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EBM und RM: Mit ihrem künstlerischen Instinkt der Zeit voraus

Robert Michel: „BAHNSTEIG 3“, 1919-20

Ein Jahr vor dem Jubiläum „100 Jahre Bauhaus 2019” widmen sich 2018 zwei Ausstellungen Ella Bergmann-Michel (1895-1971) und Robert Michel (1897-1983) kurz EBM und RM genannt, die sich als Kunststudenten in Weimar kennenlernten und 1919 im neugegründeten Bauhaus einschrieben, die dritte ist für 2019 in Kelkheim geplant.…

...Bis zum 2. September war eine große Retrospektive von rund 200 Werken beider Künstler im Sprengel Museum Hannover unter dem Titel „Ein Künstlerpaar der Moderne“ zu sehen. Dazu erschien ein neuer Ausstellungskatalog mit zahlreichen Abbildungen. Im Oktober folgt eine weitere Ausstellung mit rund 80 Werken beider Künstler in Paris. Die ebenfalls für Oktober angekündigte Ausstellung „Transit“ mit Arbeiten von Robert Michel im Stadtmuseum Kelkheim wird, wie Kelkheims Kulturreferentin Beate Matuschek mitteilte auf 2019 verschoben.

Zehn Jahre hat der Pariser Galerist Eric Mouchet Werke der beiden bedeutenden Vertreter der deutschen Moderne zusammengetragen und zeigt sie vom 6. Oktober bis zum 10. November in Paris. Sein Dokumentarist Michael Honecker besuchte auf seinen Recherche-Reisen mehrfach Eppstein, sprach mit Menschen, die die Michels noch kannten und suchte nach weiteren Werken für die Ausstellung in Paris.

Anders als bei den Ausstellungen im Museum stehen die Werke der Pariser Ausstellung zum Verkauf. Wie sehr das Interesse bei Sammlern moderner Kunst an Kunstwerken der beiden Michels gestiegen ist, habe laut Honecker die Art Basel in diesem Frühjahr gezeigt, eine der wichtigsten Kunstmessen der Welt. Dort habe Galerist Eric Mouchet bereits einige Werke verkauft und festgestellt, dass das Preisniveau für Werke der beiden Eppsteiner Künstler angezogen hat.

Honecker hat in den vergangenen Jahren intensiv über Leben und Werk von EBM und RM geforscht. Die Pariser Galerie fasst Honeckers Recherchen und Gastbeiträge von Vertretern der Kunsthalle Bielefeld und des Sprengelmuseums in einem über 300 Seiten starken, dreisprachigen Katalog zusammen.

Eppsteinern, die einen Paris-Besuch planen und die Ausstellung besuchen wollen, bietet Honecker an, eine Führung zu organisieren, da die Ausstellung in zwei Galerien gezeigt wird. Zur Vernissage am Samstag, 6. Oktober, um 16 Uhr haben sich auch Sünke und Philipp Michel angekündigt, Schwiegertochter und Enkelsohn der beiden Künstler. Norbert Nobis, der ehemalige Leiter des Sprengelmuseums Hannover, bietet eine Führung durch die Ausstellung an. Seinem Einsatz war es zu verdanken, dass das Werk nach dem frühen Tod von Michels Tochter Putzi 1983 als Sammlung erhalten blieb und heute vom Sprengelmuseum verwahrt wird.

In Paris werden Arbeiten aus der Zeit vor 1933 und aus der Nachkriegszeit gezeigt. Das NS-Regime schloss Robert Michel aus der Reichskulturkammer aus, seine Bilder galten als entartet, beide durften nicht mehr ausstellen. 28 Werke von Robert Michel stammen aus der Zeit von 1917 bis 1933 und 26 Werke aus der Zeit von 1955 bis 1969. Von Ella Bergmann Michel werden 21 Werke aus der Zeit von 1917 bis 1937 gezeigt. Sie hat noch bis 1939 während mehrerer Auslandsaufenthalte in England weiter gearbeitet. Sieben weitere Werke, die in Paris gezeigt werden, stammen aus den Jahren 1959 bis 1966.

Die Michels knüpften nach dem Zweiten Weltkrieg an ihre Vorkriegsarbeiten an und entwickelten sie fast ohne inhaltliche Brüche weiter. Sie gelten als Pioniere der Bildcollage. Das ist laut Honecker einzigartig in der deutschen Nachkriegskunst. In ihren frühen Werken zeigen sie eine rasche Entwicklung vom Expressionisten, zum Futuristen, Dadaisten, Konstruktivisten, Puristen und sind schließlich noch vor Kurt Schwitters Schöpfer abstrakter Collagen.

Sie wendeten ähnliche Techniken an und nutzten ähnliche Materialien. Trotzdem sind beide unabhängige Künstlerpersönlichkeiten. In Robert Michels Zeichnungen und Bildern lebt seine Leidenschaft für die Mechanik und besonders für die Luftfahrt. EBM ist den Naturwissenschaften und der Physik zugeneigt.

Dass sie nach ihrem Tod bis auf wenige Ausstellungen und Retrospektiven kaum präsent waren, erklärt Galerist Mouchet auch mit der „aufmüpfigen Haltung der beiden gegenüber der Weimarer Bauhaus-Schule“. Beide schrieben sich bei der Gründung 1919 ein, verließen die Schule aber schon nach ein bis zwei Semestern, weil sie ihnen zu doktrinär erschien.

Sie waren Mitbegründer der Weimarer Dada-Sektion, waren mit führenden Künstlern der Moderne wie Johannes Molzahn, Moholy-Nagy und besonders eng mit Kurt Schwitters befreundet. Möglicherweise wird der Name Michel trotz dieser Verbindungen nie im Zusammenhang mit dem Bauhaus oder dem Dadaismus genannt, weil die beiden schon nach kurzer Zeit dem Weimarer Kulturbetrieb den Rücken kehrten.

Vermutlich auch aus finanziellen Gründen zogen die beiden um 1920 von Weimar nach Vockenhausen, Robert Michels Heimat. In der ehemaligen Schmelzmühle lebten sie zwar abgeschieden vom städtischen Kunst- und Kulturbetrieb, trotzdem arbeiteten beide unermüdlich und hatten häufig Besuch von vielen bekannten Künstlerkollegen. Sie gehören zu Gründungsmitgliedern des Projekts „Das Neue Frankfurt“ unter der Leitung des Städtebauers Ernst May und gründeten mit anderen Künstlern den „ring neuer werbegestalter“ für Architektur, Lichtreklame und Werbung. Ihre künstlerischen Arbeiten signierte Robert Michel mit „Heimatmuseum of modern Art“.

Aber sie stellten ihre Werke nicht in den großen Galerien aus, waren nicht in Kunstmagazinen vertreten – auch das, so Mouchet, möglicherweise ein Grund dafür, dass die beiden in Vergessenheit gerieten.

Mit ihrem künstlerischen Instinkt jedoch waren sie häufig ihrer Zeit voraus – „Mit voller Kraft (der Zeit) voraus“ heißt denn auch der Titel der Pariser Ausstellung. Ausstellung und Katalog zeigen, welch wichtigen Platz die beiden Künstler in der deutschen „von Abstraktion, sozialem Engagement und Futurismus geprägten Kunstszene seit Beginn der 1920er Jahre innehatten“, heißt es im Exposé zur Ausstellung in Paris. Informationen gibt es über Galerie Eric Mouchet, 45 rue Jacob, in 75006 Paris, per E-Mail an michaelhonecker[at]ericmouchet[dot]com und über die Internetseite www.ericmouchet.com.bpa

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