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Übertreibung als Stilmittel

Es wird eng für das Gauner-Trio Lenchen, Magnus und Kimmel. Foto: B. Palmert-Adorff

Rund 500 Besucher kamen am Wochenende zu den Burgfestspielen: 176 genossen das Konzert des Harmonic Brass Ensembles am Samstagabend. Mit 321 Zuschauern war die Aufführung „Der Alchemist“ des Barock-am-Main-Ensembles am Freitagabend gut besucht.

Weiter geht es am Freitag mit der Aufführung von Bizets Oper Carmen und dem Gastspiel der Burgfestspiele Bad Vilbel mit „Ziemlich beste Freunde“ am Samstag, 21. Juli.

Der Schauspieler Michael Quast brillierte am Freitag als wandlungsfähiger Scharlatan Magnus. Zusammen mit Lenchen (Katerina Zemankova) nistet Magnus sich im Haus des alten Herrn von Humbracht (ebenfalls Quast) ein, der aus Angst vor der Pest aufs Land geflüchtet ist. Dessen Verwalter Hannes (Matthias Scheuring), der auch als Rumpelstilz im Labor den brodelnden Kessel überwacht und als Hauptmann Kimmel betuchte Kundschaft unter den Frankfurter Bürgern anwirbt, hat das Gauner-Pärchen ins Haus geholt.

Den gierigen Bürgern dreht der geschickte Magnus allerhand falschen Zauber an. Jedem erscheint er dabei in einer anderen Maske, mal mit Widderschädel auf dem Kopf, mal mit Aztekenkappe oder dem Zeichen des Gehörnten, und schon bald rennen die Frankfurter ihm die Bude ein, in der Hoffnung auf Reichtum, Macht und Glück. Er verspricht, den berühmten Stein der Weisen zu erschaffen, der magische Kräfte verleiht und einfaches Metall in Gold verwandelt. Nur der skeptische Murrhardt Knodder schöpft Verdacht, nörgelt über den „Stein der Blöden“ und will das Trio auffliegen lassen.

Der englische Theaterautor Ben Jonson ist ein Zeitgenosse Shakespeares und gilt als Erfinder der satirischen Sittenkomödie. Sein erfolgreichstes Stück „Der Alchemist“ wurde 1610 in Shakespeares „Globe Theatre“ in London uraufgeführt. Molière setzte diese Traditon der Sittenkomödie fort. Die Theaterform scheint wie für das Frankfurter Ensemble gemacht: Opulente Kostüme mit ausladenden Roben und fledermausartigen Umhängen, wirken in der bis auf wenige Requisiten schlichten Kulisse umso intensiver. Die Übertreibung wird zum wichtigen Stilmittel, das Regisseurin Sarah Groß hervorragend einzusetzen versteht.

Satirische Komödie mit viel Lokalkolorit

Die maskenhafte Schminktechnik lässt die ansonsten weiß geschminkten Gesichter mit kräftigen Strichen an Nase, Kinn oder Stirn wie Karikaturen wirken: Schauspielerin Ulrike Kinbach blickt als gutgläubiger Tabakhändler Brustfleck dank der Schattierungen mit großen Kulleraugen in die Welt. Eine hohe Perücke und Ballonhosen verwandeln Schauspieler Alexander Beck vom kugelrunden Schreiber Schmuck mit flacher Kappe und spitzer Himmelfahrtsnase in den rüpelhaften Junker Falk von Bussard.

Rainer Dachselt hat die Dialoge gekonnt ins Hessische übertragen und spart nicht mit Lokalkolorit. Er verlegt die Handlung von London nach Frankfurt, lässt eine Witwe aus dem Vogelsberg auftreten und seine Darsteller im Dialekt schwelgen. Da schimpft Knodder über den „Siebesortelump“ und nennt Brustfleck einen „Hahnebambel“.

Köstlich ist auch die Persiflage auf die Bibel, die Lenchen als angebliche Gräfin mit einer Allergie gegen Glaubensdinge darbietet: Sie schwadroniert über „Johannes den Säufer aus Okarben“ und die „große Hure von Bernem“, kündigt an, dass die Mauern von Kriftel fallen und der Ochs vor Eppstein stehen werde. So viele sündige Gedanken können nur in der Katastrophe enden: Der Kessel im Labor explodiert und spuckt statt des Steins des Weisen nur eine kleine Scherbe aus, eines neuartigen, harten weißen Materials. Das „weiße Gold“, so Magnus, sei erst in zweihundert Jahren „ein Vermösche wert.“

So weit war die Katastrophe geplant. Doch dann muss das betrügerische Pärchen schneller als gedacht das Weite suchen: Der Hausherr kehrt heim und nimmt alles was die drei erbeutet haben in seinen Besitz. „Zu guter Letzt steht fast jeder da mit leere‘ Händ‘“, seufzt Magnus. Für ihn und Lenchen kommt es noch schlimmer. Ihnen bleibt als letzter Ausweg nur: Offenbach!bpa

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