Zapfenernte 60 Meter über dem Boden

Ob im Harz oder im Taunus, bei der Zapfenernte müssen die Baumkletterer bis hoch in die Wipfel.

Eine Woche mühseliges Arbeiten an dünnem Seil liegt hinter den Zapfenpflückern, die Baumkletterer Josua Hundertmark für die Ernte im Nonnenwald bei Ehlhalten zusammengerufen hat. Die Ausbeute war mit rund 210 Kilogramm Zapfen am Ende magerer als erhofft.

Fünf Kletterer aus Hundertmarks Team waren täglich von morgens bis abends in den Baumkronen der bis zu 60 Meter hohen Douglasien und holten eimerweise Zapfen von den Ästen. Baumpfleger Nicholas Knott zeigte der Eppsteiner Zeitung, wie er zunächst mit Hilfe einer Zwille und einem Wurfseil das Kletterseil über einen der unteren Äste in der Krone schnellen ließ und dann gut befestigte. Innerhalb weniger Minuten gelangte er bis zur Krone, wo er sein Basislager einrichtete und Verpflegung, Seile und einen großen Sack für die Ausbeute deponierte. Mit einem Doppelseil gesichert, kletterten Knott und seine Kollegen im sogenannten Wechselaufstieg bis in die rund 60 Meter hohen Baumwipfel. Sobald ein Baum abgeerntet war, traversierten sie mit Hilfe von Wurfhaken zum benachbarten Baum – ohne den Umweg über den Boden.

Rund 100 Kilogramm Douglasien-Zapfen müssen sie ernten, um ein Kilogramm Saatgut zu erhalten, erläuterte Revierförster Peter Lepke, der ebenfalls zum ersten Mal eine Ernte in den Douglasien begleitet. Er hofft auf zertifiziertes Saatgut aus dem eigenen Wald. Im Oktober beispielsweise werden in einem anderen vom Regierungspräsidium zertifizierten Waldabschnitt Eicheln gesammelt.

Per Längsschnitt durch einen Zapfen wird die Ausbeute in den Douglasien geschätzt. Zählt Hundertmark zwölf Samen pro Anschnitt, ist die Ausbeute hervorragend und wird als „Vollmast“ bezeichnet, sind 40 bis 70 Prozent der Samenkammern gefüllt, gilt das als „Halbmast, alles unter zehn Prozent Samenanteil gilt als „Sprengmast“. In Ehlhalten war die Ausbeute extrem unterschiedlich: „Wir hatten Bäume mit optimalem Samenbestand, aber auch Zapfen, die gerade mal fünf Körner im Anschnitt aufwiesen“, sagte Hundertmark. Die Samen werden in Säcken abgefüllt und abends von einem Forstmitarbeiter begutachtet und verplombt. Sind die Zapfen noch frisch und vollkommen geschlossen wiegt ein Sack bis zu 50 Kilogramm.

„Diesmal trocknete das Harz leider schon früh, die Zapfen waren dadurch viel leichter“, so Hundertmark, der mit seinem Team aus dem Raum Celle angereist war. Er selbst ist gelernter Garten- und Landschaftsbauer. In seinem Team arbeiten auch ein Forstwirt und ein Baumkontrolleur. Das Zapfenpflücken gehöre zu den Nischenberufen. Dieses Jahr habe er drei Neulinge im Team, die allerdings zuvor einige Jahre Berufserfahrung in einem Forstberuf gesammelt haben.

„Mitte August waren die Aussichten für die Zapfenernte noch hervorragend“, ergänzte Lepke. Doch dann sagte eine Pflücker-Kolonne kurzfristig ab, „bis wir ein neues Team gefunden hatten, waren die Zapfen fast schon zu reif und begannen sich zu öffnen“, führte Lepke aus. Er geht trotzdem davon aus, dass die Saat für etwa 45 000 Bäumchen reicht. Die genaue Ausbeute steht erst fest, wenn die Samen aus den Zapfen gefallen und gewogen sind. Für ihn ist die Ernte in jedem Fall ein Erfolg. Die Zapfenpflücker werden von der Baumschule bezahlt, der Waldeigentümer erhält einen Betrag pro Kilogramm Zapfen und hat die Möglichkeit, sich Schößlinge für spätere Pflanzungen zu reservieren.

Die Douglasien im Nonnenwald sind bis zu 120 Jahre alt und zählen damit zu den ältesten Douglasien-Kulturen in Deutschland. Gepflanzt wurde um 1900 die widerstandsfähige Küstendouglasie aus Kalifornien, die inzwischen in ganz Deutschland kultiviert wird.

In höheren Lagen, etwa in der Mark bei Oberjosbach hat Nadelholz Lepkes Ansicht nach weiterhin gute Chancen. Statt der Fichte soll dort die Douglasie im Verbund mit Laubbäumen wachsen. In tieferen Lagen setzt Lepke auf Laubbäume. Bei Niederjosbach etwa wird eine Lichtung nördlich der Obergasse im Frühjahr mit 6500 Eichen aufgeforstet. Eichen wachsen auf sonnigen Flächen, müssen aber wegen der Verbissgefahr eingezäunt werden.

In seinem Forstwirtschaftsplan für 2021 hat Lepke diese Projekte bereits aufgeführt. Nach etlichen guten Jahren, mit Erträgen zwischen 16 000 und fast 50 000 Euro, muss die Stadt 2021 drauflegen. Beispielsweise bei der Verkehrssicherung von Wegen und Waldrändern. Wegen der absterbenden Bäume werde sie laut Lepke zu einem „erheblichen Faktor“. Auch Borkenkäferbrut muss beseitigt werden. Lepke rechnet mit einem Ertrag von rund 127 100 Euro und einem Aufwand von knapp 161 400 Euro. Bleibt ein Defizit von 34 300 Euro. bpa

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