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Sechs schwebende Baumscheiben sollen in Eppstein bleiben

Das Kunstwerk unter dem Titel „Hinauftreiben mit dem Liquiden“ von Angela Hiß aus Düsseldorf wurde für den Skulpturenweg angekauft. Die schwarzen Flecke auf den Scheiben sind bedingt durch vor langer Zeit eingedrungene Metallstücke, die auf die Gerbsäure der Eiche reagieren.

Vergangenen Sonntag ist das vom Kulturkreis Eppstein veranstaltete Holzbildhauer-Symposium mit einer stimmungsvollen Finissage zu Ende gegangen. Die zahlreichen Besucherinnen und Besucher kamen aus der gesamten Region, um die während der Woche entstandenen Werke zu bewundern.

Auch Schirmherr Axel Wintermeyer, Staatsminister und Chef der hessischen Staatskanzlei, zeigte sich beeindruckt: „Um mit der Kettensäge eine Skulptur herzustellen, benötigt man Händchen“, sagte er anerkennend, „es sind tolle Kunstwerke entstanden“.

Bevor Kunsthistorikerin Stefanie Blumenbecker die Besucherschar von Werk zu Werk der so verschiedenartigen Künstlerinnen und Künstler führte, präsentierte Silke Hänsch ihre Tanzperformance „Metamorphose“ zu Klängen des Komponisten Sascha Wild. Die beiden machten damit den Schaffensprozess der Künstler im Zwiegespräch mit dem Holz erlebbar und brachten ihn in eine neue ästhetische Form.

Wild hatte während der Woche das Kreischen der Sägen, Klopfen und Hämmern aufgezeichnet und mit elektronischer Musik unterlegt. Hänsch hatte sich, ebenso wie die Künstler, eigens für ihre Darbietung bei Sponsor und Gastgeber Matthias Bauer von MB Baumdienste einen Baumstamm ausgesucht. Den mächtigen senkrecht aufgestellten Zeitzeugen aus Buche bezog sie in ihre Choreografie mit ein. Der zackige, ausdrucksstarke Tanz der in einen grünen Hosenanzug gewandeten Akrobatin kam beim Publikum gut an.

Blumenbecker, die auch als Kunstkritikerin für den Kultursender HR2 tätig ist, erschloss im Dialog mit den Bildhauern den künstlerischen Hintergrund ihrer Werke. „Westliche Künstler arbeiten mit Konzepten, ich lasse mich vom Holz leiten“, erklärte Elijah Ogira Omburo aus Nairobi. Aus einer Robinie hat er eine Stele mit drei Gesichtern gehauen: ein Ahnen-Antlitz, das Ich der Gegenwart sowie ein die Zukunft symbolisierendes Kindgesicht.

Doch so allein steht Ogira gar nicht mit seiner Herangehensweise: Auch Thomas Putze aus Stuttgart arbeitet intuitiv und lässt sich bei seiner figürlichen Arbeit vom Material inspirieren. „Mein Konzept ist es, mit den Bäumen zu sprechen“, schmunzelte er, „ich habe alles verwendet, was ich gefunden habe“. Ein Kabinett aus geschnitzten Figuren umgibt den Künstler, darunter Frauenfiguren oder ein Hundekopf, den Stella Costa auf einem ihrer sieben Bilder gekonnt in Szene setzte. Aus einer mehr als 120 Jahre alten Linde hat der Performance-Künstler in wenigen Tagen eine „Arche“ herausgeschlagen, in der Seevögel Zuflucht gefunden haben, darunter ein gefiederter „Witzbold“, der ein Ei auf seinem Schnabel balanciert. Mit einer Performance verabschiedete Putze sich vom Symposium: Mit nacktem Oberkörper machte er sich mittels Machete in einem Haufen Grünschnitt unsichtbar.

Klaus Hack aus dem brandenburgischen Seefeld blieb seinem Konzept treu. Er schuf fünf Skulpturen, Frauenfiguren mit Zöpfen, die er schon vor einiger Zeit entwickelt hat, sowie faszinierende in die Tiefe hinein gearbeitete architektonische Stadtlandschaften nach dem Vorbild von Babel.

