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Abbruch oder Kulturdenkmal

Otto Herbert Hajek gestaltete den Blauen Saal im Rathaus I. Der künstlerischer Wert dieser Architektur wird bislang in der Debatte um die neue Ortsmitte Vockenhausen nicht diskutiert. Foto: bpa

Bei seiner Einweihung im Juni 1976 war das Vockenhäuser Rathaus eines der modernsten Gebäude in der Region. Die damals noch selbstständige Gemeinde wusste bereits bei Baubeginn 1973, dass die Zusammenlegung mit Eppstein bevorstand. Trotzdem leistete sie sich sogar Kunst am Bau.

Das Architekturbüro Ressel und Partner aus Wiesbaden beauftragte den bedeutenden Bildhauer und Maler Otto Herbert Hajek (1927-2005) mit der Gestaltung des Rathaussaales. Hajek gestaltete unter anderem das Königsteiner Kurbad.

Der sogenannte Blaue Saal im Rathaus I sticht heute noch durch seine farbige Gestaltung der Wände mit vorgeblendeten, teils naturfarbenen, teils blauen Hölzern in geometrischer Anordnung und den breiten Farbstreifen an der Decke in Hell- und Dunkelblau, Rot, Gelb und Grau aus der Masse schlichter Einheitsarchitektur heraus. Die Gestaltung ist, so der frühere Stadtarchivar Bertold Picard, abgesehen vom eigenen künstlerischen Wert, eine Hommage an die beiden konstruktivistischen Avantgarde-Künstler Ella Bergmann-Michel und Robert Michel, die seit 1920 in der Vockenhäuser Schmelz künstlerisch arbeiteten.

Hajeks Kunst war mehr als farbige Gestaltung, er gliederte den Saal in die Architektur ein und machte ihn zum zentralen Thema des Rathausbaus. Seine Deckengestaltung betont gleichzeitig die tragende Konstruktion der Saaldecke. Der Künstler bezog die gesamte Architektur des Rathauses mit ein. So findet sich die Farbgebung des Blauen Saales unter anderem an der Fassade wieder, etwa bei der Fluchttreppe und an der inzwischen überbauten Terrasse vor dem Blauen Saal.

Foyer und Büros wirken wie um den Saal herum gruppiert. Durch den späteren Rathausanbau verlor der 70er-Jahre-Bau seinen kompakten Charakter. Die künstlerische Bedeutung des Saales ist nahezu in Vergessenheit geraten. F

Kein Jahrzehnt ohne große Umbauten und viel zu wenig Platz

Zwei Gutachten hat die Stadt in den vergangenen Jahren in Auftrag gegeben. Beide bestätigen, dass der Betonbau nur mit großem Aufwand zu sanieren ist. Vor einem Jahr beschlossen die Stadtverordneten für die bevorstehende Planung der Ortsmitte Vockenhausen den Abriss des bestehenden Rathauses und einen Neubau. „Dieser Beschluss steht“, bestätigte Bürgermeister Alexander Simon. Die Sanierung des alten Rathauses würde mit geschätzten 4 Millionen Euro kaum günstiger als ein Neubau, der rund 4,1 Millionen Euro kosten soll. Denkmalschützerische Bedenken wegen des künstlerisch wertvollen Saals sind dem Bürgermeister nicht bekannt.

SPD-Bauexperte Marcus Berggötz bestätigt zwar, dass die Bausubstanz problematisch ist, will aber den Abriss nicht ohne Widerspruch akzeptieren und glaubt, dass ein Teilabriss mit Sanierung und Erweiterungsbau und völlig neuem Foyer mit getrennten Eingängen für Rathaus und Saal möglich sind: „Dieser Saal ist eine der wenigen Besonderheiten, die Vockenhausen heute noch vorweisen kann“, sagt Stadtplaner Berggötz. Viele historische Zeugnisse wie Schmelzmühle oder Lederfabrik sind entweder ganz abgerissen oder haben ihre ursprüngliche Gestalt verloren.

Simon hat sich dagegen schon auf Abriss und Neubau festgelegt, weil sich damit das gesamte Rathausareal komplett neu gestalten lasse. Eine Machbarkeitsstudie wird gerade in Auftrag gegeben. Außerdem ist der Vockenhäuser Rathauskomplex mit Abriss und Neubau Thema der Abschlussarbeit angehender Bauassessoren. Von diesen Arbeiten erhofft sich Simon zusätzliche Anregungen. Sobald die Machbarkeitsstudie und die Arbeiten der Referendare vorliegen, will Simon sie öffentlich vorstellen und die Bürger im nächsten Jahr über Workshops beteiligen. Danach erst wird ein Gesamtkonzept erstellt.

