Pfarrer Helmut Gros: Kirche sollte für alle Menschen offen sein

Pfarrer Helmut Gros ist seit fast zwölf Jahren in Hofheim tätig und seit Frühjahr auch für Eppstein zuständig.Foto: B. Schuchard-Palmert

Die Kirchen in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen. Die Zahl der Mitglieder geht stetig zurück.

Gleichzeitig nimmt in der katholischen Kirche der interne Richtungsstreit um die grundsätzliche Ausrichtung der Kirche zu: Weiheämter auch für Frauen, Toleranz für Homosexuelle, Akzeptanz von Geschiedenen oder im Gegensatz dazu Festhalten an historisch gewachsenen Werten und wortgetreue Bibelauslegung sind Themen, die die Kirche in Deutschland spalten und Gläubige in unterschiedliche Lager treiben.

Seit dem Weggang von Pater Gaspar Minja in diesem Frühjahr ist der Hofheimer Pfarrer Helmut Gros offiziell Pfarrer und Pfarrverwalter von Eppstein. Deshalb hat sich die Eppsteiner Zeitung mit ihm getroffen. In seine Amtszeit in der Hofheimer Pfarrei St. Peter und Paul fiel die Grundsatzentscheidung des Bistums Limburg, Pfarreien zu Großpfarreien zusammenzulegen. 2012 wurde aus den fünf Eppsteiner Pfarreien eine Kirchengemeinde und der Weg zur „Pfarrei neuen Typs“ mit Hofheim und Kriftel eingeschlagen. Die Wellen schlugen damals hoch. Vor allem unter den Ehrenamtlichen. In Eppstein legten viele enttäuscht ihre Ämter nieder.

Pfarrer Gros erinnert sich daran und sagt: „Gut, dass wir eine lange Übergangszeit hatten. Seitdem haben wir viele Gespräche geführt und viel Misstrauen abgebaut“. Zeit zum Kennenlernen sei enorm wichtig. Das gelte für die Pfarrgemeinderäte genauso wie für die Gläubigen. Beim ersten zentralen Fronleichnamsfest für alle Eppsteiner Kirchorte in Bremthal habe es sich gezeigt, wie wichtig gemeinsame Feste seien. Bei solchen Ereignissen erlebe man die Gemeinschaft. Trotz anfänglicher Skepsis habe er nur positive Rückmeldungen von diesem ersten zentralen Fronleichnamsfest erhalten. Der nächste gemeinsame Termin für die gesamte Pfarrei sei die Stadtmesse am 4. September auf der Burg.

Gros hält die Großpfarreien nicht für den richtigen Weg. Kirche brauche ein Zentrum, einen zentralen Ort, „sonst verlieren wir den Kontakt zu den Gemeinden“, befürchtet Gros und ab einer gewissen Größe gehe die Nähe zu den Menschen verloren. „Das fängt im Alltag an“, hat er festgestellt, „schon beim Einkaufen führe ich unzählige Gespräche mit den Menschen, die ich dabei treffe – aber wann komme ich schon mal zum Einkaufen nach Eppstein?“.

Er ist aber auch überzeugt, dass die neue Pfarrei gelingen kann. Denn mit einer maximalen Entfernung von 17 Kilometern zwischen Kriftel und Eppstein und mit insgesamt 12 000 Gläubigen sei die künftige Pfarrei zumindest überschaubar, auch wenn sie nicht historisch gewachsen sei. Die Idee des Pfarrpfads St. Elisabeth gefällt ihm gut. Mitglieder der beiden Pfarreien haben einen 42 Kilometer langen Rundweg von Eppstein über Hofheim nach Kriftel und zurück ausgewiesen, der einzeln oder mit der Gruppe gewandert werden kann. Regelmäßig legen Mitglieder aus beiden Pfarreien auf gemeinsamen Wanderungen weitere Etappen zurück.

Seit Pfingsten gelte eine neue Gottesdienstordnung in den Pfarreien Hofheim, Kriftel und Eppstein, die möglichst viele Wünsche der einzelnen Kirchorte berücksichtige und gleichzeitig versuche, verlässliche Angebote für die Gläubigen zu schaffen. Eine wirklich gute Lösung sei bislang nicht gefunden worden, das sei mit so wenigen Priestern schwierig, so lange in jedem Kirchort Sonntagsgottesdienste gefeiert würden, sagt Gros. Der Kompromiss sehe vor, „dass wir nicht mehr jede Woche einen Sonntagsgottesdienst in allen zwölf Kirchorten in Kriftel, Hofheim und Eppstein anbieten, dafür aber für jeden Kirchort regelmäßige Sonntagsgottesdienste zwei bis dreimal pro Monat“, sagt Gros. In Eppstein sei nur der Samstagabend-Gottesdienst in Bremthal eine regelmäßige und verlässliche Größe.

