Anita Simons Kindheit in Bremthal roch nach Zement und Erde

Anita Simon erzählt in ihrem Buch von ihrer Kindheit in Bremthal. Foto: bpa

Anita Simon hat ein sehr persönliches Buch über ihre Kindheit und Jugend in Bremthal geschrieben und stellt ihre Erinnerungen unter dem Titel „Schau und erzähl“ am Freitag, 24. Juni, im evangelischen Emmauszentrum vor.

Schon der Schutzumschlag um das mit gelbem Leineneinband gedruckte Büchlein zeigt ihre persönliche Taunuslandschaft – Gelb-grüne Wiesen und Felder mit ein paar Bäumen und Büschen und blau hingehauchten, angedeuteten Mittelgebirgszügen am Horizont – „ganz aus dem Gedächtnis, so wie ich sie in meinem Inneren sehe“, sagt die 66-jährige Autorin, die nicht nur schreibt, sondern auch seit rund zehn Jahren malt, vorzugsweise Landschaften.

Sie hat etliche Workshops und Kurse besucht, unter anderem Ölmalerei bei Yuriy Ivashkevich in Höchst oder an der Europäischen Kunstakademie in Trier. Noch länger beschäftigt sie sich mit dem Schreiben und nahm beispielsweise an Seminaren über autobiografisches Schreiben an der Goethe-Universität teil.

Anita Simon ist in Bremthal aufgewachsen, hat dort ihre Jugend verbracht und sich auch mit ihrem späteren Mann bewusst für ein gemeinsames Leben in Bremthal entschieden: Im Frühjahr 1977, als sie zusammen auf einer Rheinbrücke bei Düsseldorf standen. Sie hatte gerade die Zusage, für ihren Arbeitgeber Hoechst AG für einige Jahre nach London zu gehen, Freund Wilfried das Angebot als Jurist in einer Wirtschaftsberatung in Düsseldorf zu arbeiten. Stattdessen bauten sie auf einem Stück Land ihrer Eltern in der heutigen Hebelstraße ein Haus, heirateten 1979 und zogen am gleichen Tag ins neue Heim ein.

Als Anita im August 1955 als erste Tochter von Lena und Oswald Hess geboren wurde, kamen gerade die letzten Kriegsgefangenen aus Russland zurück, ihre Mutter sang ihr als Gute-Nacht-Weise „Maikäfer flieg“ vor – und sang auch für ihre in Minsk gefallenen Brüder.

Aufgewachsen ist Anita Simon jedoch in der „Zeit des Aufbruchs und Anpackens“. In ihrer Erinnerung riecht ihre Kindheit nach „Zement und Hohlblocksteinen“ und nach Erde. Überall in Bremthal kommt sie an „aufgebrochener Erde“ vorbei. Vom Leben ihrer eigenen Großeltern weiß sie nicht viel mehr als die Geburtsdaten, dass sie beide Weltkriege erlebt haben und einer ihrer Großväter Schreiner war und die wunderschöne Holztreppe im Elternhaus selbst gebaut hat.

Deshalb habe sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben, „damit meine Enkel einmal wissen, was ich gedacht, gefühlt und erlebt habe“, sagt sie. Denn Erinnerungen seien erlebte Geschichte. Schon ihr Vater, Oswald Hess, habe Vieles aufgeschrieben und die Geschichte seines Dorfes dokumentiert. Von ihm stammt das Gedicht über den Eichbaum am Königsbachtal, das viele Bremthaler kennen. Und noch viel mehr hat er seiner Tochter auf gemeinsamen Spaziergängen und Sonntagsausflügen erzählt und so ihr Interesse für das Dorf und die Heimat geweckt.

Genauso deutlich sind ihre frühen Kindheitserinnerungen an das Erdbeerfeld der Familie oberhalb des Bahndamms und, wie sie dort mit ihrem Cousin Günter darauf wartete, bis das Schnaufen des Zuges im Eppsteiner Tunnel zu hören war und er sich seinen Weg durch das Tal bahnte. Früher habe jede Familie ihre eigenen Äckerchen bewirtschaftet und Erdbeeren, Kartoffeln oder Mais angebaut, weiß Simon.

