Plakette zur Erinnerung an eine jüdische Familie

Eine Bronzetafel neben dem alten Tor verrät Besuchern und Wanderern künftig mehr über den Erbauer und die früheren Bewohner.

Zum Gedenken an die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung am 9. November 1938 enthüllte das WEC International am 84. Jahrestag eine Plakette am alten Eingangstor der Villa zur Erinnerung an die jüdische Familie Paderstein, die von 1919 bis 1938 auf dem oberen Hof Häusel wohnte.

Wilhelm Paderstein ließ die Villa mit dem auffällig geschweiften Giebel 1922 von dem renommierten Architekten Fritz Voggenberger erbauen. Gerade noch rechtzeitig entschloss sich die Familie 1938, aus Deutschland zu fliehen. Als am 9. November 1938 in Deutschland Synagogen brannten, jüdische Geschäfte geplündert und Wohnhäuser überfallen wurden, waren Wilhelm (31.10.1893-2.7.1977) und Margarethe Paderstein (8.9.1896-29.8.1990), ihre Töchter Helga (16.2.1921-3.9.2011) und Anita (25.1.1926-19.12.1959) gerade in Paris, auf dem Weg nach Brasilien – und „erschüttert über die Nachrichten aus Deutschland“, verrät ein Tagebucheintrag der damals 17-jährigen Tochter Helga.

Tafel erinnert an eine Familie, die ein Teil von Hof Häusel war

Fast sechs Jahre dauerten die Vorbereitungen, bis die Tafel jetzt, genau 100 Jahre nach dem Bau der Villa, neben dem grün gestrichenen schmiedeisernen Tor enthüllt wurde. „Wir haben lange diskutiert, wie und in welcher Form wir an die früheren Besitzer und die Gründe, warum sie ihre Heimat verlassen mussten, erinnern“, berichtete Ilse Neuroth, Mitarbeiterin des WEC, über den langen und intensiven Prozess. Schließlich habe man sich für eine Bronze-Tafel entschieden, die das Haus zeigt, in dem sich die Familie sehr wohl gefühlt habe, und an die vier Familienmitglieder erinnert.

Jürgen Gaub vom Leitungsteam des Missionswerks schilderte seine Eindrücke, als er vor einigen Jahren zum Hof Häusel kam: „Das Haus und der Garten waren eigentlich nicht für uns gedacht.“ Das Anwesen sei so angelegt worden, dass die Familie und auch ihre Nachkommen dort ein Zuhause haben sollten. Das sei überall zu spüren. Und ihm sei klar, dass die Familie dieses Zuhause nur unter größtem Druck verkauft und verlassen habe, sagte Gaub, „und vielleicht sogar die Hoffnung hegte, irgendwann dorthin zurückzukehren“.

Der frühere Stadtarchivar Bertold Picard weist darauf hin, dass die Stadt bereits zum Jubiläum des Stadtteils Vockenhausen 2008 eine Infotafel über die Geschichte von Hof Häusel aufgestellt habe, auf der die Familie Paderstein und ihr Schicksal erwähnt werde.

Er beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit der Geschichte dieser jüdischen Familie. Anfangs gab es zwar noch viele Zeitzeugen, sagte Picard. Aber viel habe er nicht von ihnen erfahren. Nur einen wichtigen Hinweis, der ihn zur Adresse der Familie Paderstein in Brasilien führte. 1986 schrieb er einen ersten Brief nach Südamerika und bekam Antwort von einer der Töchter der Padersteins, Helga Flatauer. Wilhelm Paderstein war bereits 1977 verstorben, Schwester Anita 1959. Aber Mutter Margarethe und Tochter Helga lebten noch und ein lebhafter Briefwechsel begann, zunächst nur mit der Tochter. Die nationalsozialistische Verfolgung habe bei den Eltern tiefe Narben hinterlassen, schrieb Helga Flatauer.

