Eppsteinerin will über Sepsis-Gefahr aufklären

Die Check-Liste der Sepsis-Stiftung hilft im Notfall, eine Sepsis zu erkennen. Für Kinder gibt es eine gesonderte Checkliste. Quelle: www.sepsiswissen.de

Mindestens 240 000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland nachweislich an Sepsis. Die sogenannte Blutvergiftung ist neben Herzkreislauferkrankungen eine der häufigsten Todesursachen nach einem Notfall in Deutschland.

Etwa 70 000 Menschen sterben laut neuester Schätzungen daran – 190 Menschen am Tag. Mindestens die Hälfte von ihnen sterben unnötigerweise, meldet die Sepsis-Stiftung. Für den MTK ergeben sich daraus rechnerisch 700 Sepsis-Fälle pro Jahr oder zwei Patienten pro Tag. Die Eppsteinerin Marion Pfeiffer setzt sich für einen Nationalen Sepsisplan ein.

Sepsis, die unterschätzte Gefahr

Nur selten, etwa bei neun Prozent aller Sepsis-Fälle in Deutschland, entstehe sie aus einer offenen Wunde. Viel häufiger ist Blutvergiftung eine Folge anderer Entzündung. Gut 40 Prozent aller Sepsis-Fälle entwickeln sich aus einer Lungenentzündung. Aber auch aus einer Blinddarmentzündung, einer Erkrankung der Nieren oder der Harnwege kann eine Sepsis entstehen. Vermutlich sind viele Todesfälle in Folge von Covid-19-Infektionen auf eine dadurch ausgelöste Sepsis zurückzuführen.

Sepsis ist eine außer Kontrolle geratene Reaktion des Körpers auf eine Infektion, die von Erregern wie Bakterien und Viren, aber auch von Pilzen oder Parasiten ausgelöst wird. Das Immunsystem bekämpft nicht nur den Infektionsherd, sondern richtet sich gegen den ganzen Körper. So werden alle Organe angegriffen. Drei Viertel der Überlebenden leiden unter erheblichen physischen und psychischen Langzeitfolgen. Auch Amputationen von Gliedmaßen gehören zu den Folgen der Sepsis. Am meisten gefährdet sind Neugeborene und Kleinkinder unter fünf Jahren sowie ältere und kranke Menschen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Sepsis 2017 als globale Bedrohung eingestuft und geht gleichzeitig davon aus, dass viele Todesfälle durch Prävention vermeidbar sind. Zu den Standards zählen strikte Hygieneregeln, das Erkennen von Frühsymptomen und rechtzeitige Behandlung. Auch Impfungen können das Risiko verringern. Informationen gibt es bei Sepsis-Stiftung.de, unter deutschland-erkennt-sepsis.de oder sepsischeck.de. bpa

Marion Pfeiffer will über Blutvergiftung und Risiken aufklären

2021 haben sich Stefan und Marion Pfeiffer einen Traum erfüllt und in Italien ein Segelboot gekauft. In einem mehrwöchigen Segel-Turn holten sie es mit den beiden erwachsenen Kindern in Venedig ab, fuhren über das Mittelmeer durch die Straße von Gibraltar, die Atlantikküste entlang bis zum Heimathafen in Holland. Unmittelbar nach dem zweiten Segelurlaub erkrankte Stefan Pfeiffer im September 2022 und leidet bis heute an den Folgen. Zunächst wurde der damals 51-Jährige wegen eines leichten Schlaganfalls vom Rettungsdienst in ein Wiesbadener Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde er behandelt und erhielt Stents, die die Arterien aufweiten sollten, und, zur Verbesserung der Atmung, eine Trachealkanüle am Hals. Von da an verschlechterte sich sein Zustand innerhalb von Stunden. Eine Sepsis – landläufig auch als Blutvergiftung bekannt –, wie sich erst viel später herausstellte.

