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Böhmen, Mähren und Eppstein – Historische Migrationsströme

Flüchtlinge warten mit ihrem wenigen Hab und Gut auf einem Bahnhof auf den Weitertransport nach Westen. Foto aus „Flüchtlinge und Heimatvertriebene in Bremthal nach dem Zweiten Weltkrieg“, Dokumentation von Edwin Morgenstern, Bremthaler Heimat- und Geschichtsverein, 2008.

Die Ausstellung des Stadt- und Burgmuseums zur Stadterhebung 1318 im Jubiläumsjahr 2018 inspirierte den Bremthaler Michael Popovic zu eigenen Nachforschungen.

Insbesondere ein Satz im Vorwort zur Ausstellung ließ den ehemaligen Geschäftsführer der Landesärztekammer Hessen nicht ruhen: „Mächtige Eppsteiner Herren und mutige Frauen haben in sieben Jahrhunderten die Geschicke Eppsteins beeinflusst.“ Ihn beeindruckte dabei vor allem, wie weit der Arm einiger mächtiger Herren aus dem Haus Eppstein reichte.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Popovic auch ein Hinweis, den ihm seine Mutter gab, als er mit seiner Familie vor über 30 Jahren von Köln nach Eppstein umzog. Als Heimatvertriebene hatte sie sich mit der Geschichte ihrer ehemaligen Heimat im heutigen Tschechien beschäftigt, insbesondere mit den Königsstädten Trautenau, Prag und Leitmeritz. Sie wies ihren Sohn darauf hin, dass sich der Mainzer Erzbischof Siegfried II. von Eppstein (1200-1230) noch während seiner Zeit als Propst von Vyšehrad (Wyschehrad) allein sechsmal im Hofgut Schüttenitz (Žitenice) bei Leitmeritz (Litoměřice) aufgehalten habe.

Popovic selbst ist 1947 in Fulda geboren. Seine Eltern sind beide Heimatvertriebene aus dem heutigen Tschechien. Als Ruheständler setzte Popovic die Nachforschungen über die Familiengeschichte fort und entdeckte dabei unerwartete Verknüpfungen zwischen der Heimat seiner Vorfahren und Eppstein.

Einen ersten Bericht über die Rolle der Eppsteiner als Erzbischöfe von Mainz und deren Einfluss auf die ehemaligen Länder der böhmischen Krone im heutigen Tschechien schrieb er für die Eppsteiner Zeitung im Jubiläumsjahr 2018. Im vergangenen Jahr beschäftigte er sich mit den Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg aus dieser Region, von denen etliche in Eppstein eine neue Heimat fanden. 1946, rund 750 Jahre nach den Aufenthalten Siegfrieds II. in Böhmen, wurden den heutigen Ortsteilen von Eppstein 544 Heimatvertriebene aus der damaligen Tschechoslowakei (CSSR) zugewiesen.

Unterstützt wurde der Genealoge bei seinen Recherchen von Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith. Ein weiteres Puzzleteil entdeckte er in der Eppsteiner Zeitung vom 19. November 2008. Darin berichteten wir über Edwin Morgensterns Buch „Flüchtlinge und Heimatvertriebene in Bremthal nach dem Zweiten Weltkrieg“. Popovic nahm Kontakt zu Morgenstern auf und stellte bei der Lektüre des Buches fest, dass Bremthal, das 1945 nur 750 Einwohner zählte, seit März 1946 70 Familien mit insgesamt 250 Menschen zugewiesen bekam. Davon, vermutet Popovic, kamen etwa die Hälfte aus den ehemaligen Ländern der Böhmischen Krone (Böhmen, Mähren, Schlesien) nach Bremthal. Ende 1946 hatte Bremthal 1011 Einwohner.

Niederjosbach hatte zum 31. Dezember 1946 genau 908 Einwohner. Der Heimatforscher Johann Jungels gibt in seinen „Daten aus der Geschichte Niederjosbachs“ von 2017 an, dass 1946 von den 900 Einwohnern etwa 287 Heimatvertriebene waren. Etwa die Hälfte dieser Vertriebenen dürften laut Hans Jungels „Sudetendeutsche gewesen sein“. Auf Basis der Unterlagen, die Rohde-Reith Popovic überließ, stellte er fest, dass 26 Vertriebene aus diesem Gebiet nach Ehlhalten kamen, das Ende 1946 546 Einwohner zählte. Laut Bertold Picard „waren die meisten Zuzügler Heimatvertriebene, die aufgrund des Potsdamer Abkommens der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs aus ihren Wohnsitzen im Osten ausgewiesen worden waren“. In seinem Buch über Vockenhausen von 2008 schrieb Picard: „Seit März 1946 trafen sie im Höchster Bahnhof ein und wurden schließlich den Gemeinden zugeteilt. Vockenhausen musste 79 Familien aufnehmen, meist Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei. Andere stammten aus Österreichisch-Schlesien, Pommern und Ostpreußen.“ Vockenhausen zählte Ende 1946 1450 Einwohner.

