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Glas, Kippen, Papier – „Müllsammeln macht süchtig“

Karl Ernst beseitigt akribisch jede Glasscherbe. Er denkt dabei an die zarten Hundepfoten nicht nur von seiner Sunny (kleines Foto).

Nahezu jeden Tag ist Karl Ernst aus der Hintergasse mit Malteser-Hündin Sunny in Eppsteins Altstadt unterwegs und sammelt dabei Müll, den andere Passanten achtlos wegwerfen. Mit dem Sammeln begonnen habe er vor einigen Jahren durch seinen Hund, sagt Ernst. Mit dem Vierbeiner an der Leine fielen ihm die vielen Glassplitter an Ruhebänken oder am Bahnhof auf, „die tagelang liegenbleiben“, hat Ernst beobachtet. Er hatte Angst, dass sein Hund sich die Pfoten aufschneiden könnte und nahm deshalb beim Gassigehen eine Mülltüte mit. Inzwischen macht der 73-Jährige sich oft ein zweites Mal, ohne Hund, auf den Weg, um die dreckigsten Stellen zu reinigen. Dann hat er auch Schippe und Besen dabei.

Seine Rundwege variiert Ernst täglich: Mal geht es über Rossertstraße und Wooganlage Richtung Eppstein Foils rund um die Burg, dann von der Bank am Gefallenendenkmal zur ehemaligen Bushaltestelle. Auch unterhalb der Bogenstützwand und auf dem Weg zum Bahnhof ist er mit seiner Mülltüte unterwegs. Auf dem Bahnhofsvorplatz könnte er sich manchmal stundenlang aufhalten, weil so viel Abfall herumliegt: „Im Sommer sitzen die Gäste der Bahnhofsgaststätte zwischen den festgetretenen Zigarettenkippen und keinen scheint es zu stören“, sagt er kopfschüttelnd. Ein Passant habe ihn neulich angesprochen und erzählt, er sammele auch Müll auf, sagt Ernst.

Er könne gar nicht mehr anders, als sich nach dem Unrat zu bücken, sagt er lachend: „Ich bin inzwischen fast schon süchtig.“ Nicht einmal vor gebrauchten Taschentüchern schrecke er zurück: „Entweder greife ich sie mit meinem eigenen Taschentuch oder benutze eine Hundekot-Tüte wie einen Handschuh zum Aufheben.

Hundehaufen fremder Vierbeiner sind übrigens die einzigen Hinterlassenschaften, vor denen er sich wirklich ekelt. „Sunnys Häufchen nehme ich selbstverständlich mit“, betont er.

Eppsteins Altstadt habe besonders viele schlecht zugängliche Winkel, hat er Verständnis dafür, dass die Stadt nicht überall mit einer Kehrmaschine unterwegs sein kann. „Es würde aber schon viel helfen, wenn jeder Eppsteiner vor seiner eigenen Haustür kehren würde“, appelliert er an die Eigenverantwortung der Bürger. Zigarettenschachteln, Kippen, Bonbonpapiere, Taschentücher, Kronkorken, Flaschen und Einkaufszettel landen auf der Straße. „Das muss aus seiner Sicht nicht sein“, sagt Ernst bestimmt, „Mülleimer gibt es fast überall und notfalls nimmt man seinen Dreck mit nach Hause“.

Manchmal erlebt auch er Angenehmes: Nach dem Jubiläumsfest auf der Burg im vorigen Jahr wollte er in der Altstadt Müll einsammeln und stellte überrascht und anerkennend fest: „Ich habe nichts gefunden, die rund 2000 Besucher haben nichts achtlos weggeworfen.“

Nun wollen Karl und Ehefrau Waltraud Ernst Eppstein verlassen. Nach 26 Jahren in der Hintergasse ziehen sie nach Hochheim, in die Nähe ihrer Tochter. Ob er dort das Müllsammeln fortsetzt, weiß er noch nicht: Bis jetzt, so Ernst, „habe ich den Eindruck, dass die Spazierwege dort sauberer sind als in Eppstein.“bpa

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