Home | Politik und Wirtschaft

Landwirte ärgern sich über rücksichtslose Spaziergänger

Die landwirtschaftlich genutzten Flächen in Eppstein sind überschaubar im Vergleich mit den extensiv genutzten Flächen in landwirtschaftlich geprägten Regionen im Süden oder Norden Deutschlands. In Bremthal werden vielleicht noch 80 Hektar, in Niederjosbach und Vockenhausen jeweils knapp 60 Hektar als Acker- oder Weideland genutzt. Trotzdem kommt es gerade im dicht besiedelten Taunus immer wieder zu Konflikten zwischen Landwirten und Spaziergängern, Radfahrern und Hundehaltern.

irte luden deshalb am vergangenen Samstag den Magistrat und die Ortsvorsteher zu einer Traktorfahrt durch die Feldgemarkung ein. Sie werben um Verständnis für ihre Anliegen. Ohne ihre Arbeit würden Täler, blühende Wiesen und Ackerflächen innerhalb weniger Jahre von Sträuchern und Gebüsch zugewuchert. Der Wechsel zwischen Wald und offener Landschaft würde verschwinden. 

„Die Kulturlandschaft, die die Menschen im Urlaub in Bayern, in Weingegenden am Rhein oder in Norddeutschland so schätzen, hat bei uns keinen Stellenwert“, sind sich die drei Ortslandwirte Michael Bendl für Niederjosbach, Michael Roth für Vockenhausen, Eppstein und Ehlhalten, Holger Ickstadt aus Bremthal einig. Bendl und Roth sind beide Vollerwerbs-Landwirte. Alle drei haben Mischbetriebe: Sie betreiben Ackerbau und haben Wiesen für die Rinderhaltung, Roth hat außerdem Pferdeweiden. Ickstadt zieht Schweine auf.

Im Alltag stehen den Eppsteiner Landwirten im wahrsten Sinn des Wortes oft Spaziergänger und Radfahrer im Weg. „Die meisten wissen nicht, dass landwirtschaftliche Fahrzeuge auf den Wirtschaftswegen Vorfahrt haben“, berichten die Ortslandwirte. Sie führen aus, dass etwa 90 Prozent der Feldwege in Privatbesitz sind und zum Pachtland des jeweiligen Landwirts gehören. Obwohl Spaziergänger sie nur nutzen dürfen, verhalten sich viele, als sei das Land Allgemeinbesitz.  

Ein Feldschütz, wie es ihn früher gegeben habe, wäre aus Sicht der Ortslandwirte wünschenswert. Noch haben die drei keine konkrete Idee, wie ein Feldschütz zu finanzieren wäre, aber sie wollen sich Rat holen in Kriftel. Die Obstbaugemeinde Kriftel habe diesen Posten wieder besetzt. Die Stadt denkt darüber nach, die Ordnungspolizei in der Feldgemarkung einzusetzen.  

Nahezu täglich komme es zu unangenehmen Begegnungen, weil Spaziergänger sich weigern, aus dem Weg zu gehen, um die landwirtschaftlichen Fahrzeuge vorbeizulassen, berichten die Landwirte. Einmal habe ein Radfahrer den Weg durch den Bauwald komplett blockiert, indem er sich mitten auf die Fahrbahn gesetzt habe und für keine Argumente zugänglich war. Ein Ausweichen sei nicht möglich gewesen, erinnert sich Michael Bendl. 

Ein Beispiel für gedankenloses Parken entdeckten die Ausflügler gleich zu Beginn ihrer Fahrt: Beim Abbiegen von der Landstraße ins Seyenbachtal in Höhe des Waldlehrpfades stand ein Pkw so im Weg, dass der große Claas-Traktor gerade noch um die Kurve gelangte, ohne in den Graben ausweichen zu müssen. „Solche Situationen sind alltäglich“, sagt Ickstadt. 

Viele Hundhalter missachten klare Regeln, nach denen Wiesen und Felder vom 1. April an nicht betreten werden dürfen und Hunde während der Brut- und Setzzeit des Wildes angeleint werden sollen. In den Wiesen drücken Hunde die Mahd zusammen, in den Feldern ziehen sie Furchen. Die von ihnen geknickten Halme richten sich nicht mehr auf. Und vor allem gelangt der Kot in die Nahrungskette: „Wenn Rinder mit Kot verschmutztes Heu oder Silage fressen, kann das zu einer Wurm-infektion führen, die das Fleisch ungenießbar macht“, weist Bendl auf eines der drängendsten Probleme hin.  

Andererseits beschweren sich Spaziergänger schnell, wenn sie glauben, die Landwirte setzten sich über Gesetze hinweg. Misthaufen auf Wiesen oder Feldern sind so ein strittiges Thema: „Mist darf bis zu einem halben Jahr auf der Fläche gelagert werden, auf dem er verteilt wird“, klärt Michael Roth auf. Dabei müssen die Landwirte beachten, dass sie den Mist nicht auf einer der zahlreichen Wasserschutzflächen im Stadtgebiet lagern. 

