Volltextsuche

Archiv
 

Dank Melanie Bös weiß Christian, dass das Leben schön ist

29.10.2008
 
Bewegung ist ein wichtiges Element ihrer Arbeit, sagt Melanie Bös. Jonglieren zum Beispiel trainiert die beiden Gehirnhälften.

Manchmal nennt Christian seine lebenslustige Gesprächspartnerin mit den dunklen Locken und den fröhlichen grünen Augen „kleine Frau“ oder „meine höchst kluge Lehrerin“, dann wieder ist Melanie Bös sein „zartes Reh“ oder Schneewittchen, die ihn die größte aller Erkenntnisse gelehrt habe: „Das Leben ist schön“, weiß Christian heute – Deshalb sei er heraus gekommen aus seiner Höhle. Seine Höhle – damit bezeichnet Christian seinen Autismus. Der 17-jährige Hattersheimer ist von Geburt an verhaltensauffällig.

13 Jahre lang galt Christian als schwer geistig behindert, saß abwesend herum, schaukelte vor und zurück oder zappelte wild, wenn eine Anforderung an ihn gestellt wurde. Zusammen mit der Heilerziehungspflegerin Melanie Bös gelang es ihm, sich selbst anzunehmen und Kontakt zur Außenwelt herzustellen. Vier Jahre arbeiteten sie gemeinsam daran. Die 28-Jährige, die sich nach einer Weiterbildung zur systemischen Beraterin vor wenigen Monaten selbstständig gemacht und in der Burgstraße 27 ein Institut für pädagogische Arbeit und Beratung gegründet hat, lernte den Jungen an einer Förderschule für praktisch Bildbare in Hofheim kennen, wo sie nach ihrer Ausbildung zur Heilpflegeerzieherin an einer Fachschule in Hochheim arbeitete.
Nach gemeinsamen Vorträgen über den Autismus hat die in Eppstein wohnende Heilerziehungspflegerin jetzt mit ihrem Schützling sogar ein Buch geschrieben über „Die unglaublich lieblich philosophische Reise ins Land des Erwachens“. Eindrucksvoll beschreiben die beiden ihre Gespräche und Gedanken und versuchen dabei, Verständnis für den frühkindlichen Autismus und den Respekt für Menschen zu wecken, die nicht in gesellschaftliche Normen passen: „Autisten sind eingsperrt und Nichtautisten auch. Der Unterschied ist, Autisten wissen um ihr Schicksal und Nichtautisten glauben, sie wären frei“, hält Christian seinen nichtbehinderten Lesern einen Spiegel vor.
Als frühkindlicher Autismus wird eine schwere chronische Entwicklungsstörung bezeichnet, die sich bereits in den ersten drei Lebensjahren manifestiert. Die Kinder reagieren kaum auf ihre Umgebung, zeigen weder Gefühle noch soziale Fähigkeiten oder Leistungen, die Aufschluss über ihre Intelligenz geben. Frühkindliche Autisten gelten deshalb als schwerst behindert und weisen laut gängigem Forschungsstand eine erheblich eingeschränkte Intelligenz auf. Das unterscheidet diese Form des Autismus vom sogenannten „Asperger-Autismus“, der als schizoide Persönlichkeitsstörung bezeichnet wird. Die Betroffenen sind zum Teil sogar hochbegabt, sind aber wegen ihres Mangels an Empathie unfähig zu sozialen Bindungen. Der berühmte Physiker Albert Einstein gilt als bekanntester „Asperger-Autist“.
Melanie Bös hat sich sehr früh auf die Arbeit mit Autisten spezialisiert. Sie erinnert sich: „Es war Zufall, dass ich während meines dreijährigen Vorpraktikums als Integrationshelferin an einer Schule in Bad Homburg ein siebenjähriges autistisches Mädchen kennengelernt habe.“ Wie viele Autisten, habe es sich das Lesen und Schreiben schon sehr früh selbst beigebracht. Manche Autisten lernen Schreibschrift. Anderen, Christian zum Beispiel, fehlt dazu die motorische Selbstkontrolle. Ihnen bietet der Computer die Möglichkeit, sich auszudrücken. Mit Hilfe der Methode der „gestützten Kommunikation“, hat Melanie Bös einen Zugang ins Innere autistischer Kinder und Jugendlicher gefunden. Dabei stützt sie die Kinder ganz konkret am Arm beim Schreiben, gibt aber auch wichtigen seelischen Halt.
