Home | Eppstein

Fenster in die Vergangenheit

Die Ausgrabungen im sogenannten Kelterhaus bleiben durch ein „Fenster in die Vergangenheit“ sichtbar, erläuterte Burgenforscher Joachim Zeune beim Pressegespräch auf der Burg. Foto: bpa

Seit 15 Jahren betreut Burgenfachmann Dr. Joachim Zeune Sanierungsarbeiten und Ausgrabungen auf der Burg. Immer wieder stießen seine Mitarbeiter und er auf spektakuläre Funde.

Sie wurden aufgemessen, einige, wie der Altangarten, für Besucher zugänglich gemacht, andere, wie das Sandsteinpflaster im Erdgeschoss des Palas, wieder zugeschüttet, um es für die Nachwelt zu schützen.

Die aktuellen Ausgrabungen im sogenannten Kelterhaus sind laut Zeune „mindestens genauso aufsehenerrengend“ und haben einen Boden aus der Zeit um 1607/1609 zum Vorschein gebracht, als die Adelsfamilie der Eppsteiner schon ausgestorben war, der Ostteil der Burg dem Mainzer Kurfürstentum gehörte und der Westteil den Landgrafen von Hessen.

Bei den Grabungen ist Zeune auf ältere Mauerreste einer früheren Bauphase gestoßen, die darauf schließen lassen, dass an dieser Stelle um 1100 vermutlich eine quadratische Turmburg stand. Anders als noch im Herbst, geht Zeune nun davon aus, dass die alte Kernburg nicht mitten im sogenannten Museumshof stand, sondern an der Außenmauer zum Ostzwinger hin. Das ergaben jetzt Untersuchungen eines Mauerzwickels an der gemeinsamen Außenmauer von Mainzer Keller und Kelterhaus. Kelterhaus und möglicherweise auch Juchhebau wurden demnach auf den Fundamenten dieser ursprünglichen Turmburg errichtet

„Jede Ausgrabung ist wie ein neues Puzzleteil, mit dem sich das Bild von der Burg verändert“, sagte Zeune, „mit jedem weiteren Fund korrigieren wir unsere historischen Erkenntnisse“. Dabei wollte die Stadt, wie berichtet, nur einen zweiten Rettungsweg aus dem Mainzer Keller anlegen und dafür den Bauschutt aus dem Kelterhaus wegräumen, berichtete Bürgermeister Alexander Simon am Dienstag bei einem Ortstermin in der Burg: „Statt dessen haben wir etwas viel Besseres gefunden“.

„Ein Fenster zur Vergangenheit“ nennt Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith den rund zwei Meter breiten Mauerausschnitt, der einen Einblick vom Museumshof ins Kelterhaus gewährt. Sie präsentierte gemeinsam mit Zeune das Manuskript für eine Infotafel, auf der die Ergebnisse der Ausgrabung erläutert und in den geschichtlichen Zusammenhang gestellt werden. Eine Skizze mit dem Altersplan der verschiedenen Mauer- und Bodenfragmente und eine maßstabsgetreue, kolorierte Zeichnung der Archäologen, die für sich selbst genommen fast schon ein Kunstwerk ist, veranschaulichen die neuesten Forschungsergebnisse.

Der Burgverein hat sich bereit erklärt, die Kosten für den Druck der Infotafel zu übernehmen.

Zwei Jahre dauerte es, bis die Archäologen die Bodenschicht aus dem frühen 17. Jahrhundert freigelegt hatten.

Im Kelterhaus Spuren einer Weinpresse und Scherben entdeckt

Verlegt wurden damals runde Bachkiesel, sogenanntes Katzenkopfpflaster, und Schieferbruchstücke. Die genaue Datierung lasse sich anhand von Quellen feststellen, die belegen, dass damals die neuen Herren auf der Burg gebaut haben.