Die Recherche in den Einwohnermeldebüchern von Eppstein im Stadtarchiv und im Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS), ergab für die Kernstadt Eppstein 1946 genau 1944 Einwohner. Aus einem Schreiben der Gemeinde Eppstein vom 3. Februar 1947 an den Landrat des Main-Taunus-Kreises geht hervor, dass sich zum 31. Dezember 1946 auch 96 aus der Tschechoslowakei Ausgewiesene in der Gemeinde aufhielten, die zwischen April und Dezember 1946 nach Eppstein gekommen waren. Insgesamt lebten damals 638 Evakuierte, Flüchtlinge, Ausgewiesene und Ausländer in Eppstein.

Die Vorfahren der „Sudetendeutschen“, mit deren Geschichte sich Popovic eingehend beschäftigt, wanderten im 12. und 13. Jahrhundert im Zuge der deutschen Ostsiedlung überwiegend aus dem heutigen Bayern, aus Sachsen, Schlesien und Österreich in die Grenzgebiete Böhmens und Mährens ein. Bischof Bruno von Olmütz, Graf zu Schaumburg/Weser, der als Kolonisator Mährens im 13. Jahrhundert gilt, gründete während seiner Amtszeit in seiner Diözese über 200 Städte und Dörfer. Historiker und Namenskundler vermuten, dass der Mythos des „Rattenfängers von Hameln“ tatsächlich auf den Siedlerzug einer ganzen Generation junger Menschen hinweist, die in Hameln und im Schaumburger Land keine Zukunft sahen.

Viele der „sudetendeutschen“ Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg kamen aus ehemaligen (deutsch-)böhmischen Königsstädten, die lange vor Eppstein, das im Jahre 1318 zur Stadt erhoben wurde, die Stadtrechte erhielten: Als Beispiele nennt Popovic: Freudenthal (Bruntál), Troppau (Opava), Leitmeritz (Litoměřice), Prager Altstadt (Staré Město), Mies (Stříbro) und Aussig (Ústí nad Labem), die schon im 13. Jahrhundert Städte wurden. Nach Eppstein erhielten die Prager Neustadt (Pražské Nové Město) und Karlsbad (Karlovy Vary) die Stadtrechte.

In diese rund 150 Jahre der Gründung überwiegend deutscher Städte im Königreich Böhmen mit Magdeburger Recht fällt auch die Amtszeit der vier Bischöfe aus dem Haus Eppstein. Sie hatten zwischen 1200 und 1305 für insgesamt 77 Jahre den Mainzer Erzstuhl inne, wirkten als Erzbischöfe, erste Kurfürsten und Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches bei der Wahl von Königen und Kaisern mit. Zum Erzbistum Mainz, der Kirchenprovinz Germania, gehörten bis 1344 auch das Königreich Böhmen und die Markgrafschaft Mähren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden insgesamt drei Millionen der über 3,2 Millionen „Sudetendeutschen“ (Deutsche aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien) aus der Tschechoslowakei vertrieben. Sie wurden unter Androhung und Anwendung von Gewalt zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Laut dem Beneš-Dekret 108 der vorläufigen Nationalversammlung von 1945, so Popovic, „wurde das gesamte Vermögen, Immobilien und Vermögensrechte der deutschen Einwohner konfisziert und unter staatliche Verwaltung gestellt“.

Am 1. März 1946 trafen die ersten von 22 Güterzügen mit insgesamt 8 380 Vertriebenen in den Vertriebenentransporten aus der Tschechoslowakei auf dem Höchster Bahnhof ein. Sie waren dem Main-Taunus-Kreis (MTK) im Zuge der tschechoslowakischen „Ausweisung“ zugewiesen worden. Wie viele Personen über sogenannte „wilde Vertreibungen“ vor dem Potsdamer Abkommen aus der CSSR in den MTK kamen, ist bislang unbekannt.

Aufschlussreich ist die Entwicklung der Einwohnerzahl im Main-Taunus-Kreis. Danach lebten 1939 dort 71 235 Menschen. 1960 waren 124 500 Einwohner gemeldet, davon 27 400 Vertriebene. EZ

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