Mit den drei hauptamtlichen Priestern allein, Pfarrer Gros, Kaplan Johannes Funk und Pater Anto Batinic, sei das Pensum nicht zu leisten, nur dank der Unterstützung der Hofheimer Franziskaner-Brüder gelinge dies. Deshalb würde Gros gern geistige Zentren in den drei Gemeinden schaffen mit unterschiedlichen, aber verbindlichen Angeboten wie feste Familiengottesdienste oder Kirchenmusik.

Bis Anfang Dezember wird der neue gemeinsame Pfarrgemeinderat mit je einem Vertreter aus den einzelnen Kirchorten gebildet. Zum 1. Januar 2023 werden die beiden Pfarreien zusammengelegt. Der Pfarrgemeinderat wählt den Verwaltungsrat, dessen erste Aufgabe werde das Auflisten der Kirchenimmobilien, die Beurteilung der Bausubstanz und der Unterhaltungskosten sein, die zweite, welche erhalten bleiben. „Das wird spannend und sehr herausfordernd“, sagt Gros.

Er selbst ist eigentlich ein Quereinsteiger. Der knapp 59-jährige stammt aus dem Westerwald, aus der Nähe von Rennerod und machte nach der Hauptschule eine Ausbildung zum Dreher, „Feinzerspanungsmechaniker heißt das heute“, sagt Gros. Während seiner Zeit als Zivildienstleistender beim Sozialdienst der Caritas entstand sein Wunsch, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen. Sein Abitur machte er auf dem zweiten Bildungsweg, studierte an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt, war in dieser Zeit in der Griesheimer Kirchengemeinde aktiv und absolvierte ein Diakonat in Wetzlar. Die Zeit in dem Simultandom, in dem sowohl katholische als auch protestantische Gläubige zu Hause sind, habe ihn sehr geprägt und seine Haltung zur Ökumene bestimmt. Nach der Priesterweihe 1996 wurde er Pfarrer in Selters, blieb dort elf Jahre lang und ist inzwischen fast zwölf Jahre Pfarrer in Hofheim und Kriftel. Gefragt nach persönlichen Schwächen, räumt er ein: „Ich bin leicht aufbrausend“, das sei für seine Mitmenschen nicht immer einfach auszuhalten.

Die Krisen der vergangenen Jahre, zunächst der Bauskandal um Bischof Tebarz van Elst, dann die zahlreichen Missbrauchsvorwürfe haben die Kirche erschüttert. „Daran gibt es nichts mehr schönzureden“, sagt der Pfarrer unumwunden, „die vielen Probleme der vergangenen Jahre holen uns jetzt ein.“ Eppstein zählte 2012 noch über 5000 Katholiken. Ende 2021 waren es noch 3900.

Laut Gros müsste die Kirche sich viel mehr öffnen, die Priesterdienste sich an den Menschen und den heutigen Bedürfnissen ausrichten – ob auf der Seite des Klerus oder der Gläubigen: „Es geht immer um Menschen und ihre Schicksale.“ Kirche sei kein Selbstzweck. Auseinandersetzungen, interne und externe Strömungen über die Auslegung der Bibel habe es zu allen Zeiten in der Kirche gegeben. Es sei Auftrag und Angebot der Kirche, die Worte der Bibel in die jeweilige Zeit zu übersetzen.

In der Kirche, so der Pfarrer, sollten sich alle Menschen aufgehoben fühlen, das gelte für Homosexuelle ebenso wie für Geschiedene, sagt er und fordert eine klare Haltung: „Nicht die Fortpflanzung, sondern die Liebe sollte das Wichtigste in einer Partnerschaft sein“, denn auch in der heiligen Schrift sei die Liebe der rote Faden.

Die beste Aktion nutze nichts, „wenn uns die Menschen nicht verstehen und die Quelle des Glaubens, die Eucharistie, fehlt“, ist Gros überzeugt. Gefragt, was er sich für die Eppsteiner Katholiken in den kommenden Monaten wünsche, antwortet er: „Dass sie sich nicht in ihrem Glauben entmutigen lassen.“bpa

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