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Eine Reihe wunderbarer Zufälle

Mit Interesse verfolgten die Besucher des Symposiums Stella Costas „Action-Painting“. Foto: bpa

Zum siebten Mal trafen sich Bildhauer zum Symposium „Zeitzeuge Holz“ auf dem Naturholzlagerplatz im idyllischen Daisbachtal bei Niederjosbach.

Obwohl sich der Platz verändert habe – ein fester Boden hat die Schlaglöcher ersetzt, Holzhackschnitzel und Maschinen haben Platz in einer offenen Halle gefunden – sei es ein „Ort mit mystischer Atmosphäre“, begrüßte der Hausherr Matthias Bauer Künstler und Gäste bei der Eröffnung der Freiluftwerkstatt am vergangenen Sonntag. Der Duft von frisch bearbeitetem Holz lag in der Luft, das Kreischen der Kettensäge ruhte nur während der Eröffnungsfeier. Die Künstler hatten ihre Arbeitsplätze schon am Vortag zwischen Bäumen, gefällten Stämmen und Hackschnitzelhaufen eingerichtet und mit ihrer Arbeit begonnen.

Bauer erinnerte an die Anfänge des Symposiums und seiner ersten Begegnung 1997 mit der Hofheimerin Irmgard Pilz und ihrem Schützling, dem kenianischen Künstler Ogira Omburo, der auf dem damals noch sehr provisorischen Lagerplatz arbeiten wollte und fasziniert von der Materialfülle war. Omburo war beim ersten Symposium 2000 dabei und seitdem schon mehrmals zum Arbeiten auf dem Holzlagerplatz. Beim aktuellen Symposium ist er wieder zu Gast in Eppstein. Am Sonntag hatte er bereits zwei Robinien-Stämme mit rohen Umrissen zweier archaisch wirkender Figuren geschaffen. „Mother and Family“ – Mutter und Familie – sei sein Thema, verriet der Künstler.

Sein Schaffenseifer erregte schon 1997 bei den Eppsteinern Aufmerksamkeit, die damals noch ihre Gartenabfälle zum Kompostieren brachten. Auch Arno Müller war darunter, Kunstliebhaber aus Bremthal. Er griff Omburos Idee auf, überzeugte auch Matthias Bauer davon, organisierte 2000 das erste Symposium und hatte die Idee zum Skulpturenpark in Bremthal. Bis jetzt habe nach jedem Symposium ein Kunstwerk den Weg nach Bremthal gefunden, wies auch Bürgermeister Alexander Simon auf das bleibende Zeugnis des Holzbildhauer-Symposiums in Bremthal hin. Irmgard Pilz, die noch immer mit Ogira befreundet ist, erinnerte sich am Sonntag: „Das war eine Reihe von wunderbaren Zufällen, die zu diesem Symposium führten.“

Von der Leichtigkeit des Holzes und der Energie des Raumes

Ogiras Skulptur vom Holzbildhauer-Symposium 2000 steht im Landratsamt. Dessen offizieller Vertreter, Erster Kreisbeigeordneter Wolfgang Kollmeier, lobte: „Das ist Kultur in Perfektion, Sie machen totes Holz wieder lebendig!“ Künstlerischen Ausdruck ganz anderer Art boten Klangkünstler Sascha Wild, Tanzkünstlerin Silke Hänsch und die Eppsteiner Malerin Stella Costa. Mit Pinsel, Spachtel und Papier strich, tropfte, wischte und druckte Costa in Einklang und Rhythmus zu Sascha Wilds Klanginstallationen einen farbigen Wirbel auf die runde Leinwand. Wilds Collage aus Tönen, die er dem Wald abgelauscht und in digitale Klänge umgesetzt hat, inspirierten Silke Hänsch zu einer beeindruckenden Tanzperformance um einen mächtigen Holzklotz.

Bei gutem Wetter plant Wild schon am Donnerstag um 12 Uhr eine weitere Klanginstallation auf dem Platz, spätestens aber zur Finissage. Bildhauer Thomas Putze lobte die professionelle Vorbereitung des Symposiums und vor allem „die Materialsituation, die für uns wie Manna vom Himmel ist“. Er selbst hatte bis Sonntag aus vielen Abfallstücken kleine Figuren geschnitzt: Da drehte sich eine Tänzerin auf dünnen Ästen als stünde sie auf Stelzen, stapfte ein grob mit der Kettensäge geformtes Mammut und lag ein gestürzter Ikarus mit gebrochenem Flügel auf einem hölzernen Podest. Für das eigentliche Werk aus einem massiven Stamm, wartete er Sonntag noch auf eine Inspiration und spielte solange auf seiner Gitarre.

