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Vor 100 Jahren entschieden sich 30 Männer dafür, eine freiwillige Pflicht zu übernehmen

Die Eppsteiner Feuerwehr im Jahr 1930 – zehn Jahre nach ihrer Gründung. Ihre ersten Uniformen erhielten sie 1928 – mit Pickelhauben, die an die Kaiserzeit erinnern. 

    Foto: Archiv Feuerwehr

„Wer eine Chronik einer Freiwilligen Feuerwehr schreibt, beschriftet ein Ehrenblatt jener Bürger, die für den Nächsten ,durch das Feuer gehen’. Eine gut ausgerüstete Wehr ist die beste Brandversicherung.“ Dieses Zitat von Ludwig Löber, Heimatdichter und langjähriger Herausgeber der Eppsteiner Zeitung, aus der Chronik zum 50-jährigen Bestehen der Eppsteiner Feuerwehr 1970, stellt Erhard Waldmann seiner Chronik zum 100-jährigen Bestehen 2020 voran. 

Eigentlich wollte der langjährige Wehrführer und Vereinsvorsitzende sie im Rahmen eines großen Festwochenendes Anfang Juni vorstellen, dann machte die Corona-Pandemie die Pläne zunichte. Das Fest wird um ein Jahr verschoben. Die Vorsitzenden der Feuerwehr legten stattdessen am Gründungstag einen Kranz am Gedenkstein für verstorbene Mitglieder nieder. Erhard Waldmann hat die Chronik nun für die Eppsteiner Zeitung zusammengefasst.

So sah Brandschutz 1920 aus: Der Eppsteiner Spritzenverband war seit 1873 aufgelöst und der erste Weltkrieg gerade vorbei. Eppstein hatte große Schwierigkeiten die Pflichtfeuerwehr handlungsfähig zu halten. Trotz Druck der Ortspolizeibehörde erschienen immer weniger Verpflichtete zu den befohlenen Übungen am Spritzenhaus im 1902 errichteten Rathaus, heute Burgstraße 42. 

Die Initiative, eine Freiwillige Feuerwehr zu gründen, ging von Max Bauer aus, einem Neubürger und Teppichhändler aus Frankfurt. Max Bauer war unvoreingenommen und sachlich. Er erklärte, dass es besser sei, etwas freiwillig zu tun, als zu einer Pflicht gezwungen zu werden. Nach intensiven Vorgesprächen in der Burgvilla Bauer konstituierte sich die Freiwillige Feuerwehr Eppstein am 8. Juni 1920 im Gasthaus „Zum Taunus“. 30 Eppsteiner Männer trugen sich in die Liste ein und wählten ihren ersten Vorstand. 

Vorsitzender wurde Max Bauer, der bis zu seinem Tode im Jahr 1958 ein treuer Förderer des Brandschutzes blieb. Ortsbrandmeister und Kommandant blieb der Führer der Pflichtfeuerwehr Georg Sauer.

Die finanzielle Not jener Tage war enorm: Die Geräte waren in einem erbärmlichen Zustand und das Spritzenhaus war viel zu klein. Trotz aller Widerstände blieben die Männer der Freiwilligen Feuerwehr zusammen. Das praktizierte Motto „Alle für einen und einer für Alle“, die Kameradschaft, wurde zu einem starken Band. 

1928 erhielten die Wehrmänner endlich Uniformen und nahmen im November des gleichen Jahres die erste Motorspritze entgegen. Ein Schlauchwagen kam 1929 dazu. Beides wurde im Rat- und Spritzenhaus im heutigen Verlagshaus der Eppsteiner Zeitung, untergebracht. 1932 wurden Feuersirenen auf hohen Dächern aufgestellt. Dann kam der zweite Weltkrieg. Viele Eppsteiner wurden Soldaten. 108 Männer, darunter auch Brandschützer, kehrten nicht wieder heim. 

Nach den Fliegerangriffen auf die Städte in der Region mussten die Daheimgebliebenen zu schwierigen Einsätzen ausrücken, auch in der Nachbarschaft bis nach Frankfurt hin.

