiegt, wird es richtig eng“, sagt Lepke, der gerade den Forstwirtschaftsplan für 2023 aufstellt und ihn in am kommenden Dienstag im Stadtentwicklungsausschuss vorstellt. bpa

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25. September 2022 - 00:41

Chapeau für Hr. Lepke!

Ein sehr interessanter und gut recherchierter Artikel - bitte mehr davon in der EZ ...
Die Frage, wie es mit unserer Natur weitergeht, halte ich für sehr wichtig und ich interessiere mich schon lange dafür.
Ich denke, dass kurzfristige Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen der Stadt Eppstein zur Forstnutzung - im Bereich 50 K - nicht zielführend sind.
Alternativlos müssen Überlegungen sein, den ursprünglichen Wald wie z.B. Eichen - über seine Sämlinge wieder wachsen zu lassen - auch wenn dies ein paar Jahre dauern kann.
Ich halte die Pflanzung von nicht hiesigen Pflanzen aus Baumschulen für nicht sinnvoll, da ihnen die Anpassungsfähigkeit über das Erbgut und ihre Vernetzung über die Bodenorganismen fehlt - Hr. Wohlleben hat ja hierzu Einiges verständlich publiziert.
Wegen der Bedeutung dieses Themas würde ich mir zu den anstehenden Massnahmen im Eppsteiner Forst eine Bürgerbeteiligung wünschen.
Dipl.-Ing.
Heike Schmidt-Hunkel
Talblick 13
Ehlhalten



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