Zelt, Tempel oder Arche – eigenwillige Fassade gibt Rätsel auf

Ilse-Marie Neuroth hat gut recherchiert. Foto: H. Mischker

Geschichte wurde lebendig am Tag des offenen Denkmals auf Hof Häusel. Das Missionshaus „Weltweiter Einsatz für Christus“ (WEC) gewährte Einblick in die Villa Paderstein mit ihrem eigentümlich geschweiften Giebel.

Im Jahr 1922 ließ es Wilhelm Paderstein nach Plänen des Architekten Fritz Voggenberger für Ehefrau Gretchen und die beiden Töchter Helga und Anita errichten und betrieb dort Landwirtschaft und eine Zucht für Rennpferde. Im Jahr 1938 musste die jüdische Familie emigrieren. Ihre Zuflucht: Brasilien.

Das Interesse war groß. Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith übergab das Wort an Ilse-Marie Neuroth vom WEC, die vom Thema fasziniert, viel Zeit in den Archiven verbracht hatte, um die Geschichte des Hauses zu erforschen. Der Funke sprang über auf die vielen Menschen, die ihr zuhörten. Insgesamt drei Gruppen führte sie vom Tor an der Stirnseite des Hauses durch den Dienstboteneingang in den Salon und durch das Herrenzimmer zum gemütlichen „Ecksitz“, wo einst Apfelwein und Schlachtplatte aufgetragen wurden.

„Zelt, Tempel oder Arche?“, die eigenwillige Gestaltung der Fassade hinter dem grünen Tor gebe Rätsel auf, so Neuroth, und vermutet, dass sich der international renommierte Architekt von einem Schiff hat inspirieren lassen. Bullaugen-gleich flankieren zwei runde Fenster den so genannten inneren Balkon, vor dem sich ein vertikal geschwungenes Gitter wölbt und an einen Mastkorb erinnert. Die äußerst schmal geformten hohen Fenster über dem für Voggenberger typischen Halbbogenfenster ließen an einen Mast denken. Der original erhaltene Putz schmiegt sich wellenförmig an die Fassade, die als expressionistisch bezeichnet wird. Im Grundriss dagegen pflegte Voggenberger einen eher sachlichen und zweckorientierten Stil.

Im weitläufigen Garten hinter der Villa Paderstein standen Bienenhaus und Hühnerhaus unter prachtvollen Bäumen. Das knallgrüne Tor, 1934, vier Jahre vor der Flucht, geschmiedet, war reich verziert mit Sonnenblume, Pferden sowie den Initialen WP, die irgendwann abhanden kamen. Bei der Restaurierung im Jahr 2008 wurde das Tor wieder in den Originalzustand versetzt.

Im ehemaligen Salon las Hof-Häusel-Nachbarin Sabine Bauer aus einem autobiografischen Text von Helga Flatauer, eine der Paderstein-Töchter, den die Autorin im Jahr 2008 auf Hof Häusel noch selbst vorgetragen hatte. Bis zu deren Tod 2011 war Bauer mit ihr freundschaftlich verbunden. Als Einzige der Padersteins kehrte Flatauer 1997 zurück nach Deutschland, um in Kronberg ihren Lebensabend zu verbringen. Sie schildert das Schicksal der Familie, das mit den Großeltern väterlicherseits beginnt. Großvater Emil war ein reicher Privatbankier und Mitbegründer der Dortmunder Unionsbrauerei in Paderborn. 1919, mit 25 Jahren, kam sein Sohn Wilhelm Paderstein nach Eppstein. Gretchen aus Berlin, seine Verlobte, besuchte ihn just zu dem Zeitpunkt, als die Franzosen wegen ausbleibender Reparationsleistungen die Freizügigkeit für Deutsche einschränkten und sie bleiben musste.

Die beiden heirateten deshalb nicht in Berlin, sondern in Ober- oder Niederjosbach, so der Wortlaut der Lesung. Wilhelm ließ den Familiensitz erbauen: Die Villa Paderstein. Flatauer verbrachte dort unter Pferden und Pfauen eine glückliche Kindheit, nur getrübt durch eine lebensbedrohliche Lungenentzündung, die sie nach dem Einbruch in den vereisten Ententeich davon trug. „Helgali“, wie ihre Mutter sie nannte, wuchs umsorgt von ihren Eltern heran. Zum Personal gehörten Hauslehrer, Köchin, Stubenmädchen, Putzfrau und Hofmeister.

Ihre Worte legen offen, wie sehr sie ihrer Heimat und dem ländlichen Leben verbunden war: „Hof Häusel wird ewig Teil meines Lebens sein. Und vielleicht, wenn ich darüber nachdenke habe ich auch in Brasilien das Rauschen der Tannenwälder vermisst“, zitiert Bauer. Die antijüdischen Gesetze bewogen die Familie dazu, Deutschland zu verlassen und damit „das Geborgensein eines Lebens“. Der Bremthaler Pfarrer half, indem er sie durch einen Stempel zu Katholiken machte, da Juden nach Brasilien nicht mehr einreisen durften. Sie mussten sich abermals verstecken, als Brasilien 1943 gezwungen wurde, Deutschland den Krieg zu erklären. Dabei wurden auch die deutschstämmigen Padersteins in „Sippenhaft“ genommen, was aus heutiger Sicht unvorstellbar erscheint.

Nach der Emigration der Padersteins wurde die Villa als Kinderheim genutzt bis sie 1963 in den Besitz des WEC überging. Neben Ilse-Marie Neuroth bereiteten Kersten Pfund, Christiane Thiel und Jürgen Gaub die Veranstaltung vor und erarbeiteten mehrere Schautafeln und bestückten eine ansehnliche Kuchentafel.

Sie wurden außerdem unterstützt von Bertold Picard, dem ehemaligen Stadtarchivar, der 1986 im Zuge seiner Forschungen über die Geschichte Vockenhausens eine Verbindung zur Familie Paderstein geknüpft hatte.mi

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