Viele Autisten sind auf bestimmten Gebieten wie Mathematik oder Musik hochbegabt und äußerst sensibel. Allerdings fehlt ihnen die Fähigkeit, sich auf ihre Umgebung einzulassen und sich in ein soziales System einzufügen. Der Autismus scheint wie eine Schale ihre empfindlichen Seelen zu schützen.
Wer autistische Menschen therapieren will, ohne diese schützende Schale zu respektieren, mache sie krank, ist Melanie Bös inzwischen überzeugt. Wenn Autisten nicht auf ihre Umwelt reagieren, bedeute das nicht automatisch, dass sie ihre Außenwelt nicht verstehen könnten – viele können schon im Vorschulalter lesen oder sind kleine Rechengenies und spüren, dass sie für die Familie eine Belastung sind, auch wenn sie wie versteinert und völlig emotionslos wirken. Für Melanie Bös besteht darin das große Missverständnis zwischen der Welt des Autisten und der „Nicht-Autisten“. Christian formuliert das Gefangensein des Autisten in seiner Behinderung so: „Ich brauche zum Handeln Mut. Es gibt keine Handlungsstörung. Es gibt nur einsame Seelen.“
Für Melanie Bös ist Christians Entwicklung der beste Beweis dafür, dass eine Kommunikation mit Autisten möglich ist. „Vor vier Jahren war nicht daran zu denken, dass ich mit Christian einen Vortrag über Autismus halte. Heute hat er genug Selbstvertrauen, um vor 100 Besuchern aufzutreten.“ Sein wacher Geist erfasst schwierigste philosophische, theologische und psychologische Zusammenhänge, die er mit Humor und außerordentlichem Sprachgefühl formuliert.
In der Fachwelt wird Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung beschrieben, der eine Wahrnehmungsstörung vorausgeht. In der Ursachenforschung werden biochemische Vorgänge im Körper erforscht und es wird nach genetischen Anlagen gesucht. Traumatische Erlebnisse während der Schwangerschaft oder auch hirnorganische Anomalien werden als mögliche Ursachen vermutet. Allen Theorien gemeinsam sei der Grundgedanke: „Wir wissen nicht, was sie haben, deshalb wissen wir auch nicht, was wir tun sollen“, fasst Melanie Bös die Forschungsansätze zusammen.
Dem hält Christian entgegen: „Autismus ist keine Störung, sondern eine Fähigkeit. Ein Schutz zum Leben in einer Welt, in der nur das Bedrohliche gesehen wird, als würde das Licht der Sonne nicht existieren.“ Früher habe er sich als „zappelnder Idiot“ gefühlt, schreibt Christian. „Ich habe die Sonne nicht gesehen, weil ich damit beschäftigt war, Schuldige für meinen krankhaft ätzenden Zustand zu suchen“, beschreibt er sein Leben als Autist.
Heute habe er sich dafür entschieden, wach am Leben teilzunehmen. Nötig sei dafür ein verstehendes Umfeld, betont der Jugendliche: Denn der Schlaf sei der Ursprung und die Gnade des Autisten. „Wer sie weckt, ohne sie zu beschützen, zerstört Seelen.“
Klar und deutlich formuliert der 17-Jährige, der sich selbstbewusst als Philosoph bezeichnet, was ihm behagt und was nicht: „Ich schätze es nicht sehr, wenn Leute meinen Arm anfassen und mir eine Schreibtafel hinhalten“, macht Christian klar. Schon die geringste Anforderung, die ohne die notwendige wertschätzende Haltung des Therapeutens an einen Autisten herangetragen wird, kann ihn weiter in die Dunkelheit der eigenen Seele treiben, hat Melanie Bös festgestellt. „Sich zu mögen und gut zu finden, wie man ist und gemocht zu werden, kann ein Erwachen möglich machen und ist positiv. Jede andere Situation macht ein Erwachen schlimm und schutzlos. Dann ist der dunkle, furchterträgliche Schlaf positiv“, schreibt Christian über seine Erfahrungen mit unterschiedlichen Therapien. Sogar Quatsch machen könne er heute prima, tippt er: „Ich kann ohne Stütze jemandem den Vogel zeigen.“