Glyphosat ist auch ein Thema für die Landwirte. Sie plädieren für einen behutsamen Einsatz. Auch ohne Glyphosat setze die herkömmliche Landwirtschaft Herbizide, Wachstumsregler und Fungizide ein, damit die Ackerfrucht gesund bleibt. Gespritzt werde vorzugsweise abends, um die Bienen zu schützen. 

Einen generellen Leinenzwang gibt es in Eppstein nicht. Die Stadt setzt statt auf Verbote und Anordnungen auf Aufklärung und will mit Schildern zum Stichwort „Willkommen in Feld & Flur“ Verständnis für die Landwirtschaft wecken. Auch die Stadt muss sich Kritik anhören. Die landwirtschaftlichen Hauptstrecken werden zwar immer mehr genutzt, wurden aber seit Jahren nicht mehr renoviert. Die Folge: Schlaglöcher und holperige Wegränder. 

In den kommenden Monaten wolle man eine Liste mit den dringendsten Maßnahmen zusammenstellen, sagte Bremthals Ortsvorsteher Guido Ernst, der als Hobbylandwirt Streuobstwiesen bewirtschaftet. Eine solche Initiative habe aber nur Sinn, wenn es eine gesamtstädtische Initiative für die Sanierung der Wirtschaftswege gebe. Er hofft, dass die Gemeinschafts-Aktion der Landwirte Gehör findet und bei der kommenden Haushaltsplanung Geld dafür bereit gestellt wird. 

In einigen Wohnstraßen, die zugleich Zufahrt zu Feldwegen sind, gibt es Konflikte, weil die Parkstreifen so angelegt wurden, dass die Landwirte mit ihren Traktoren kaum vorbei gelangen. Bei der Erschließung des Baugebiets Hollergewann wurde die Verlängerung der Eppsteiner Straße gar nicht erst für Traktoren mit Anhängern ausgelegt. „Da haben wir Mist gebaut“, räumte Bürgermeister Alexander Simon bei der Rundfahrt ein: Die Einfahrt zum Feldweg Richtung Vockenhausen ist zu eng und unnötig geschwungen. Eigentlich müssten nur drei neue Bäume verpflanzt und die Kurve begradigt werden. Nun stellt sich jedoch das Bauamt des Main-Taunus-Kreises quer und lässt keine Planänderung zu. 

Auch bei der Planung von Ausgleichsflächen für neue Baugebiete habe die Stadt in den vergangenen Jahren nach Ansicht der Ortslandwirte oft keine gute Wahl getroffen. Die Landwirte fordern, dass sie künftig schon frühzeitig einbezogen werden. So sei zwischen Guldenmühle und Bauwald bestes Ackerland aufgegeben worden, um eine Magerwiese anzulegen, deren Heu noch nicht einmal als Viehfutter taugt, klagt Ickstadt. Aus Sicht der Landwirte hätte es geeignetere Flächen gegeben. 

Ohne die Arbeit der Landwirte würden viele Wiesen und Felder innerhalb weniger Jahre von Gestrüpp und Hecken zugewuchert. Sie wären dann zwar ein Refugium für Wildschweine und Niederwild, aber für die Menschen unzugänglich. Deshalb, so Bendl, „mähen wir Wiesen, obwohl die Qualität des Heus immer schlechter wird.“ 

Entlang der Bäche beispielsweise übersäuern die Wiesen, weil das Bachbett selbst durch allzu hoch wachsende Erlen eingeschnürt wird und die Bäche oft über die Ufer treten. Beim Bau der Landstraße zwischen Niederjosbach und Niedernhausen legte das Landesstraßenbauamt Entwässerungsrohre in die Wiesen, nicht in die Kanalisation. Jetzt steht das Land bei Regen unter Wasser. „Das Ergebnis sind saure Wiesen“, sagt Bendl. 

So kommen viele Faktoren zusammen, die in der Summe für die Landwirte zu gravierenden Problemen werden: „Wir bewirtschaften Wiesen und Felder das ganze Jahr über, aber ernten können wir nur einmal“, sagt Bendl, „was bei der Ernte fehlt, geht von unserem Jahreseinkommen ab.“    bpa

Weitere Artikelbilder:

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (2 Bewertungen)

Neueste Kommentare

Hochzeitskulisse wird zur ständigen Heimat
4 Wochen 3 Tage
Auf Postkarten durchs historische Eppstein …
4 Wochen 3 Tage
Pulse of Europe: Wie eine neue Bewegung entsteht
6 Wochen 1 Tag
Kinderfreundliches Deutschland?
6 Wochen 2 Tage
Parkplätze noch bis Juli gesperrt
6 Wochen 3 Tage
X
Sichere Anmeldung

Diese Anmeldung ist mit SSL Verschlüsselung gesichert