Wiederentdeckte Sensation im Stadtarchiv: Farbfoto von 1904

Das Bild zeigt Walter Helmling, Detlef Bömelburg und Monika Rohde-Reith mit dem Foto von 1904.Foto: Hartmut Amberger

Für ihren ehrenamtlichen Einsatz, die Gemälde, Zeichnungen und Grafiken im Museumsarchiv für die aktuelle Gemälde-Ausstellung im Museum zu reproduzieren, lud Museumsleiterin Monika Rohde-Reith die Fotogruppe des Kulturkreises als Dankeschön zu einer privaten Führung ins Stadtarchiv und Burgmuseum ein.

Die Fotogruppe konnte sich einen Eindruck von der Arbeit einer Archivarin verschaffen und erfuhr viel über Aufbewahrungspflichten und das mühsame Suchen nach Details in historischen Dokumenten.

Unter den vielen historischen Schätzen beeindruckten die Teilnehmer zwei Exponate ganz besonders, mit denen sie in der Vergangenheit schon einmal zu tun hatten: Das waren die alten Fenster des Neufville-Turms aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die die Fotogruppe – nach vorheriger gründlicher Reinigung – 2006 für die Stadt fotografierte.

Das zweite Exponat hat Monika Rohde-Reith für diese Führung extra aus dem Regal hervorgeholt: Eine der ersten Farbfotografien von Eppstein aus dem Jahr 1904. Dieses Foto erhielt die Stadt 2008 als Geschenk vom Fotostudio Reinhardt in Hofheim. Detlef Bömelburg, damals schon Sprecher der Fotogruppe, war seinerzeit dabei und machte sich auf die Suche nach weiteren Informationen über die ungewöhnlich farbige Fotografie. Schon die ersten Nachforschungen ergaben, dass es sich bei diesem Bild aus dem Jahre 1904 um eine Besonderheit handelte. Es stammt von einem Dr. Ernst König, Chemiker der ehemaligen Farbwerke Hoechst.

Derartige Farbfotografien waren Anfang des 20. Jahrhunderts nur durch einen sehr hohen technischen und fotochemischen Aufwand möglich. Insbesondere die Vorschriften zur Erzeugung der Farben beherrschten nur sehr geübte und erfahrene Fotografen.

Nach Recherchen in den Archiven der Farbwerke Hoechst – jetzt Sanofi – und im Münchener Stadtmuseum liegen die Originalplatten für diese erste Farbfotografie von Eppstein im Münchener Stadtmuseum. Das Foto im Eppsteiner Archiv ist vermutlich eines von zwei bislang bekannten Vergrößerungen. In der Münchener Sammlung Fotografie liegen auch die anderen Bilder von König, zum Teil mit den Glasplatten, insgesamt nur sechs oder sieben Bilder. Sie fanden wahrscheinlich über die enge Zusammenarbeit von König mit dem Münchener Wissenschaftler B. Homolka nach Königs Tod 1924 den Weg nach München.

Als ehemaliger Farbstoffchemiker sichtete Walter Helmling, Mitglied der Eppsteiner Fotogruppe, diese Unterlagen und stellte weitere Nachforschungen an. Seine Ergebnisse hat er in einem Bericht zusammengestellt, den die Fotogruppe demnächst präsentieren will.

Demnach trat Ernst König, geboren 1869 in Flensburg, nach seinem Chemiestudium in Leipzig 1893 in das Zentrallabor der damaligen Farbwerke Hoechst ein. Er war ein echter Pionier auf dem Gebiet der Farbenchemie und genoss weltweites Ansehen. Ursprünglich mit der Konstitutionsaufklärung neuer Farbstoffe der Konkurrenz beschäftigt, begann er sich bald mit der Farbenfotografie und -chemie zu befassen.

Schon 1902 wurde auf seine Anregung hin eine eigene fotografische Abteilung bei Hoechst gegründet. Seine bedeutendsten Erfolge erzielte König auf dem Gebiet der Fotosensibilisatoren und der Entwicklung der Dreifarbenfotografie oder Pinatypie zusammen mit B. Homolka aus München. Er brachte das von ihm so benannte „Pinachromie“-Verfahren bei Hoechst zur Marktreife. Auch verfasste er zahlreiche Bücher und Publikationen.

Bei den Fotosensibilisatoren handelt es sich um synthetische und organische Farbstoffe, welche den silberhaltigen Fotoemulsionen in geringen Mengen zugemischt werden. So fand und entwickelte König hervorragende Produkte als unentbehrliche Hilfsmittel für die farbtonrichtige Dreifarbenfotografie, die auf den Farben Rot, Gelb und Blau (RGB) basieren. Diese Produkte waren viele Jahre unumstrittene Marktführer und wurden in den 1930er Jahren von Eastman Kodak in den USA und von Agfa in Deutschland für deren Mehrschichtenfarbfilme verwendet.

Bei dem im Eppsteiner Archiv befindlichen Bild handelt es sich demnach um eine der wenigen, von König in seinem Pinachromie-Verfahren selbst hergestellten Fotografien. Pinatypie stellt grundsätzlich ein subtraktives Abbildungsverfahren dar, bei dem zunächst drei Teilbilder in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau auf zwei oder drei Glasplatten angefertigt werden. Zur Projektion werden die Glasplatten zu einem Bild zusammengefügt. Insofern kann man bei der Eppsteiner Aufnahme von einer Geburtsstunde der Farbfotografie sprechen. Es besticht durch bemerkenswert klare und lebhafte Farbtöne bei guter Durchzeichnung und, so Bömelburg, „für die damalige Zeit sehr guter Schärfe trotz des großen Formates“.

Die Original Fotoplatten in München sind etwa 11 mal 19 Zentimeter groß, die Vergrößerung in Eppstein etwa 20 mal 30 Zentimeter.

Ernst König fotografierte zunächst einige Stillleben, danach drei Portraits. Ein Farb-Rosenbild findet sich im Internet unter dem Stichwort Pinatypie. Nach diesen ersten positiven Ergebnissen seiner Forschung wagte sich König mit seiner Fotoausrüstung in die Bahn Richtung Eppstein für seine erste Landschaftsaufnahme. Er nahm sie oberhalb des Bahnhofs auf, vom heutigen Theodor Fliedner Weg aus.

Überraschend für die Fotogruppe im Vergleich zu vielen Gemälden aus dieser Zeit war die dichte Bewaldung und Besiedelung der Stadt zu dieser Zeit. Die Umgehungsstraße gab es noch nicht. Das alte Postgebäude im Bild links ist gut zu erkennen, noch nicht abgerissen ist das ehemalige, barocke Rathaus von 1767 auf dem heutigen Gottfriedplatz neben der Talkirche. Dahinter ragt der Schlauchturm des 1902 erbauten Rat- und Feuerwehrhauses hervor. Ungewöhnlich ist die weiße Farbe des Schlauchturms. Bislang ging die Stadt davon aus, dass er in Anlehnung an das Natursteinmauerwerk der Burg, schon beim Bau unverputzt war.

Heute ist das „Alte Rathaus“ mit Treppengiebel und dem markanten Schlauchturm Sitz der Eppsteiner Zeitung. Im linken oberen Teil des Bildes kann man die landwirtschaftliche Nutzung des Heinzbergs erkennen. EZ

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22. Juni 2022 - 23:03

Fotographie von Dr. Ernst König

Da hat sich ja ein phantastisches Projekt aufgetan. Herzlichen Glückwunsch!



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