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Lebensmittelladen Schulschenk schließt nach 96 Jahren

Ute und Erika Schulschenk (vorn, v.li.), Klaus Schulschenk und Ahmet Ülgey (v.li.) vor ihrer Ladentür. Foto: bpa

Mit Kolonialwaren handelte Klaus Schulschenks Urgroßvater Christian Dinges, als er 1922 seinen kleinen Laden in der damaligen Hauptstraße 118, heute Wiesbadener Straße 47, eröffnete.

Schulschenks Mutter Erika kann sich noch an den winzigen Verkaufsraum erinnern: „Mehl, Graupen und Zucker wurden direkt abgefüllt.“ Sechs große Glasballons standen auf dem Tresen, aus denen die Bonbons lose abgezählt wurden. Einen abschließbaren Drogerie-Schrank hatte Christian Dinges mit einfachen Arzneimitteln, weil es keine Apotheke am Ort gab, und einen Eisschrank für Margarine und Butter. Beides war – ganz umweltfreundlich – in Pergamentpapier eingepackt. Die großen Eisblöcke holte Dinges in Wiesbaden.

Fast 100 Jahre hielt sich der Lebensmittelmarkt in Bremthal. Zur Jubiläumsfeier wird es nicht mehr kommen. Seit einigen Wochen ist es offiziell: Der Nah und Gut-Laden in Bremthal schließt. Klaus Schulschenk teilte es seiner Kundschaft Ende Mai in einer Anzeige in der Eppsteiner Zeitung mit.

In den vergangenen Monaten sei einiges zusammengekommen, das schließlich dazu führte, „dass wir uns zur Aufgabe des Geschäfts entschlossen haben“, sagen Klaus und Ute Schulschenk. Natürlich spüre man die Konkurrenz der großen Supermärkte in der Region, ist sich die Familie einig. Gravierender ist ihrer Meinung nach, dass fast alle Einwohner berufstätig sind und deshalb unterwegs einkaufen. „Samstags, wenn die Menschen zu Hause sind, ist unser Laden immer voll“, stellen die drei fest. Dann habe der langjährige Mitarbeiter Ahmet Ülgey gekündigt. Arbeit sei genug da für mindestens zwei Mitarbeiter. Knapp 8000 Artikel bietet der Laden auf seiner Verkaufsfläche von knapp 100 Quadratmeter, im Vergleich von bis zu 30 000 Artikeln in den großen Märkten. Da muss ständig aufgefüllt werden. Darauf sind die Schulschenks stolz und Mutter Erika meint selbstbewusst: „Was wir nicht haben, braucht man auch nicht unbedingt.“ Auch sie hilft noch tatkräftig mit. Sie werde die Gespräche mit den Kunden an der Kasse vermissen, sagt die 78-Jährige. Viele kennt sie von Kindheit an.

Den Ausschlag habe die Einführung des neuen Warenwirtschaftssystems bei Edeka gegeben. Außer in eine neue Kasse müsste Schulschenk in ein Programm investieren, das automatisch Ware nachordert, sobald sie aus dem Regal genommen wird. „Das macht bei unseren Mengen absolut keinen Sinn“, sagt Schulschenk. „Wir wollen selbst bestimmen, welche Waren wir wann und wie oft bestellen. Sonst bleibe ich auf alter Ware sitzen“. Die Abschaffung des flexiblen Einkaufs bedeutet das endgültige Aus für die kleinen Läden, ist Schulschenk überzeugt. Noch arbeite sie gern hier im Laden, weil die Kunden den Service dankbar annehmen, sagt Ute Schulschenk, „aber was wäre, wenn die Kundschaft ausbleibt, weil wir das Sortiment nicht mehr halten können?“

Die beiden Einzelhandelskaufleute bedauern die Entwicklung und hoffen, dass es vielleicht in einigen Jahren eine Gegenbewegung gibt, eine Art Renaissance für die kleinen Läden mitten im Ort. Für sie käme eine solche Entwicklung zu spät. Genau wie das Angebot der Edeka-Zentrale, die zunächst Schulschenk gefragt hatte, ob er den neuen Edeka in Eppstein übernehmen wolle. „Vor 20 Jahren hätte ich mir das ernsthaft überlegt, jetzt will ich keine so große Investition mehr tätigen“, sagt der 56-Jährige, der das Geschäft in der Wiesbadener Straße in vierter Generation führt. Nach Gründer Christian Dinges übernahm Tochter Katharina mit ihrem Mann Alfons Rudolph 1955 den Laden. Sie bauten 1964 um und erweiterten die Ladenfläche, 1972 folgten Tochter Erika und ihr Mann Thilo Schulschenk, 1992 übernahmen Klaus und Ute Schulschenk das Geschäft in Bremthal und 2004 den Laden in Alt-Eppstein. Sie beschäftigten in beiden Läden bis zu 13 Mitarbeiter. Noch vor Eröffnung des neuen Edeka in Alt-Eppstein im Februar schlossen sie den kleinen „Tante-Emma-Laden“ in der Burgstraße.

Solange er noch den zweiten Laden in Eppstein betrieb, so Schulschenk, konnte er Warenüberschuss gut ausgleichen und hatte auch andere Einkaufskonditionen. Jetzt hält vor allem der Lieferservice das Geschäft während der Woche aufrecht. Seit Jahren beliefert er Firmen in Bremthal, Vereine und Kindergärten. Bis nach Falkenstein bringt er Kitas in der Region frische Lebensmittel und Getränke. Mittwochs gibt es oft eine Extra-Tour mit frischem Fisch. Viele Bremthaler nutzen den Getränke-Lieferservice.

Noch hofft er, dass er einen Nachfolger dafür findet. Dankbar ist er, dass der Kollege im neuen Edeka die restliche Ware und Getränke Weyher in Vockenhausen die Getränke abnehmen. Das Ladenlokal hofft er zu vermieten.Die Post, die ein Nebengebäude gemietet hat, ist nach wie vor geschlossen, sucht aber angeblich Mitarbeiter. Und nach dem 30. Juni? Mutter Erika freut sich auf etwas mehr Ruhe, Klaus und Ute Schulschenk wollen erst mal „Luft holen“. bpa

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