Frühbarockes Christusbild endlich in der Kirche angekommen

Bertold Picard erläutert die spannende Entstehungsgeschichte des Passionsbildes.

Mehr als hundert Jahre lang war das Gemälde „Christus vor dem hohen Rat“ in Vergessenheit geraten. Vermutlich stammt es, wie eine Reihe weiterer Kunstwerke aus der Vorgängerkirche der katholischen St.

Laurentius-Kirche auf der Burg, dem heutigen Museumsbau, und verschwand spätestens nach dem Umzug der Gemeinde in die 1903 errichtete neue katholische Kirche dort im Archiv.

Jetzt hat auch dieses Bild endlich seinen Platz in dem Gotteshaus gefunden: An der Rückwand des Langhauses, direkt neben dem Eingang zum Kirchenschiff als Pendant zur geschnitzten Figur des Heiligen Antonius von Padua. Im Frühjahr ließ der Förderverein es anbringen. Zwei neue Strahler setzen die beiden Kunstwerke ins rechte Licht. Beide Arbeiten schmückten vermutlich bereits die Vorgängerkirche auf der Burg, ebenso wie das barocke Gemälde der 14 Nothelfer von 1750. Der Antonius und das Gemälde der 14 Nothelfer wurden der Eppsteiner Pfarrei bereits 1813 bei der Auflösung des Kapuzinerklosters in Königstein übereignet. Die anderen neugotischen Heiligenfiguren, auch die Pietà, wurden erst 1903 für die drei Altäre in der neu errichteten Laurentius-Kirche angeschafft.

Der Förderverein der St. Laurentius-Kirche zog den Diözesankonservator Professor Matthias Kloft hinzu, der das Gemälde „Christus vor dem hohen Rat“ als authentische Arbeit aus dem Jahr 1626 einstufte. Aus dieser Zeit, dem ersten Drittel des 30-jährigen Kriegs (1618-1648), sind im Bistum Limburg nur wenige Gemälde und Kunstdenkmäler erhalten. Auch deshalb empfahl Kloft die Renovierung. Das Bistum trug die Hälfte der Kosten in Höhe von 3200 Euro, mit der Auflage, dass das restaurierte Bild einen Platz in der Kirche erhält (wir berichteten). 2019 kehrte das gesäuberte und restaurierte Gemälde zurück, konnte aber nicht sofort aufgehängt werden, weil die Kirche gegen Feuchtigkeit saniert wurde, und wurde deshalb, wie berichtet, im Rahmen einer Ausstellung im Pfarrhaus vorgestellt.

In der 1903 im neugotischen Stil erbauten St. Laurentius-Kirche war das Ölgemälde mit dem schlichten schwarzen Holzrahmen über 100 Jahre lang im Lager verstaubt, bis vor fünf Jahren Pfarrsekretärin Monika Schäfer beim Aufräumen darauf stieß und den Förderverein der Laurentius-Kirche über ihren Fund informierte. Daraufhin begann der frühere Stadtarchivar Bertold Picard mit Nachforschungen.

In den Inventarlisten der damaligen Kirchengemeinde Eppstein taucht ein Hinweis auf das Ölgemälde erstmals im Jahr 1787 auf. Die Beschreibung „Bild mit schwarzem Rahmen in Glas, die Passion vorstellend“ ist zwar nicht eindeutig, lässt aber laut Picard den Schluss zu, dass es sich um das Gemälde „Christus vor dem hohen Rat“ handelt.

Eindeutig beschrieben ist es erst in den Verzeichnissen des 20. Jahrhunderts. Im Inventar 1991 wird das 272 mal 184 Zentimeter große Ölgemälde auf Nadelholz als „bäuerliche Arbeit mit expressivem Ausdruck“ aufgeführt, das Einflüsse des Manierismus der ausklingenden Renaissance, aber auch des frühbarocken Stils von Caravaggio zeigt, dessen Bilder wegen ihrer extremen Hell-Dunkel-Kontraste berühmt sind.

Die Signatur „Abraham de eger Maler“ oder „Abraham Dregl“ versteckt der Künstler in den Bibel-Zeilen, ebenso den Hinweis auf Entstehungszeit und Ort: „Coble.Anno1626“. Er malte es also vermutlich in Koblenz.

Die Geschichte des Bildes lässt sich nur sehr lückenhaft darstellen, berichtet Bertold Picard. Der frühere Stadtarchivar hat im Internet und bei verschiedenen Museen recherchiert. Nachfragen im Mittelhrein-Museum in Koblenz blieben ohne Ergebnis, ebenso in München, wo 2018 eine große Ausstellung gezeigt wurde von Malern, die im Stil von Caravaggio malten.

Sicher ist nur, dass das Original, das der unbekannte Maler kopierte, 1617 in Rom entstand und von dem bekannten Caravaggisten Gerrit van Honthorst (1592-1656) stammt. Die deutlichen Zitate im Eppsteiner Bild lassen daran keinen Zweifel: Die Haltung Christi mit überkreuzten Händen, Kaiphas mahnender Zeigefinger, selbst die Figuren im Hintergrund, die beiden Männer hinter Kaiphas, möglicherweise die beiden falschen Zeugen, und die Soldaten mit ihren Hellebarden und Piken hinter Christus. Die Restaurierung lässt aber auch die technischen Schwächen des Gemäldes und die stilistischen Brüche deutlich hervortreten: So wirkt das rote Gewand des Hohepriesters Kaiphas fast expressionistisch und holzschnittartig, während das weiße Gewand von Jesus in weichen Falten fällt. Hände und Stirn der Christusfigur wirken verzerrt und nicht richtig proportioniert.

Ob der Maler dafür, wie viele seiner Zeitgenossen, zu Studienzwecken nach Rom reiste, oder eine der bereits zu Honthorsts Lebzeiten gemalten Kopien zu Gesicht bekam, lässt sich nicht nachvollziehen. Von den 30 bekannten Kopien entstanden sechs zu Honthorsts Lebzeiten.

Nach einem Einbruch, bei dem Diebe, wie berichtet, wertvolle liturgische Geräte gestohlen haben, ist die St. Laurentius-Kirche vorübergehend geschlossen. Das Bild kann jedoch vor und nach den Gottesdiensten besichtigt werden. bpa

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