Unter Zeitdruck gerät die Verwaltung laut Simon mit dieser Vorgehensweise nicht: „Das Rathaus hält noch einige Jahre.“ Seit der Einweihung vor rund 42 Jahren sei jedoch kein Jahrzehnt ohne eingreifende Umbauten vergangen. In den vergangenen zehn Jahren mussten Telefonleitungen und Wlan-Netz den ständig wachsenden Anforderungen angepasst werden. „Da stoßen wir inzwischen an Grenzen und arbeiten notgedrungen mit zwei unterschiedlichen Telefonsystemen“, berichtet Simon. Wegen der dicken Betondecken verlaufen die Leitungen teilweise quer durch den Raum, wurden zwischen Oberlichtern oder unter Türen hindurch verlegt.

Die Telefonzentrale ist im Keller untergebracht, der Hauptrechner dagegen unterm Dach im ehemaligen Bad der früheren Hausmeisterwohnung. Entsprechend weit auseinander liegen auch die Büros der beiden Computerspezialisten: Michael Diehl sitzt im Keller, Matthias Pabst im Dachgeschoss.

Aktuell steht eine neue Heizung für rund 15 000 Euro an. Der alte Ölkessel ist undicht. Deshalb lässt die Stadt einen Gasanschluss zum Rathaus legen und stellt von Öl auf Gasheizung um. Laut Simon gut investiertes Geld: „Eine Gasleitung müssten wir auch für einen Neubau legen.“

Die Mitarbeiter im Rathaus hoffen, dass die neue Heizung für annähernd gleichmäßige Temperaturen im gesamten Haus sorgt: Im Winter sind die Räume im Erdgeschoss fußkalt, in der Stadtkasse im Dachgeschoss schwächelt dafür die Leistung der Heizkörper. Im Sommer lässt es sich in den Räumen des Bauamts im Untergeschoss recht gut aushalten, dafür erreichen die Temperaturen unterm Dach Höchstwerte: Erste Stadträtin Sabine Bergold verzeichnete in diesem Sommer eine Spitzentemperatur von 39,7 Grad Celsius.

Nicht gerade besucherfreundlich, aber aus Platzgründen nicht anders möglich, wurde die Stadtkasse vor einigen Jahren als mobiler Schalter drei Treppen hoch im Dachgeschoss untergebracht. Die sechs Mitarbeiter in Steueramt und Stadtkasse sind in einer der beiden ehemaligen Dachwohnungen untergebracht, erkennbar an der Klingel und einer Fußmatte vor der Tür. Während der Öffnungszeiten wird ein Brett als Kassentheke zwischen einer Wohnungstür runtergeklappt.

Während sich im Untergeschoss schon Ameisen anzusiedeln versuchten, beobachten die Mitarbeiter im Dachgeschoss, dass sich Blasen unter der Deckentapete gebildet haben. Der Hausmeister hat Leiter und Schippe unterhalb eines Fensters platziert, um schnell aufs Flachdach zu gelangen, wenn sich dort Regenwasser sammelt. Wegen des fehlenden Gefälles fließt es nicht von allein ab. In den Räumen darunter wurden in den vergangenen Jahren Nässe-Schäden beseitigt, bevor sich Schimmel einnisten konnte.

Die Wege im Gebäude sind lang, die Büros klein. Veranstaltungsmanagerin Christine Baum und Personalmitarbeiterin Sandra Jeuck teilen sich einen Raum. Eine Trennwand ist der einzige Sichtschutz für die zum Teil sensiblen Mitarbeiterunterlagen, wenn Christine Baum Besucher empfängt. Daniela Ovitz im Büro nebenan muss das Rattern des Druckers ertragen, der in ihrem Büro steht. Iris Schelk vom Tiefbauamt quetscht ihre Baustellenausrüstung, Helm, Schuhe und Sicherheitsweste, in ein Regal mit Unterlagen. Sie und ihr Kollege teilen sich das winzige Büro zudem mit den beiden Hausmeistern. „Viel zu wenig Platz“, lautet das Credo im gesamten Haus. bpa

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