„Damals war gerade der Höhepunkt der Corona-Pandemie und ich durfte nur während bestimmter Zeitfenster meinen Mann besuchen“, erinnert sich Monika Pfeiffer, „Ärzte bekam ich gar nicht zu fassen“. Am neunten Tag hieß es, ihr Mann werde als Notfall in eine Klinik in Bad König im Odenwald verlegt. Dort habe sie zum ersten Mal von den Ärzten Genaueres über den Zustand ihres Mannes erfahren.

Relativ schnell stellten die Ärzte in Stefan Pfeiffers Blut multiresistente Keime fest – also Erreger, die nicht auf Antibiotika ansprechen – und über eine Zellkultur schließlich auch, dass er eine Sepsis habe. Doch da war es schon fast zu spät, ihr Mann erlitt einen septischen Schock – multiples Organversagen – und wäre fast daran gestorben. Um ihn zu schonen, wurde er ins künstliche Koma versetzt. Bis heute sei sie dem Krankenhausteam dankbar für sein umsichtiges, rasches Handeln.

Auch als Angehörige habe sie sich wertgeschätzt und eingebunden gefühlt. Die Ärzte bereiteten sie auf den Anblick ihres Mannes vor: „Er war ja wenige Tage zuvor noch selbstständig und zuversichtlich in den Rettungswagen gestiegen und jetzt lag er bleich und nicht ansprechbar auf einer Intensivstation.“ Von einem zum anderen Tag hatte sich ihr Leben komplett verändert. Marion Pfeiffer erinnert sich: „Wir sind gemeinsam gesegelt, waren sehr gesellig und beide in der Taunusliebe aktiv.“ Als Erster Vorsitzender des Niederjosbacher Gesangvereins beschäftigte ihn damals die Corona-bedingte Verschiebung der 100-Jahr-Feier von 2021.

Immer wieder sei sie in Bad König angesprochen worden, ob es ihr gut gehe und das Team sei dankbar für ihre Informationen gewesen. „Ein Koma-Patient kann nicht kommunzieren, umso wichtiger sind dann die Angehörigen“, sagt Pfeiffer und nennt als Beispiel, dass ein Intensiv-Arzt wissen wollte, wie ihr Mann beim Schlafen bevorzugt liege. Auch das Gefühl, gebraucht zu werden, wurde vermittelt durch Aussagen wie: „Wenn Sie da sind, sind Herzschlag und Atmung gleichmäßiger.“

Ganz wichtig sei die Hygieneschulung, die die Angehörigen sowohl in Bad König erhielten als auch später an der Uni-Klinik Frankfurt, wo ihr Mann sechs Mal operiert wurde. Große Unterstützung bekam Marion Pfeiffer auch von der Sepsis Stiftung, deren Forderungen nach mehr Öffentlichkeit sie seitdem unterstützt.

Sie kämpft für einen Nationalen Sepsisplan und träumt davon, im Main-Taunus-Kreis eine Modellregion zu installieren. Mit seinen Kliniken und Gesundheitszentren sei er ideal. Die Idee traf auf offene Ohren: Der Chefarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Main-Taunus-Kliniken, Professor Michael Booke, hat seine Habilitation über Sepsis geschrieben und an der Universität von Texas und von Münster dazu geforscht. Er ist Mitglied der Deutschen Sepsis-Gesellschaft, einer Partner-Organisation der Sepsis-Stiftung, und hält selbst Vorträge zu dem Thema. „Wir haben Sepsiskonzepte für alle drei Kliniken und auch in den Rettungsdiensten“, sagt Booke. „Für die nächsten Schritte brauchen wir die Öffentlichkeit“, sagt er, denn nun müssten auch die niedergelassenen Ärzte und die Menschen für die Sepsis-Gefahr sensibilisiert werden. Deshalb organisierte Pfeiffer, die als gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau in der Verwaltung der Brühlwiesen-Schule in Hofheim arbeitet, im Herbst einen Vortrag an ihrer Schule zu diesem Thema mit Booke und Professor Konrad Reinhart von der deutschen Sepsis-Stiftung.