Edvardas Racevicius aus Greifswald schuf eine ganze Reihe von menschlichen Figuren aus seinen Stämmen: Der sorgfältig herausgearbeitete Rumpf mit schwarzen Hosen und weißem Hemd geht über in einen Kopf, meist im roh behauenen Zustand des Holzes belassen – ein „psychischer Zustand?“ fragte Blumenbecker. Der in Litauen geborene Künstler möchte das die Welt symbolisierende Holz in Kombination mit den Attributen der Arbeitswelt als Kontrast verstanden wissen. „Ich stelle Menschen in unterschiedlichen Situationen dar“, erklärte der Künstler.

Ein abstraktes Kunstwerk schuf Angela Hiß aus Düsseldorf unter dem Titel „Hinauftreiben mit dem Liquiden“ nach Hilde Domin: Sie brachte sechs wellig geschliffene Baumscheiben aus Eiche zum Schweben. „Die Herausforderung war, die 60 bis 70 Kilogramm schweren Scheiben übereinander zu hieven“, sagte sie. Dank Wolfgang Kersten von MB Baumdienste gelang schließlich auch dies. Er half beim Verbinden der Scheiben mit Hilfe von Stahlstangen, so dass sie wie eine Tatze anmuten. Der Kulturkreis Eppstein hat sich entschieden, dieses Kunstwerk für den Skulpturenweg in Eppstein anzukaufen.

Sieglinde Gros aus Michelstadt beeindruckte mit ihren figürlichen Arbeiten. Sie schuf drei stelenartige mit heller Farbe versehene Menschengruppen aus Kastanie, einem Holz, das sich weniger für eine Ausstellung unter freiem Himmel eignet. Blumenbecker bescheinigte Gros eine große Kunstfertigkeit, mit der Kettensäge die filigranen Gestalten herauszuarbeiten. Charakteristisch für die Skulpturen mit dem Titel „Verbunden“ und „Wo?“ ist, dass die Gesichter in unterschiedliche Richtungen blicken. „Was innerhalb von Gruppen passiert, interessiert mich“, erklärte die Künstlerin, „Enge und Gemeinschaft liegen oft nah beieinander“. Die Bildhauerin lässt die Gesichter sprechen.

CW. Loth aus Freiburg wiederum arbeitet mit Vierkanthölzern und sägt seine Skulpturen aus einem Stück, ohne die Teile voneinander zu trennen. „Was Sie hier sehen, ist der goldene Schnitt“, erklärte Blumenbecker. Zwei Achsen hat das Kunstwerk aus Eiche, aber das ist in den Augen des Künstlers nicht entscheidend, sondern die sich aus der „Außenhaut“ entwickelnden Kräfte: „Ich will das Innere nach außen sichtbar machen“, erklärte der 64-Jahrige, „auch genannt ‚the matter of the heart“.

Hendoc alias Hendrik Docken aus Oberursel präsentierte zur Finissage ein geschliffenes Ei aus einer über 130-jährigen Ulme, „so glatt, dass man es berühren möchte“, wie Blumenbecker bemerkte. „Holz braucht Haptik“ erklärte Hendoc. Man könne tief hineinschauen ins Holz, die Jahresringe seien deutlich sichtbar und auch so mancher Nachkriegswinter. Weitere Strukturen seien erkennbar, als habe der Baum jeden Vollmond aufgezeichnet. Ein bisschen Magie verströmte auch die Welle, an der Vater und Sohn arbeiteten, die aber während des Symposiums nicht vollendet werden konnte.

Als Sprecher der Künstler dankte Hendoc dem Kulturkreis und vor allem Matthias Bauer für das hochwertige Holz. Besonders schöne Stämme würden nicht etwa geschreddert, sondern seien der Kunst vorbehalten.

Wie alle anderen habe auch er eine Woche Dauerlärm und Staub auf dem Platz hinter sich. „Niemand hat sich weh getan“, vermeldete Hendoc dem Publikum, „die nächsten Tage rühre ich keine Kettensäge an, sondern werde nur schnitzen“.

Der Vorsitzende des Kulturkreises Eppstein, Horst Winterer, machte keinen Hehl daraus, dass ein solches Symposium nur mit dem starken Engagement von Ehrenamtlichen zu stemmen ist. „Gestern noch fegte der promovierte Ingenieur den Platz, damit Sie nicht in Sägespänen waten müssen“, schilderte er. Die Zukunft des Holzbildhauer-Symposiums hänge entscheidend davon ab, wie stabil es einer Organisation gelingt, die verschiedenen Elemente und Akteure zu einem Ganzen zu verbinden. mi

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