Museumsleiterin Monika Rohde-Reith und die Burgschauspieler führten die Zuschauer 100 Jahre zurück in die Zeit, als das Museum seine heutigen Räume bezog.
Tatsächlich wird 1926 das Burgmuseum in der ehemaligen Kirche eingerichtet. Damals hat Eppstein etwa 1400 Einwohner. Die Nachwirkungen des ersten Weltkriegs (1914-1918) sind noch spürbar. Schließlich war Eppstein seit 1919 von den Franzosen besetzt, 1926 folgen die Engländer.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz befindet sich Deutschland zwischen 1924 und 1929 in den „Goldenen Zwanzigern“. Die politische und die wirtschaftliche Situation gilt als relativ sicher. Aber eben auch nur relativ. Gemeinsam mit den Burgschauspielern lässt die Leiterin des Burgmuseums Monika Rohde-Reith diese Zeit bei ihrem Rundgang durch Alt-Eppstein aufleben. An historischen Orten weist sie auf besondere Ereignisse und Persönlichkeiten hin, lässt sie in von ihr geschriebenen, fiktiven Spielszenen zu Wort kommen. Dies mit kritischem, doch immer wieder auch humorvollem Blick.
So thematisierte schon die erste Spielszene der Burgschauspieler am Stadtbahnhof eine „Amtliche Bekanntmachung“ in der Eppsteiner Zeitung vom 25. September 1926 über „Bettelei“ durch „ziehende Handwerksburschen“ und „Wegelagerer“: Dort bettelt ein „armer Handwerksbursche“, gespielt von Hauke Hasselmann. Während er von einer Eppsteinerin (Nicky Löffler) ein paar Münzen zugesteckt bekommt, ruft bald ein anderer Mann, dargestellt von Ronny Skowronnek, verärgert nach der Polizei. Tatsächlich ist Betteln im Eppstein von 1926 streng verboten. Dabei haben die hiesigen Ordnungswächter mit Einbrüchen im „Neufville-Turm“ und im „Cafe Lorsbachtal“ schon genug zu tun.
Auch anderen Orts, nämlich vor der Kirche, erscheint manchem das kleine Eppstein nicht als „heile Welt“. So werden die beiden Damen Elisabeth von der Leyen und Elisabeth Ernst, gespielt von Judith Graf und Nathalie Wolz, von den Einheimischen des Luftkurorts misstrauisch beäugt. Erfährt man doch in der zweiten Spielszene: „Die sind ein Paar! Und mit der komischen Künstlerin aus der Schmelzmühle befreundet“. Nein! In Eppstein solle es nicht so zugehen, wie im „frivolen Babylon Berlin.“ Dabei begreift sich Elisabeth von der Leyen lediglich als fortschrittlich denkende Frau. Im Jahr 1920 nach Eppstein gezogen, plant die Komponistin, Musikerin und Musiklehrerin mit dem Eppsteiner Pfarrer Fink (Roberto Meznaric) sogar Konzerte auf der Burg.
Oberst Paul Klette (Patrick Klein) scheint beliebter zu sein. Aus Schlesien, so erfährt man in Szene 3, stammt der gutaussehende Herr, der ab dem Jahr 1926 die Winter in der Villa Lützow verbringt. Gegenüber der Villa, auf dem Parkplatz des Rathauses, erfährt man zudem, dass der belesene Mann mit Elisabeth von der Leyen und Elisabeth Ernst befreundet ist.
Wie dieses Paar besucht auch er die eingangs erwähnte „komische Künstlerin“ Ella Bergmann-Michel und ihren Mann Robert Michel in der Schmelzmühle. Welche anderen Künstler wie Kurt Schwitters, El Lissitzky, László Moholy-Nagy oder Willi Baumeister der Oberst hier kennenlernen durfte? Wer weiß!
Fest steht nur, dass sich im Jahr 1926 die Wege von bestimmten Eppsteinern immer wieder gekreuzt haben müssen. Dies hat Dr. Bertold Picard in seinen aufwendigen Forschungen in unterschiedlichen Archiven herausgefunden. Und seine Ergebnisse hat er weitergereicht. Dank seiner Notizen gelangen nämlich der Leiterin des Burgmuseums, Monika Rohde-Reith, und der Leiterin der Burgschauspieler, Juliane Rödl, auf beeindruckende Weise sämtliche Dialoge und Szenen, die trotz ihrer reichen Inhalte, erfrischend leicht begreifbar waren.
Mit sicherer Hand inszenierte Szenen
Dabei bleibt es erstaunlich, mit welch großer Leichtigkeit, Energie und Lebendigkeit die 22 Mitglieder des Ensembles auftraten. Auch wenn sämtliche Worte und Gesten unter freiem Himmel stets etwas lauter und größer sein müssen, wirkten die Auftritte selbst bei den Jüngsten der Burgschauspieler ähnlich sicher wie die der erfahrenen Darsteller. Aufwendige Bühnenbilder benötigen die Künstler und Künstlerinnen nicht. Schließlich hatte man mit sicherer Hand tolle Kulissen in der Altstadt und zum Abschluss auf der Burg ausgewählt.
Gekleidet in liebevoll zusammengestellte und stimmige Kostüme, war es reizvoll, den Darstellern zuzuschauen. Auch die beiden letzten Szenen begeisterten das immer wieder spontan applaudierende Publikum. In diesen Szenen erfuhr es noch einmal Näheres über Elisabeth von der Leyen. Ärger mit dem Direktor der Stanniolfabrik (Volker Steuernagel) hatte die verarmte Adelige, die in der Villa in der Burgstraße 62 wohnte.
Auch sollte ihr Traum von Konzerten in der alten Burgkirche unerfüllt bleiben: Konzerte sollten während der Burgfestspiele und in den anderen Kirchen von Eppstein stattfinden. „Die Kapelle ist doch keine Singspielhalle!“, zitiert der Titel des Spaziergangs den über von der Leyens Vorschlag empörten Burgarchitekten Franz Burkhard. tu






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