Nach dem Krieg ging es langsam wieder aufwärts, in den 1950er Jahren bekam die Wehr das erste motorisierte Fahrzeug, einen Opel-Blitz. Um den Nachwuchs früh einzubinden, gründete der damalige Ortsbrandmeister Heinz Niehaus 1958 die Schülerfeuerwehr, die heutige Jugendfeuerwehr. Sie zählt zu einer der ältesten in Hessen. 

1960 feierte die Wehr ihren 40. Geburtstag. Mit dem erwirtschafteten Überschuss aus diesem Fest wurde eine Motorspritze TS 8 angeschafft. 1962 weihte die Wehr ein neues Feuerwehrgerätehaus neben der alten Schule ein, das heutige Rathaus II. 1967 war der Brandschutz am Rande seiner Leistungsfähigkeit. Neubaugebiete sowie Industriegebäude waren entstanden. Die Ausrüstung der Feuerwehr war nicht mehr zeitgemäß. Die Feuerwehrmänner wollten resignieren, aber der Magistrat löste das Problem 1968 mit der Anschaffung eines Löschgruppenfahrzeugs LF 8. 

1973 kam das neue TLF 16/25 hinzu und der Feuerwehrverein beschaffte aus Vereinsmitteln einen VW-Pritschenbus. Im selben Jahr fiel auch die Männerdomäne Feuerwehr, die ersten Frauen nahmen den aktiven Feuerwehrdienst auf.

Die Gebietsreform 1977 brachte große Veränderungen mit sich. Die Feuerwehr Eppstein bestand nun auf einmal aus fünf im Wettbewerb stehenden Wehren und der Eppsteiner Hans Rudolf Roth hatte als erster Stadtbrandinspektor die Aufgabe, sie zu einer Einheit zu formen, „was ihm und seinen Nachfolgern trefflich gelungen ist“, wie Chronist Erhard Waldmann feststellt.

Im Juni 1983 kam es zum traurigsten Einsatz der Geschichte der Wehr. Gemeldet wurde eine Explosion in der Freiherr-vom-Stein-Schule, tatsächlich handelte es sich um ein Attentat mit vielen Toten und Verletzten. In den Folgejahren wurde auch ein Einsatzleitwagen zur Koordinierung der Einsätze in Dienst gestellt. 

Zentralisierung war das politische Ziel Anfang 2000. Schnell stellt sich heraus, dass dann die Hilfsfristen nicht mehr eingehalten und auch die Kosten nicht sinken würden. Deshalb entschied sich die Stadtverordnetenversammlung 2001 für die Beibehaltung der dezentralen Struktur mit fünf Stadtteilwehren.

Ein zeitgemäßes Feuerwehrhaus für die Eppsteiner Wehr war überfällig. Im August 2006 erfolgte der erste Spatenstich zum Um- und Ausbau des Domizils in der Rossertstraße. Einweihung war im Mai 2008. Während der Bauzeit wurde die Einsatzbereitschaft aufrechterhalten. Dort war endlich Platz für ein modernes Löschgruppenfahrzeug LF 20/16.

Um Kinder schon in frühen Jahren für die Feuerwehr zu begeistern und den Nachwuchs zu fördern, wurde 2010 die Kinderfeuerwehr gegründet.

Im März 2016 rückte die Feuerwehr zu einem ihrer größten Brände in Eppsteins Altstadt aus. In der östlichen Burgstraße brannte eines der alten Fachwerkhäuser. Über 100 Einsatzkräfte waren 14 Stunden lang im Einsatz, ein Übergreifen der Flammen wurde verhindert.

Im Jubiläumsjahr beruft sich die Freiwillige Feuerwehr Eppstein wie vor 100 Jahren immer noch auf das Motto „Alle für einen und einer für Alle“.

Die ausführliche Geschichte der Feuerwehr steht auf der Homepage www.feuerwehr-eppstein.de unter dem Stichwort „Verein“.

Die Feuerwehr im Jubiläumsjahr

Im Jubiläumsjahr zählt die Einsatzabteilung 44 Mitglieder, die Jugendfeuerwehr 13, die  Kinderfeuerwehr 15 und die Ehren- und Altersabteilung 16 Mitglieder. Die wegen der Corona-Pandemie abgesagten Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum werden 2021 zum 101-jährigen Bestehen nachgeholt.

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