Das Wasserreservoir von 1878 in der heutigen Wiesbadener Straße markiert den Zugang zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen. Denn dahinter lagen Wiesen, auf denen sie mit ihren Freunden Federball spielte, und das kleine Gärtchen der Familie, wo es nach Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Pfefferminze, Dill, Salbei und Schalotten duftete und am oberen Ende jede Menge bunte Gartenblumen wuchsen und Wicken sich am Maschendrahtzaun emporhangelten. „Unsere Welt spielte sich dort in der ,Kuhlgrube’ ab“, erinnert sich Anita Simon. Auf dem Mäuerchen des Reservoirs dachten sie sich Theaterstücke aus, in der Kinderwerkstatt ihres Schulfreundes Günter Fischer bastelten sie aus Holzresten, Stoffen, Leim und Papier Handpuppen und luden die Freunde zu einer Theateraufführung ein, die in einen heftigen Streit zwischen den Puppenspielern mündete. Sogar Eintritt hatten sie verlangt. Beim Schlecken der Brause, die sie von den Einnahmen kauften, versöhnten sie sich wieder.

Jahrzehnte später besuchte Anita Simon mit ihrer Enkelin den Garten ihrer Kindheit und stellte fest, dass er inzwischen völlig verwildert und unzugänglich ist. Nur der Apfelbaum habe sich behauptet, als einziger Fixpunkt des ehemaligen Kinderparadieses. „Zuerst war ich sehr traurig“, sagt Simon, aber dann fand sie: „Die Natur hat das toll gemacht und dieses geschützte Refugium geschaffen.“

Dass dort das Wohngebiet „Steinkaut“ entstehen soll, kommentiert sie nicht, nimmt auch keinen Bezug darauf, dass ihr Sohn Alexander Simon seit 2013 Bürgermeister von Eppstein ist. Für sie habe sich dadurch nichts geändert, sagt Anita Simon. Anfangs gab es vereinzelt Bitten und Anfragen, doch das habe sie schnell klargestellt: „Ich bin im Dorf Anita Simon und nicht die Mutter des Bürgermeisters.“

Als Ehefrau des ehemaligen Ersten Stadtrats von Hochheim Wilfried Simon gehörten Hausbesuche, Kaffeenachmittage, Besuche bei Spätaussiedlern zu ihren Aufgaben. Auch in Bremthal hat sie sich ehrenamtlich engagiert, sobald die Kinder zur Welt kamen und sie ihren Beruf als Bürokauffrau in der Direktionsabteilung bei Hoechst aufgab: Hausaufgabenbetreuung in der Alten Schule, Mutter- und Kind-Krabbelgruppe im katholischen Pfarrheim und später in der Emmausgemeinde.

„Als Bremthalerin war ich natürlich katholisch“, sagt sie. Da ihr Mann evangelisch war und das Paar in Bremthal nicht ökumenisch heiraten durfte, wurden sie in Oberliederbach getraut. Als die eigenen Kinder zur Welt kamen, konvertierte Anita Simon zum evangelischen Glauben: „Ich fühlte mich nicht mehr angenommen“, sagt sie und erlebte so erneut einen Aufbruch in Bremthal: „Mein Wechsel fiel genau in die Zeit des Aufbaus der neuen Emmausgemeinde.“ So bekommt auch das Glockenläuten für sie eine besondere Bedeutung: das von ihr sehr geschätzte Geläut der Glocken von St. Margareta bestimmte den Tagesablauf ihrer Kindheit, in der Emmausgemeinde war sie dabei, als die neuen Glocken gegossen wurden.

Bis heute engagiert sie sich in „Schritte im Leben“, arbeitet im Gottesdienstvorbereitungskreis und in Gottesdiensten mit und in der Redaktion des Gemeindeblättchens „Emmaus-Blick“.

Ihr Buch endet mit Ihrer Hochzeit 1979, nicht aber ihre Erinnerungen und Aufzeichnungen, die sie gebündelt zu Hause aufbewahrt, als persönlicher Schatz und mögliche Quelle für ein weiteres Buch.

Nach dem überraschenden Tod ihres Mannes 2002, Anita Simon war gerade 47 Jahre alt, dachte sie intensiv über sich und ihr Leben nach, zum Beispiel über die Fragen: „Wie bin ich zu dem geworden, was ich bin und wer hatte an meinem Leben teil?“

Geschichten gehörten immer zu ihrem Leben: Sie liebt Märchen und die Geschichten, die ihr Vater ihr erzählte, und erzählte wiederum selbst schon als Kind gern Freunden oder der kleinen Schwester Geschichten.

Nun hat sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben und den Bremthaler Heimat- und Geschichtsverein für die Lesung am Freitag, 24. Juni, um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum Emmaus, Freiherr-vom-Stein-Straße 24, als Veranstalter gewonnen. Die Lesung moderiert Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith. Im Anschluss ist Zeit für Gespräche bei einem Glas Wein. „Schau und erzähl“ ist im Eigenverlag erschienen und kostet 15 Euro.

Buch-Interessenten wenden sich per E-Mail an Anita.Simon.Eppstein[at]web.de[dot]bpa

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