Im Kelterhaus, dessen Name über Jahrhunderte tradiert wurde, stand wohl tatsächlich eine Weinpresse, um Most herzustellen. Ein runder Sockel aus grob gehauenen Steinen lasse diesen Schluss zu, sagte Zeune. Den zweiten Brunnen der Burg, der seit 1492 bezeugt ist, haben die Forscher ebenfalls entdeckt und eine Abfallgrube. Der mit Schutt verfüllte Brunnen bleibt weitgehend unangetastet, eine Verbindungsrinne vom Brunnen zum Mainzer Keller wurde freigelegt, die Abfallgrube ausgehoben und Knochen und Scherben katalogisiert.

Beim Aufriss der Bodenstruktur haben die Archäologen jedes Detail festgehalten. So hat eine Abflussrinne in der Mitte des Raumes wegen des Felsens an der Außenmauer ein Gefälle zum Innenhof. Vermutlich wurde der Raum zum Keltern und als Küche genutzt.

Die meisten Steingutscherben, die in der Abfallgrube gefunden wurden, stammen laut Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith, von sogenannten „Bartmannkrügen“, deren Flaschenhälse mit einem bärtigen Männergesicht verziert waren, eine äußerst beliebte Flaschenform zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert.

Auch das Fundament einer Innenmauer, das noch aus einer früheren Bauphase um 1410 stammt, haben die Archäologen untersucht, ebenso die Überreste eines Fenstergewölbes aus dieser Zeit.

Vermutlich aus dem 16. Jahrhundert dürfte ein weiterer historischer Fußboden stammen, den Zeune gerade im Durchgang zwischen Kelterhaus und Juchhebau freilegt. Schon auf der ersten rund ein Quadratmeter großen freigelegten Fläche hat Zeune Überreste einer möglichen Abflussrinne gefunden. Als nächstes will er überprüfen, ob die Lage mit der vor einigen Jahren in der Juchhe ausgegrabenen Bodenrinne übereinstimmt. Auf jeden Fall wird das Pflaster unter dem Weg erst einmal freigelegt und dokumentiert. Um es zu schützen könnte die Stadt den Boden wieder mit Schotter verfüllen. Zeune schlägt jedoch vor, die Steine sichtbar zu lassen und durch ein begehbares Gitter vor Abnutzung zu bewahren. Im Juchhebau der Burgschauspieler ist ein Ausschnitt im Boden vorgesehen, der durch ein bruchsicheres Glas einen Blick auf das historische Pflaster freigeben soll.

Die Arbeit an den historischen Böden und dem alten Gemäuer sei besonders diffizil, sagte Zeune, denn zum Teil sind die Steine sehr klein und nur noch lose in ihrem Verbund. Die Mauern vorsichtig neu zu verfugen werde deshalb der nächste Arbeitsschritt der Restauratoren im Kelterhaus sein. Außerdem wird die provisorische Abdeckung durch ein Dach ersetzt, das auf der Inneren Mauer des Kelterhauses aufliegt und genau wie das Dach des Juchhe-Baus begrünt wird.

Im Ostzwinger prüft die Stadt gerade die Bodenbeschaffenheit, weil dort eine Treppe als neuer Zugang zur Empore auf dem Mainzer Keller aufgestellt wird. Wie berichtet ist eine Stahlkonstruktion geplant. Treppe und ein Fluchtwegeplan sind Teil des neuen Brandschutzkonzeptes. Auf einen zweiten Rettungsweg aus dem Mainzer Keller wird zugunsten des Denkmalschutzes verzichtet. bpa

Weitere Artikelbilder:

Noch keine Bewertungen vorhanden

Neueste Kommentare

Hochzeitskulisse wird zur ständigen Heimat
18 Stunden 8 Minuten
Auf Postkarten durchs historische Eppstein …
18 Stunden 10 Minuten
Pulse of Europe: Wie eine neue Bewegung entsteht
1 Woche 5 Tage
Kinderfreundliches Deutschland?
1 Woche 6 Tage
Parkplätze noch bis Juli gesperrt
2 Wochen 1 Tag
X
Sichere Anmeldung

Diese Anmeldung ist mit SSL Verschlüsselung gesichert