Zwar hatten sie den Hof, den sie 1938 zwangsverkaufen mussten, 1952 zurückerhalten und im Jahr darauf verkauft, und eine Wiedergutmachung für die 1938 gezahlte Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe erhalten – immerhin 210 000 Reichsmark. Aber niemand aus der alten Heimat hatte sich nach dem Krieg bei ihnen gemeldet. Sie schienen vergessen zu sein, sagte Picard. So wollten die Padersteins auch nicht mehr an die unseligen Jahre erinnert werden.

Dank Picard wurde das Schicksal der Familie ins Gedächtnis der Stadt zurückgeholt. In etlichen Veröffentlichungen schrieb er darüber. Die erste, ein zweiteiliger Bericht über „Das Schicksal der Familie Paderstein“, erschien 1986 in der Eppsteiner Zeitung. Als Helga Flatauer 1997 nach dem Tod ihrer Mutter nach Deutschland zurückkehrte, wurde der Kontakt noch intensiver. Sabine Bauer, Anwohnerin auf Hof Häusel, erinnerte sich, dass Flatauer am 9. November 2004 eine kurze Ansprache gehalten habe. 2008 kam sie zu einer Zeitzeugen-Veranstaltung nach Vockenhausen.

In Flatauers Tagebuch gebe es viele Einträge über ihre glückliche Kindheit auf Hof Häusel und über die Emigration: „Wir waren am Beginn unserer Emigration und ahnten nicht, dass der 9.11.1938 der Anfang vom Ende war“, zitierte Bauer Flatauer. Der deutsche Reisepass und der Stempel des Bremthaler Pfarrers, der sie zu Katholiken machte, habe ihnen damals geholfen, zu entkommen. Später bedeutete der brasilianische Pass für sie Sicherheit.

Bertold Picard hielt den Kontakt bis zum Tod von Helga Flatauer 2011. In seiner Glückwunsch-Ansprache zu Flatauers 90. Geburtstag erinnerte er sie daran, dass ihre tiefe und genau bewahrte Erinnerung an Kindheit und Jugend ihr als fester Grund geholfen habe, in der Fremde eine neue Heimat zu finden: Das Gegacker aus dem Hühnerhof, der Duft des Roggenbrots, die geliebten Pferde, der Weg nach Eppstein und Vockenhausen zu Borns Zigarettenkiosk und das frohe Leben mit der Familie und dem Hauspersonal, zählte Picard einige der vielen Eindrücke auf.

Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith skizzierte den zeithistorischen Hintergrund in den 1930er Jahren: die immer strikter werdenden Verordnungen und Einschränkungen für Juden in Deutschland, ihre Einstufung zu Menschen zweiter Klasse seit Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze, die Ausgrenzung, Isolierung und Stigmatisierung – und, dass für alle anderen Deutschen das Leben trotzdem zunächst scheinbar unverändert weiter ging.

Mit der Gedenktafel für die Familie Paderstein werde deshalb ein wichtiges Zeichen gesetzt, betonte Erste Stadträtin Sabine Bergold: „Es soll nicht mehr so weit kommen, dass Menschen, die Nachbarn und Bürger sind, fliehen müssen. Die Familie Paderstein war ein Teil von Hof Häusel und von Eppstein. Und sie soll es in unserer Erinnerung auch bleiben.“

An zwei weitere Schicksale soll an dieser Stelle erinnert werden, für die es in Eppstein noch keinen Gedenkort gibt: Das Ehepaar Bäck wurde ebenfalls Opfer der Nationalsozialisten: Der Kaufmann Moritz Bäck war konvertierter Jude, seine Frau Johanna Protestantin. Seit 1932 wohnten die beiden in der Villa Mathilde in der Staufenstraße. 1938 verließ Moritz Bäck seine Frau und floh nach Osteuropa. 1939 versuchte er nach England zu fliehen, saß aber in Polen fest und wurde 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er 1943 ermordet wurde. Seine Ehefrau beging 1940 Selbstmord. bpa

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