Vom einfachen Leben und vom Ende der Gusbacher Rute

Umzug beim Feuerwehrfest 1955 mit der Pferde bespannten Spritze von 1884.    Fotos (2) aus „400 Jahre Niederjosbacher Geschichte“

Schon vor einigen Monaten haben wir berichtet, dass der Niederjosbacher Heimatforscher Hans Jungels die zweite Auflage seiner Niederjosbacher Chronik herausgebracht hat – mit 380 Seiten gut ein Drittel dicker als die erste Auflage unter dem Titel „Niederjosbach – Unser Dorf – Unsere Heimat“ von 2005.

In „400 Jahre Niederjosbacher Geschichte“ fasst Jungels zusammen, wie sich historische Ereignisse wie Kriege oder wechselnde Herrschaftsverhältnisse auf das Leben der einfachen Menschen auswirkte und schildert den Alltag dieser Menschen, deren Leben den Jahreszeiten angepasst war: Holzfällen und Brennholzmachen im Winter, Feldarbeit in Frühjahr und Sommer und von der mühsamen Vermarktung dieser Feldfrüchte durch die Frauen. Zu Fuß trugen sie drei Körbe – einen auf dem Kopf, zwei weitere an einem Joch auf den Schultern – bis zu den Märkten nach Wiesbaden und Mainz, weil diese näher lagen und besser zu erreichen waren als Frankfurt. Dem Bau der Eisenbahn und des Bahnhofs ist in der Neuauflage der Niederjosbach-Chronik ein langes Kapitel gewidmet, das mit dem Bau der Straßenunterführung in den Jahren 2009 und 2010 abschließt.

Ein Kapitel beschreibt die Trinkwasserversorgung, zum Beispiel den Bau der zentralen Wasserleitung samt Trinkwasserreservoir 1911. Es zeigt eine Karte der Fließgewässer und die Lage der Wehre und erklärt die früher übliche Wiesenbewässerung mit Hilfe von Gräben. Die Geschichte des Brandschutzes, die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr 1931 und deren Geschichte bis zur Eingemeindung nach Eppstein 1976, ist genauso beschrieben wie die Arbeit der Gemeinde-Hebammen.

Der Geschichte der Dorfschule ist ein ausführliches Kapitel gewidmet. Zum Beispiel, dass die Niederjosbacher Kinder im 17. und 18. Jahrhundert nach Oberjosbach zur Schule laufen mussten und wie Niederjosbach 1726 den ersten eigenen Lehrer Balthasar Abbt einstellte.

Eine Rechnung von 1770 über eine Reparatur ist das älteste Zeugnis in den Gemeindeunterlagen über ein Schulhaus. Der Bau des ersten Schulhauses in der heutigen Kirchgasse ist für 1882 nachgewiesen. 1959 wurde die neue Volksschule an einem damals noch kaum erschlossenen Hang in der heutigen Schulstraße eröffnet. Jedes Kind erhielt zur Feier der Eröffnung eine Tafel Schokolade, schreibt Jungels. Die alte Schule in der Kirchgasse, ein Fachwerkbau, wurde 1982 abgebrochen. Der Holzfußboden, weiß Jungels zu erzählen, wurde im Schulmuseum in Kriftel komplett eingebaut.

Seit 1966 gingen die älteren Schüler in die Freiherr-vom-Stein-Schule in Eppstein. Zwei Jahre nach dem Zusammenschluss von Bremthal und Niederjosbach 1971 wurde die heutige Comenius-Schule an der Bremthaler Gemarkungsgrenze errichtet. Das Niederjosbacher Schulgebäude in der Schulstraße wurde zum Kindergarten umgebaut.

Jungels, dessen Familie seit Generationen in Niederjosbach wohnt, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, erlebte Nationalsozialismus und Weltkrieg als Kind und in den letzten Kriegsmonaten als Flakhelfer mit und widmet auch dieser Zeit viel Raum in seinem Buch. Die Kapitel über Nationalsozialismus, Kriegsereignisse, Zwangsarbeit hat er nicht komplett neu geschrieben, aber mit vielen neuen Informationen ergänzt. Neu ist ein Kapitel über die „Verweigerer in der Hitlerzeit“: Hans Krissel, der sich des Baus des Westwalls von 1938 bis 1940 entzog und dafür zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde, und Herbert Zöpfchen, Sohn des Dorflehrers, der auf dem Frankreichfeldzug 1944 fahnenflüchtig wurde und in einer Kirche um Kirchenasyl bat.

Etliche Kapitel seines ersten Buches „Niederjosbach – Unser Dorf – Unsere Heimat“, habe er ergänzt und durch neue Ergebnisse seiner Nachforschung ergänzt, sagte der 93-jährige Autor der Eppsteiner Zeitung. So enthält das Buch eine Liste sämtlicher Bürgermeister seit 1630, auch den aus Niederjosbach stammenden Lehrern widmet Jungels einige Seiten.

Jungels fasst in seiner Chronik auch Berichte zusammen, die er in den vergangenen Jahren für andere Publikationen, beispielsweise das Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises, verfasst hat. Mit großer Sachkenntnis erklärt der frühere Vermessungsingenieur bei der Deutschen Bahn so spezielle Themen wie „300 Jahre Nachweis des Grundeigentums“ und wie das System zur Erfassung der Eigentumsverhältnisse vom Stockbuch oder Landbuch bis zum speziellen Kataster entwickelt wurde.

Von 1977 bis 2004 war Jungels außerdem Ortgerichtsvorsteher in Niederjosbach und erklärt in seinem Buch den Ursprung dieser freiwilligen Gerichtsbarkeit und ihre Anfänge in Eppstein und schreibt auch kurze Abhandlungen über Spezialthemen wie „die Gusbacher Rute“, eine der unzähligen Maßeinheiten in den deutschen Staaten, bevor um 1870 das metrische Maßsystem eingeführt wurde, oder den Felddienstbarkeiten, die die Wegerechte und Zufahrten zu Wiesen und Feldern regeln.

Ergänzt werden die historischen Abhandlungen durch eine Chronik wichtiger Ereignisse für Niederjosbach, die mit den ersten Besiedlungsspuren am Josbach um 1050 und der Ersterwähnung von 1233 in einem Zehntregister des Stephansstifts in Mainz beginnt und bis zum Ausbruch des Coronavirus 2020 reicht.

Die neue Niederjosbach-Chronik hat Jungels im Eigenverlag herausgegeben. Sie kostet 20 Euro und ist in Niederjosbach in der KFZ-Werkstatt Sabel und im „Kastanienhof“ erhältlich, beide in der Bezirksstraße, und in Alt-Eppstein im Verlagshaus der Eppsteiner Zeitung, Burgstraße 42, oder kann direkt über den Autor bezogen werden: johann.jungels[at]web.de[dot]bpa

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