Ihre Arbeit mit Christian und mit anderen autistischen Kindern sei weder Therapie noch Rehabilitation, betont Melanie Bös. „Ich übe nicht mit ihnen Schnürsenkel zu binden oder Alltagssituationen zu überstehen“. Ihre Intention dabei sei nicht so sehr, Menschen wie Christian zur Selbstständigkeit zu erziehen, sondern sie zunächst einmal dazu zu bringen, sich selbst anzunehmen und, in späteren Schritten, bei ihnen Verständnis dafür zu wecken, warum die Umwelt, Eltern und Lehrer, so scheinbar unverständlich auf sie reagieren. Sie begibt sich dabei immer wieder auf eine Gratwanderung. Die Kommunikation gelinge nur, wenn sie diesen jungen Menschen voll Achtung und Respekt begegne: „Ich nehme sie so an, wie sie sind – von ihrer tiefsten Unvollkommenheit bis hin zu ihren höchsten Fähigkeiten“.
Die Arbeit ausschließlich mit Autisten sei auf Dauer sehr anstrengend und kräftezehrend. Deshalb setzt sie in ihrem Institut für pädagogische Arbeit neue Schwerpunkte: Zu ihr kommen Kinder mit Teilleistungsstörungen, wie Legasthenie oder die Rechenschwäche Dyskalkulie, Verhaltensaufälligkeiten wie Hyperaktivität, aber auch mit Verweigerungshaltung oder Depression. Als systemische Beraterin analysiert sie das gesamte Lebensumfeld und sucht nach den Ursachen für die Probleme der Kinder. So ist sie der Meinung, dass vielen Kindern, bei denen das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) diagnostiziert wurde, zu leichtfertig Medikamente wie das häufig verschriebene Ritalin verabreicht würden. Viele der Kinder benötigten statt dessen mehr Bewegung und Zuwendung. Deshalb sucht sie zunächst einmal spielerisch den ersten Kontakt – mit Jonglierbällen, Tüchern, Ringen oder Schwungbändern. Manchmal lässt sie die Kinder mit kleinen Figuren spielen, um über solche kindlichen Rollenspiele Aufschluss über die möglichen Ursachen der Probleme zu erhalten.
Sie hat ein Konzept entwickelt, das Kindern mit Lernschwierigkeiten helfen soll, Defizite abzubauen, selbstbewusster und leistungsfähiger zu werden und bietet in der Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule zweimal pro Woche „Lernsport für Kinder“ an, die sich, so Bös, „trotz Intelligenz in Mathe oder Deutsch schwer tun“ – getreu ihrem Motto: „Niemand kann über seinen Schatten springen, aber jeder kann ihn durch eine Bewegung seines Körpers verändern.“ Beate Palmert-Adorff

Bewegung ist ein wichtiges Element ihrer Arbeit, sagt Melanie Bös. Jonglieren zum Beispiel trainiert die beiden Gehirnhälften.

zurück zur Übersicht
 
09.02.2010
12.2.2010:
Les Langeaisiens zur Fassenacht bei uns

Die Freunde der Fripe-Douzils aus Langeais kommen zu uns zur Fassenacht
26.2.2010:
Mitgliederversammlung Taunusliebe Niederjosbach

Zu der Mitgliederversammlung des Gesangvereins Taunusliebe 1921 Niederjosbach e.V. sind alle Mitglieder sehr herzlich eingeladen.
27.2.2010:
Vom Lied zum Song

Kulturkreis Eppstein e.V.
Soloklavier- Gesprächskonzert mit Prof. h.c. Christian Elsas mit Werken von Mendelssohn Bartholdy, Chopin. Liszt, Debussy, Rachmaninow und Gershwin.
weitere Veranstaltungen
Home | Impressum