Den wohl beeindruckendsten Baumveteranen hatte sich Hendoc, alias Hendrik Docken ausgesucht: eine über 130 Jahre alte Ulme, die ein Sturm vor vier Jahren in einem Mannheimer Park umgestürzt hatte. Den Künstler aus Oberursel faszinierte sofort, dass es kaum noch so alte Ulmen in Deutschland gibt, da das große Ulmensterben vor rund 30 Jahren die Art in Deutschland stark dezimiert hat. Wolfgang Kersten vom Gastgeber MB Baumdienste berichtete außerdem, dass der Baum mit seinen Wurzeln zwei Särge zu Tage brachte, die letzten Überreste eines ehemaligen Friedhofs an dieser Stelle. MB Baumdienste entschied, dass das einmalige Naturdenkmal nicht zu Furnier oder Möbelholz aufgeschnitten, sondern für die künstlerische Arbeit aufgehoben werden sollte.

Ausschlaggebend für seine Wahl, so Hendoc, war die Herkunft des Baumes aus der Heimatstadt seiner Mutter. Beim Anblick des Baumriesen war er allerdings doch erst einmal sprachlos – so groß hatte er sich ihn nicht vorgestellt, räumte er ein. Mit der Kettensäge teilte er den Stamm in einigermaßen handliche Stücke und versuchte in den Wachstumsringen Hinweise auf die Vergangenheit zu finden: „Einschusslöcher und Granatsplitter aus Kriegsjahren sind keine Seltenheit“, sagte Hendoc. Bei der Mannheimer Ulme aber waren sie, zumindest bei den ersten Schnitten, nicht zu entdecken. Stattdessen weisen breite Jahresringe auf gute Wachstumsbedingungen hin.

Im Laufe der Woche will der Künstler aus dem Holz glatte, eiförmige Skulpturen und eine, wie er sagt, „Mondlandefähre“ schaffen, eine ergonomisch geformte Liege, auf der man die Kraft des Baums spüren und sich durch den Weltraum träumen könne.

Sieglinde Gros hatte eine Kastanie ausgewählt, aus der sie drei Figurengruppen herausarbeitet, die Gegenwart und Zukunft darstellen und schemenhaft die Vergangenheit. Angela Hiß und Edvardas Racevicius teilten sich eine Ecke des Platzes. Während Racevicius noch die Stelle für den ersten Schnitt an seinem Baum suchte, hatte Hiß bereits einen kräftigen Eichenstamm in unregelmäßige Scheiben gesägt. Die Scheiben will sie hochkant mit dünnem Baustahl zu einem „luftigen Holzstapel“ zusammensetzen. Die geglättete und geschwungene Oberfläche, soll an Wellenbewegungen erinnern. Inspiriert habe sie Hilde Domins Gedichtzeile „Hintreiben mit dem Liquiden“, sagte die Künstlerin.

CW Loth bearbeitet seinen Eichenstamm ebenfalls mit der Kettensäge und will geometrische, U-förmige Vierkanthölzer aus dem Inneren eines Stammes herauslösen, die nur noch über eine Achse des Holzes miteinander verbunden bleiben – sein Markenzeichen, das bereits bei seiner Arbeit von 2003 auf dem Skulpturenweg zu sehen ist. Durch Energie neuen Raum aus dem Inneren der Holzstämme heraus schaffen, nennt er sein künstlerisches Prinzip, das er mit den Eruptionen der Erde vergleicht. Klaus Hack hat schon am Samstag eine Art babylonischen Turm aus einem Eichenstamm herausgearbeitet, mit filigranen Stützen und unzähligen Vorsprüngen. Von der zweiten Figur waren am Sonntag bereits menschliche Umrisse zu erkennen. Wohin ihn seine Phantasie treibt und wie viele Figuren am Ende entstehen, ließ er offen.

Die Arbeiten stellt Kunsthistorikern Stefanie Blumenbecker bei der Finissage am Sonntag, 13. Mai, um 11 Uhr vor. Während des Symposiums sind Besucher täglich von 10 bis 18 Uhr auf dem Holzlagerplatz an der Bezirksstraße (L 3026) willkommen.bpa

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