Das Landratsamt hat das Thema Sepsis ebenfalls aufgegriffen und Reinhart als Referenten zu seinem jüngsten „Hygienetag“ zur Fortbildung von Vertreterinnen und Vertretern aus Medizin und Pflege eingeladen. Pfeiffer fuhr 2023 auf Einladung der Sepsis-Stiftung zum Welt-Sepsis-Tag nach Berlin und sprach in diesem Zusammenhang auch im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags.

Diese Initiativen machen Pfeiffer Mut, gerade dann, wenn es ihrem Mann wieder einmal nicht so gut geht. Denn trotz vieler Fortschritte gebe es immer wieder Rückschläge.

Sie würde gern im Kreis Gesundheitstage mit Schulen, Kliniken, Praxen und Gesundheitsberufen organisieren. „Außer über Aids und Hepatitis B könnten Schulen auch über Sepsis aufklären“, betont sie. Zur Eindämmung der Sepsis gebe es bereits seit 2017 fertige Konzepte und Maßnahmen-Pläne, die ohne hohe Zusatzkosten in den Bundesländern umgesetzt werden könnten. Im Gegenteil: Vermeidung oder Früherkennung hilft Kosten für intensive Behandlung einsparen.

Die Menschen, so Pfeiffer, müssten sich darüber bewusst werden, dass jeder und jede eine Sepsis bekommen – und die Heilung, falls der Patient überlebt – sehr lange dauern kann. Die Sepsis Stiftung hat deshalb unter Sepsischeck.de im Internet (oder auf eppsteiner-zeitung.de) die wichtigsten Symptome und Warnzeichen aufgelistet: Fieber, schneller Herzschlag oder beschleunigte Atmung gehören dazu, aber auch Blutdruckabfall, feuchtkalte Haut und Verwirrtheit. Die Infos auf der Checkliste sollen sowohl medizinische Laien als auch Pflegekräfte und Rettungspersonal mit zusätzlichen wichtigen Informationen versorgen. Je früher Sepsis erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen.

Vielfach werde die Sepsis nicht erkannt, weil ihre Symptome so unspezifisch sind, anders als etwa beim Schlaganfall oder einer Blinddarmentzündung. Wie bei ihrem Mann, werde oft gar nicht nach Sepsis-Erregern gesucht, „weil weder Patient noch medizinisches Personal an diese Möglichkeit denken“, weiß Pfeiffer. Wenn nach solchen Entzündungen Organversagen auftritt, weise dies auf einen septischen Schock hin.

Gerade habe sie von aktuellen Sepsis-Fällen im MTK erfahren, sagt die Eppsteinerin und fordert: „Wir müssen aufklären und das Bewusstsein schärfen“. Auch Booke mahnt: „Die Bürger für Sepsis zu sensibilisieren ist deshalb so wichtig, da, wie bei Schlaganfall und Herzinfarkt, jede Minute zählt. Wenn die initiale Sepsis-Therapie nicht binnen einer Stunde erfolgt, steigt die Sterblichkeit rapide an.“

Netzwerk für Betroffene

Marion Pfeiffer will im Main-Taunus-Kreis ehrenamtlich ein Netzwerk für andere betroffene Familien aufbauen. „Viele ziehen sich zurück, manche schämen sich, vor allem, wenn sie sichtbare Gebrechen wie Amputationen haben“, hat sie beobachtet. Diesen Menschen und ihren Angehörigen will sie ein Forum für Gespräche und gegenseitige Unterstützung oder einfach mal einen Freiraum bieten. Interessenten wenden sich an marion.pfeiffer1970[at]gmail[dot]com. bpa

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
5 + 9 =
Lösen Sie diese einfache mathematische Aufgabe und geben das Ergebnis ein. z.B. Geben Sie für 1+3 eine 4 ein.


X