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Nachfolger für langjährige Hausarztpraxis gefunden

Hausarzt Dr. Klaus Rißmann geht Ende Juni in den Ruhestand. Seine Patienten kennen ihn als Menschen mit Humor – Der Schädel thront normalerweise in seinem Sprechzimmer.

„Ich freue mich drauf“, sagt Dr. Klaus Rißmann angesichts seines Ruhestands, der nach 36-jähriger Tätigkeit als Hausarzt in Vockenhausen Anfang Juli beginnt. Froh ist er aber auch, dass er mit Dr. Frank Conrady einen Nachfolger gefunden hat.

Er schätzt ihn als behutsamen, respektvollen Kollegen. Der Allgemeinmediziner ist auch Facharzt für Anästhesie und Palliativ-Medizin. Er war Notarzt in Limburg und hat eine Ausbildung zum Schmerztherapeuten absolviert. Für die Patienten ein Glücksfall.

Dabei schien das Schicksal der Praxis schon besiegelt, da die Suche nach einem Nachfolger fast aussichtslos erschien. Viele tausend Euro waren ohne nennenswerte Resonanz in Anzeigen – zum Beispiel im Ärzteblatt – geflossen. Auch die von Dr. Rißmann angesprochenen Chefärzte in der Region konnten dem 66-Jährigen keinen jungen Interessenten nennen. Doch dann stellte Arzthelferin Bea Hefter nach Rücksprache mit dem Chef einen Aufruf in die sozialen Netzwerke ein und landete einen fastunglaublichen Treffer. Es meldete sich der aus Ehlhalten stammende Frank Conrady. Der Arzt arbeitet in einer großen Gemeinschaftspraxis in Bad Camberg. Im Umkreis der Stadt blieben sieben Hausarztpraxen ohne Nachfolger. Alle Patienten werden in der Gemeinschaftspraxis behandelt, was viel Andrang bedeutet.

Auch für Conrady fügt es sich gut, dass er in seiner Heimatstadt die traditionsreiche Hausarztpraxis mit ihrem festen Patientenstamm übernehmen kann. Mittwochs und freitags arbeitet er schon jetzt in Vockenhausen. Klaus Rißmann informiert ihn über Besonderheiten im Krankheitsbild einzelner Patienten. Zudem gehen die beiden gemeinsam auf Hausbesuche, damit Dr. Conrady wichtige Details kennenlernt, beispielsweise, bei wem er nur über einen Hintereingang ins Haus kommt oder wo er besonders anhaltend klingeln muss, weil der Kranke schwerhörig ist.

Klaus Rißmanns Vater Heinz nahm seinen Sohn schon im Alter von zehn Jahren mit zu Hausbesuchen. „Willst Du mal spritzen?“, fragte er seinen Sohn und zeigte ihm, wo er einstechen musste. So lernte er den Arztberuf schon sehr früh kennen. Seine Eltern waren beide Ärzte. Sie eröffneten ihre Praxis 1946 in einer Baracke im Hof der damaligen Arichemie, in der ehemaligen Schwarzfarbenfabrik Michel & Morell in der Hauptstraße in Vockenhausen. 1953 zogen sie ins neue Haus in der Weingasse ein, samt der gemeinsamen Hausarztpraxis.

Ihr heranwachsender Sohn war vom Ärzteberuf eher abgeschreckt, musste er sich doch bei jedem Mittagessen Geschichten über Patienten und ihre Krankheiten anhören. „Könnt ihr nicht mal über etwas anderes reden?“, rief er das ein ums andere Mal genervt von wenig appetitanregenden Themen.

Nach dem Abitur wollte Klaus Rißmann eigentlich Soziologie und Germanistik studieren, bewarb sich dann aber doch auch für einen Studienplatz in Medizin. Ihm gefiel der lange Weg bis zur endgültigen Entscheidung, in welchem Bereich der angehende Arzt arbeiten wird und, dass ihm viele verschiedene Möglichkeiten offenstanden. In Bochum wurden damals in einem neu eingerichteten Medizinstudiengang 200 Studenten neu aufgenommen. Klaus Rißmann wurde als 197. angenommen. Damit waren die Weichen für seine Berufslaufbahn gestellt.

Nach dem Studium arbeitete der junge Arzt im Krankenhaus in Hattingen an der Ruhr in den Abteilungen für Chirurgie und der Inneren. Es gefiel ihm im Ruhrgebiet und er wollte bleiben. Doch dann starb völlig unerwartet sein Vater mit nur 59 Jahren. Seine Mutter Ilse schaffte die Arbeit in der Hausarztpraxis in Vockenhausen nicht allein. Klaus Rißmanns Oberarzt und die Kollegen im Krankenhaus rieten ihm, die gutgehende Praxis zu übernehmen. Der Vockenhäuser folgte der Empfehlung und hat diese Entscheidung nicht bereut.

1983 zog Dr. Rißmann mit der Praxis in die Räume über der Apotheke in der alten Volksschule in der Hauptstraße um. Mutter Ilse unterstützte ihn noch zwei Jahre lang, bevor sie sich zur Ruhe setzte. Viele seiner Patienten der ersten Stunde kannten ihn noch als Bub. Viele schenkten ihm sein Vertrauen.

„Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht“, sagt Rißmann. Auch wegen der Verbundenheit mit den Patienten. „Mit einem Großteil duze ich mich, viele kenne ich seit über 30 Jahren.“ Jeder Patient suche sich seinen Arzt entsprechend der Dinge aus, die ihm wichtig seien. Das führe auch zu einer gewissen menschlichen Nähe. „Du schreitest selbst auf deinem Lebensweg voran und begleitest den anderen dabei“, sagt er.

Klaus Rißmann behandelte ihre Leiden medizinisch, stellte dabei aber immer den Menschen mit seinen Lebensumständen in den Mittelpunkt. Von vielen seiner Patienten habe er mit der Zeit den gesamten Lebensweg kennengelernt. „Ich hatte das Glück, dass ich mit den Patienten auch mal über ihre Kinder und andere Themen sprechen konnte“, sagt er. Kaum etwas in Vockenhausen blieb ihm verborgen. Der Doktor kennt die Menschen im Ort und ihre Geschichten wie kaum ein Zweiter.

In den vergangenen Wochen herrschte in seiner Praxis noch mehr Andrang als sonst. Viele Patienten kommen wegen gesundheitlicher Probleme, wollen sich aber auch von ihrem langjährigen Arzt verabschieden. Ein Trost für viele: Die Ära Rißmann geht zwar nach 72 Jahren zu Ende, die Praxis bleibt aber dank des Nachfolgers bestehen. Und der Abschied kommt auf Raten: Klaus Rißmann wird seinen Kollegen noch einige Wochen nach seinem offiziellen Abschied unterstützen.

Musikalisch ist der Hausarzt im Ruhestand weiterhin als Leadsänger der Cover-Band „Faltenrock“ zu hören. Beispielsweise am 10. August beim Kultursommer in der Stadtmitte Kelkheim und am 24. August beim Burgfest auf Burg Eppstein. sp

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